Vom Krankengymnast zum Coach

//Vom Krankengymnast zum Coach
Gesundheit boomt und ist in allen Medien sowie branchenübergreifend ein Top-Thema. Dabei ist ein Bewusstseinswandel festzustellen. Es geht nicht nur darum, gesund zu werden, sondern gesund zu bleiben. Und dafür kann jeder selbst etwas tun. Gesundheit ist Lifestyle, was zwei Berufswelten aufeinander zugehen lässt: die Physiotherapie und innovative Fitness-studios. So entsteht eine neue Gattung der Gesundheitsdienstleister. Philipp Pintzke ist Physiotherapeut im „Visiolife“ in Bonn. Er erklärt, warum eine präventive Physiotherapie immer wichtiger wird, welche Rolle dabei die Fitnessbranche spielt, und neue und alte Trends in der Physiotherapie.

 

Warum bietet ein Fitnessstudio auch Physiotherapie an?
Visiolife ist ein gesundheitsorientiertes Fitnessstudio. Wir arbeiten ständig daran, die gesundheitliche Betreuung der Mitglieder zur verbessern. Dazu gehört beispielsweise, vor dem ersten Training eine Anamnese durchzuführen, um Risiken auszuschließen. In diesen Zusammenhang gehört auch die Integration von Physiotherapie. Außerdem haben wir in unserem Studio eine Klientel, die im Arbeitsalltag sehr belastet ist. Diese Menschen sitzen viel und bewegen sich einseitig. Daraus resultierenden Beschwerden können wir durch Physiotherapie möglichweise in Kombination mit normalem Training entgegenwirken.

Entwickelt sich die Fitnessbranche zum Gesundheitsdienstleister?
Die Branche teilt sich momentan auf. Da gibt es zum einen die sehr günstigen Anbieter, die tolle Geräte haben, aber bei denen Betreuung kein Thema ist. Von Physiotherapeuten braucht man in dem Zusammenhang gar nicht erst zu sprechen. Und dann gibt es die andere Richtung, die sich eher in Richtung Gesundheitsmarkt orientiert. Bei diesen Anbietern geht es vor allem um Gesundheit und nicht nur um Fitness und Muskelzuwachs. Interessant ist, dass auf der Messe Fibo ein Schwerpunkt ganz klar auf dem Bereich der Physiotherapie lag. Der gesunde Kunde wird immer interessanter und nicht der reine Fitnesskunde.

Vor ein paar Jahren noch ging man zur Krankengymnastik, heute geht man zur Physiotherapie: Hat sich da in der Wahrnehmung etwas verändert?
Ja, da hat sich in der Tat etwas geändert. Früher war es der Krankengymnast, der an der Bank stand und Beschwerden wegmassierte und dann noch ein paar Übungen mit dem Kunden machte. Dabei ging es vor allem um den rehabilitativen Gedanken. Mittlerweile arbeiten wir sehr viel präventiv. Die Behandlung alleine steht nicht mehr im Vordergrund, sondern vor allem auch die Information und Aufklärung. Wir sind eher eine Art Coach.

Mit welchen Problemen werden Sie konfrontiert?
Hier im Haus sind es in der Hauptsache orthopädische Probleme. Dazu gehören vor allem Rückenbeschwerden, Schulter-Nacken-Schmerzen, Probleme mit der Lendenwirbelsäule – typische Probleme von Menschen, die viel am Schreibtisch arbeiten. Neurologische Krankheitsbilder kommen auch schon einmal vor, sind aber eher selten. Ansonsten gibt es auch immer die Akutverletzungen, die wir behandeln.

Was bieten Sie genau an?
Wir bieten die klassischen Therapieformen, wie man sie kennt. Darüber hinaus kann man physiotherapeutische Behandlungen mit gerätegestütztem Training kombinieren. Dafür bieten wir Physiotherapiemitgliedschaften an. Es gibt auch Rezepte für Krankengymnastik am Gerät, da ist die Nutzung der Geräte direkt enthalten. Nebenbei kann man dann auch noch durch eine Kurzmitgliedschaft etwas mehr für sich tun. Man ist dann nicht nur auf die Termine mit mir beschränkt, sondern man kann so oft kommen, wie man möchte. Seit kurzem bieten wir auch Aquagymnastik an. Das ist sowohl über Rezept möglich als natürlich in privater Leistung. Wir bieten ein strafferes Programm für fitte Teilnehmer an und ein angepasstes für ältere nicht so fitte Teilnehmer.

Was kann man selbst vorbeugend machen, damit es gar nicht erst zu den typischen Arbeitsbeschwerden kommt?
Jeder, der den ganzen Tag im Büro arbeitet, erhält in dieser Zeit viel zu wenig Bewegung. Das heißt, der erste Schritt ist, auch dort möglichst in Bewegung zu bleiben. Die Faustregel lautet: 60 % im Büro sitzend verbringen, 30 % stehend und 10 % gehend. Man muss also Abwechslung in seinen Arbeitsalltag bringen und immer einmal wieder eine andere Position einnehmen. Das ist wichtig.

Gibt es in der Physiotherapie Trends?
Im Moment ist EMS-Training so ein Trend. Faszientraining ist schon ein Klassiker. Das ist ein Trend, der seit mehreren Jahren anhält, und der eigentlich von vielen verfolgt wird, obwohl es noch kaum aussagekräftige Studien dazu gibt. Wenn ich mich ausreichend bewegen benötige ich eigentlich kein Faszientraining. Anstelle von Blackrolls reicht oftmals ein normales Dehnprogramm.

Wie halten Sie sich selbst fit?
Durch die Aquagymnastik, die ich häufig nicht nur vor-, sondern mitmache. Dann laufe ich viel und nutze zwischendurch auch unser Trainingsangebot hier.

Wie sieht es mit den Artisten des GOP Varieté-Theaters aus? Benötigen die nicht auch schon einmal Ihre Hilfe?
Mit denen haben wir in der Tat eine kleine Kooperation. Es war erst kürzlich ein Artist bei mir, der mit dem Fuß umgeknickt war und abends auftreten musste. Den habe ich dann sofort behandelt. Die Artisten und auch die Marriott-Mitarbeiter wissen, dass sie, wenn sie etwas haben, jederzeit kommen können. Das ist doch Nachbarschaftshilfe! 


Philipp Pintzke hat in Holland studiert und 2013 seinen Bachelor gemacht. Danach arbeitete er für zwei Jahre bei einem niedergelassenen Physiotherapeuten. Im Anschluss ist er für den Masterstudiengang an die Deutsche Sporthochschule nach Köln gegangen. Er beendete sein Studium 2017 mit dem Master für Sportphysiotherapie. Nebenbei absolvierte er klassische Fortbildungen beispielsweise in manueller Therapie. Seit vergangenem Jahr arbeitet Pintzke als Physiotherapeut im „Visiolife – Health, Beauty & Wellness“.

Fotos: Visiolife