Sylvia Leydecker ist im Rheingau aufgewachsen, hat die ganze Welt bereist und in England und Frankreich gelebt. Nach einem beruflichen Vorleben bei der Lufthansa studierte sie in Wiesbaden und Jakarta Innenarchitektur. Seit 1997 ist Sylvia Leydecker in Köln mit ihrem Büro „100% interior“ selbstständig. Sie hat sich auf das Gesundheitswesen spezialisiert und spricht mit uns über Healing Environment am Beispiel der LVR-Klinik in Köln und wie ihr Patientenzimmer der Zukunft aussieht.

Sylvia Leydecker hat zwei Töchter. Doch diese hat sie am Anfang ihrer Karriere nicht erwähnt. „Sie werden das als Frau sicherlich verstehen, aber meine Auftraggeber wären skeptisch gewesen, ob ich Familie mit Beruf vereinbaren kann.“ Heute hat die Wahlkölnerin das nicht mehr nötig. Sie hat sich in der Gesundheitsszene als Innenarchitektin längst einen Namen gemacht und zahlreiche Designpreise erhalten. Einer, auf den sie besonders stolz ist, ist der IIDA HEALTHCARE DESIGN AWARD als Best of Competition 2020. „Unsere Konkurrenten waren Büros mit über 2.000 Mitarbeitern“, sagt Leydecker. Sie hat ein kleines Büro – weil sie noch selbst entwerfen möchte.

100interior LVR-Klinik Köln
Die neue psychiatrische Station der LVR-Klinik Köln ist fertiggestellt. Sie bietet den Patienten eine hohe Aufenthaltsqualität – ohne Kompromisse an die Funktionalität.
LVR-Klinik Köln
LVR-Klinik Köln

Kann ein Zimmer heilen?
Nein, das kann es natürlich nicht, aber es kann auf jeden Fall den Heilungsprozess unterstützen. Ich behaupte aber einmal ganz ketzerisch: Ein Zimmer kann krank machen. Eine unverträgliche Umgebung schlägt auf das Gemüt. Auf der anderen Seite wird der emotionale Zustand durch einen ansprechend gestalteten Raum verbessert und damit der Heilungsprozess angeregt. Psyche und Physis bilden eine Einheit, das wird immer noch zu selten gesehen.

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Sie sind auf Healthcare spezialisiert. Wie kam es dazu?
Zunächst muss man dazu sagen, dass damit nicht nur Arztpraxen gemeint sind, sondern in der Mehrheit Krankenhäuser. Das hört sich erst einmal unsexy an, aber ich finde es extrem spannend. Wie ich dazu gekommen bin? Ich habe früher für die Zeitschrift „medAmbiente“ eine Serie über innovative Materialien geschrieben. Irgendwann schlug mir der Verlag vor, ein Patientenzimmer der Zukunft zu entwerfen. Ich habe dieses Zimmer für eine Konferenz gestaltet und es wurde als Mock-up in der Medical Lounge in Berlin gebaut. Das Mock-up war damals sehr innovativ, da der Anspruch dahintergestanden hatte, eine Hotelatmosphäre zu gestalten. Zu dieser Zeit waren die Zimmer steril und leblos. Das findet man heute auch noch, aber damals war es Standard.

Das Mock-up wurde ein Erfolg …
Ja, er schlug so große Wellen, dass die PKV (Private Krankenversicherung) auf mich zukam und bat, einen Prototyp zu entwerfen. Die PKV hatte zwar schon eine Liste mit Empfehlungen, wie Patientenzimmer aussehen sollten, aber man kann Gestaltung nicht in Excel packen. Ich habe den Prototyp gebaut und die PKV ist damit auf die Krankenhäuser zugegangen. Man muss dazu wissen, dass die PKV Aufenthaltsqualität und Atmosphäre im Rahmen der Wahlleistungen honoriert.

Helle Materialien und von der Natur inspiriert – die Innenarchitektur unterstützt die Therapie.

Wird das moderne Krankenhaus immer mehr zum Hotel?
Auf keinen Fall. Ein Krankenhaus kann kein Hotel werden. Die Anforderungen im Gesundheitswesen sind zu komplex und sehr hoch. Ich spiele auf einer Klaviatur der Bedarfe. Ich muss bei meinen Entwürfen die Arbeitsprozesse eines Krankenhauses, Hygiene- und Sicherheitsvorschriften sowie – nicht zuletzt – die Arbeit der Mediziner berücksichtigen. Die Planung muss zudem zielgruppengerecht sein. Es ist ein Unterschied, ob es sich um eine Kinderstation oder eine geriatrische Station handelt.

Was ist Ihnen als Planerin wichtig?
Die Rahmenbedingungen zu erfüllen, ist das eine, aber die Ästhetik ist die andere Seite. Und dies reduziere ich nicht nur auf die Optik. Für mich ist eine multisensuelle Qualität wichtig. Wie riecht etwas, wie klingt es und wie fasst sich etwas an. Materialien haben eine Fern- und eine Nahwirkung. Beispiel Bodenbelag: Die meisten Böden sehen in der Ferne homogen aus, in der Nähe entfalten sich plötzlich ganz andere Farbigkeiten. Wenn man diese Punkte bewusst einsetzt, wird daraus ein Ganzes. Ich lege viel Wert auf Harmonie. An dieser Stelle geht es sehr in Richtung Healing Environment, einem ganzheitlichen Konzept, das das Ziel hat, Patienten während eines Klinikaufenthalts von Stressfaktoren zu befreien.

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Was ist für Sie die besondere Herausforderung?
Diese Verbindung aller bisher genannten Punkte. Ich habe außerdem den Anspruch, die Seele, den Charakter eines Krankenhauses widerzuspiegeln. Meine Entwürfe sind nicht beliebig, sondern auf den Auftraggeber genau zugeschnitten. Dies alles mit Aufenthaltsqualität, Funktionalität, Abrechnungsmöglichkeiten unter einen Hut zu bringen und dabei den Patienten nicht aus dem Fokus zu verlieren, ist die Aufgabe und Herausforderung. Es soll dem Patienten besser gehen. Aber auch den Mitarbeitenden und den Angehörigen soll es gut gehen. Wenn ich das hinbekomme, dann bin ich happy, daraus schöpfe ich meine Arbeitszufriedenheit.

Vor wenigen Monaten wurde in Köln die neue psychiatrische Privatstation der LVR-Klinik fertiggestellt, die Sie geplant haben. Können Sie einmal beschreiben, was Sie gemacht haben?
Diese Station ist ein gutes Beispiel dafür, dass es immer auch Zielkonflikte gibt und man dann als Planer unter Umständen Prioritäten setzen muss. In der LVR-Klinik ist die Suizidprävention extrem wichtig. Diese zu integrieren, ohne dass es direkt auffällt, war eine besondere Challenge. Die Aufgabe war, einen angenehmen Ort zur Heilung der Seele zu gestalten. Das Healing Environment der Räume soll Schutz, Geborgenheit, Vertrauen und Zuversicht vermitteln. Die Patienten können je nach Stimmung zwischen verschiedenen Aufenthaltsorten wählen. Im Foyer, in der Lounge und in den Aufenthaltsbereichen geht es geselliger zu. Wer sich zurückziehen möchte, befindet sich in seinem privaten Patientenzimmer auf sicherem Terrain. Es gibt Einbett- und Zweibettzimmer. Jedes für sich bietet ein Maximum an Privatsphäre – auch bei einer Zweierbelegung. Einen Zwischenraum bilden kleine separate Eingangsbereiche, die die Möglichkeit bieten, am Leben „draußen“ teilzuhaben, ohne die Geborgenheit des eigenen Zimmers zu verlassen. Diese Zwischenräume geben außerdem Ärzten die Möglichkeit, ihre Patienten zu besuchen. Ein Ansatz, den die LVR-Klinik bereits früher verfolgte. Ein geschützter Bereich kann bei Bedarf geschlossen werden. Die Lounges sind mit einer Kaffeebar ausgestattet. Es stehen verschiedene Sitzmöglichkeiten wie bequeme Bänke und Stühle, eine variable Sofalandschaft sowie Schaukelstühle zur Wahl. Manche Wände sind noch bewusst neutral gehalten, um die Patienten nicht zu triggern. Wir haben nur mit der Wahl des Farbtons „Resedagrün“ einen farbigen Akzent gesetzt. Dieser soll Entspannung und Ruhe fördern, alles Weitere ist in zurückhaltenden Naturnuancen gehalten. Private Terrassen und die umgebende Landschaftsarchitektur bekräftigen den harmonischen Gesamteindruck.

„Healing Environment ist ein ganzheitliches Konzept, das das Ziel hat, Patienten während eines Klinikaufenthalts vom Stress zu befreien.“

Sylvia Leydecker

Wie tief muss man sich in die Situation und Bedürfnisse der Patienten einarbeiten?
Ich bin jemand, der sich sehr in die Themen einarbeitet, deshalb bin ich auch spezialisiert. Man benötigt sehr viel Erfahrung speziell auch im Bereich Psychiatrie und Psychosomatik. Die Station in der LVR-Klinik ist nicht mein erstes Projekt. Vor ihr habe ich beispielsweise schon in Schloss Gracht gearbeitet.

Die Digitalisierung spielt auch im Krankenhaus eine Rolle. Welchen Einfluss hat sie auf Ihre Arbeit?
Vor diesem Hintergrund habe ich einen Soulspace entwickelt. Ein smartes Patientenzimmer in Form eines Cocoons, in dem Patienten durch die Anwendung und Hilfe neuer Technologien sowie von Digitalisierung und Materialien genesen. Menschliche Zuwendung ist dabei ausdrücklich erwünscht. Mein Soulspace berücksichtigt sowohl die physischen als auch die emotionalen Bedürfnisse, die maßgeblich zum Heilungserfolg beitragen. Bisher werden unverändert etablierte Materialien verwendet, obwohl sich parallel die digitalisierte Zukunft ankündigt. Fortschrittliche Innenarchitektur wird daher in Zukunft nicht aus Gipskarton und HPL-beschichteten Spanplatten bestehen, sondern hält mit der technologischen Entwicklung Schritt. Film, Sound, 3D-Druck und Folie sind beim Soulspace die wesentlichen Design-Komponenten.

Schloss Gracht in Erftstadt beherbergt heute eine moderne Privatklinik für psychodynamische Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Es ist für die Patienten ein geschützter, „natürlicher” Rückzugsort. Die innenarchitektonische Gestaltung beruht auf Entwürfen von Sylvia Leydecker.

Wie sieht Ihr persönliches Patientenzimmer aus?
Es hätte auf jeden Fall viel Tageslicht und Blick ins Grüne, eine angenehme Farbigkeit und Materialien um mich herum. Es hätte eine bequeme, gemütliche Sitzgelegenheit. Ich würde, anders, als es die PKV fordert, auf einen Schreibtisch verzichten. Weniger ist mehr. Ich würde das Zimmer auch verdunkeln können. Man braucht nicht nur Tageslicht, sondern zur angemessenen Zeit auch Dunkelheit. Die Beleuchtung muss angenehm und das Bad ein Bad und keine sogenannte Nasszelle sein. Ein anderer Punkt ist schöne Bettwäsche. Ich hätte gerne welche, doch darauf habe ich als Innenarchitektin keinen Einfluss. Das ist im Krankenhaus ein logistisches Problem.

Was sind Ihre aktuellen Projekte?
Ich arbeite unter anderem für ein Medizintechnikunternehmen. Hier kommen Healing Environment und das Thema Office zusammen. Außerdem bin ich in dem Bereich Produktdesign tätig und befinde mich in der wunderbaren Lage, etwas zu entwerfen, das ich später bei anderen Projekten nutzen kann. Ich habe bereits eine modulare Bank entworfen, die vielseitig einsetzbar und flexibel ist. Sie erlaubt mir als Planer Gestaltungsfreiheit und ist gleichzeitig bequem für die Nutzer. Ich arbeite außerdem an einem Krankenhausfoyer, das bald eingeweiht wird, und an einem Kreißsaal und Krankenhausneubau, die jedoch erst nächsten Sommer eröffnet werden.
(Susanne Rothe)

100interior.de

Projektfotos (9): © 100% interior Sylvia Leydecker, Fotografin Karin Hessmann