Patina, Form und Bewegung sind die Grundlagen seiner Kunst. Hinzu kommen Licht und Schatten. Willi Reiche gehört zu den Vertretern kinetischer Kunst. Er bringt aber nicht nur Dinge in Bewegung, sondern arbeitet dabei mit einem großen Fundus an Schrott – Gegenstände, die niemand mehr möchte. Ihnen haucht der gebürtige Fürther wieder Leben ein. Seit vielen Jahren lebt und arbeitet Willi Reiche in Wachtberg. Dort treffen wir den Künstler in seiner Werkstatt und begleiten ihn anschließend in die „Kunstmaschinenhalle“, in der seine fertigen Werke zu sehen sind. Ein Tag zwischen Schrott und faszinierender Kunst.

Willi Reiches Kunstmaschinen leben. Nicht, weil sie sich bewegen, das können sie schließlich nicht von alleine, sondern weil sie Geschichten erzählen, Neugier wecken und die Fantasie anregen. Sie berichten von einem Leben, bevor Willi Reiche sie aus Schrott zusammengesetzt und ihnen eine zweite Chance gegeben hat. Aus gusseisernen Transmissionsrädern, ausrangierten Quirlen, Hutmodeln und vielem mehr macht Willi Reiche Kunst, die aus der Recyclingidee gespeist wird und Erinnerungen aufleben lässt.

Sie geben ausgemusterten Gegenständen eine zweite Chance, welcher Gedanke steckt dahinter?
Schrott hat einen Wertewandel erfahren und ist ein Wertstoff geworden. Bei mir spielt der Gedanke des Re- und Upcyclings eine wichtige
Rolle. Der Recyclinggedanke steckt in allem, auch in diesen Sitzen, die mal zu einem Peugeot 404 gehörten. Sie sind nun drehbare Sitzgelegenheiten im Atelier.

Wo finden Sie die „Zutaten“ zu Ihren Werken?
Die Sammelleidenschaft ist mein Metier. Sie ist mein Antrieb und Grundlage für das, was ich tue. Aus ihr resultiert alles. Ich gehe auf Industrieschrottplätze und entdecke dort Dinge, die mich ansprechen. Haushalts- und Werkstattauflösungen sind ebenfalls eine echte Fundgrube. Ich bekomme auch sehr viel geschenkt, wie zum Beispiel diese Geburtszange, die ich im ersten Abschnitt meines zwölfteiligen Zyklus „Von der Wiege bis zur Bahre“ inszeniert habe. In meiner Kunst ist der Wiedererkennungsmoment wichtig.

Wir stehen vor einer Wand, an der mehrere quad-ratische Kästen hängen. In dem einen befinden sich nur Schachfiguren aus hellem Holz, in der Mitte ein dunkler König. Ein anderer Kasten enthält eine Sammlung von Schlüsseln, ein dritter Flaschenstöpsel made in Frankreich und wieder in einem anderen sind Bleisatzbuchstaben zu erkennen. Dahinter schwebt die Geburtszange in einem gläsernen Kubus.

Willi Reiche Kunstmaschinen

Wie gehen Sie an eine neue Skulptur heran? Arbeiten Sie intuitiv oder verfolgen Sie einen genauen Plan?
Ich will nicht sagen, ich bin völlig planlos, aber ich fertige keinen Plan an. Ich habe das Konstrukt im Kopf und arbeite entlang meiner technischen Möglichkeiten. Ich überlege mir vorher, welche Form die Arbeit erhalten soll, wie groß sie wird und welche Bestandteile ich gerne hätte. Dann fange ich an, die Kunstmaschine zu gestalten.

Ihre Kunstwerke bewegen sich – bedeutet das, Sie sind nicht nur Künstler, sondern auch Techniker?
Als Autodidakt gehe ich rein intuitiv vor, habe mir aber über die Jahre hinweg ein paar Sachen abgeschaut. Ich habe sehr früh die verschiede-
nen Gewerke kennengelernt. Das hat mir die Grundlage verschafft, um mit dieser Gattung Kunst kreativ umzugehen. Die Technik steht bei mir nicht im Vordergrund. Ich möchte einfach nur die gefundenen Gegenstände neu inszenieren, beleben und in Bewegung setzen.

Ihre Skulpturen haben Namen wie „Gequirlte Alge“, „Nous sommes en piste“ oder auch „Borstelmaier“: Sind Sie ein humorvoller Mensch?
Die Maschinen sind humorvoll. Die Titel sind humorvoll. Was folgt daraus: Da kann der Mensch auch nur humorvoll sein. Die Titelfindung und die Wortspielereien sind ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit. Das ist ein Prozess, der parallel zur Entwicklung einer Kunstmaschine abläuft. Ich will ein Beispiel geben. Eines meiner Werke trägt den Titel „Every brass you take“. Es gibt aber auch den Police-Song von 1983, der „Every Breath You Take“ heißt. Es wird ähnlich ausgesprochen, aber während „Breath“ sich auf den Atemzug bezieht, spiele ich mit „brass“ auf die Schallbecher der verarbeiteten Metallblasinstrumente an.

Wir gehen in den hinteren Raum der Werkstatt. „Vorsicht, Kopf“, warnt Willi Reiche gerade rechtzeitig, um den Zusammenstoß mit einer Zunderbürste zu vermeiden. Sie gehört zusammen mit einem Druckluftmeißel, einem Lötbrenner, einer Topfbürste, der Messerturbine eines Häckslers und einer Spritzpistole zu „Tag der Arbeit“. Zwei weitere fast raumhohe Kunstmaschinen warten noch auf ihre Vollendung. Überall stehen Regale mit Körben, in denen Schrott lagert. Reiche bezeichnet sich selbst als Industriearchäologen. Durch das Fenster sieht man in einen Hof, in dem weitere Kunstmaschinen – unter anderem eine mobile Klangskulptur – abgestellt sind. Der Schuppen beherbergt unter anderem zwei Geldzählautomaten, die Willi Reiche zusammen mit Münzen geschenkt bekommen hat. Er denkt noch darüber nach, was er mit ihnen macht.

Wie finden Sie sich hier zurecht?
Gut. (lacht)

Gibt es ein System, nach dem Sie Ihre Schätze abgelegt haben?
Ja, gibt es. Hier zum Beispiel habe ich eine Sammlung von Fleischwölfen. Die lauern darauf, in Bewegung gesetzt zu werden.

Die Werkstatt hat noch vieles zu bieten, was entdeckt werden will. Doch oberhalb von Remagen liegt ganz versteckt die Kunstmaschinenhalle, die nach Terminabsprache besichtigt werden kann. Vorbei am mächtigen „Wachtberger Drachen“, den Reiche zusammen mit Schülern der Hans-Dietrich-Genscher-Schule und dem Förderverein für Kunst und Kultur in Wachtberg e. V. realisiert hat, fahren wir zur Halle, wo bereits vollendete Werke stehen. Als „Madame France“ stellt Reiche eine der Kunstmaschinen vor. Sie besteht unter anderem aus einer Schneiderbüste, die mit einer Schnittschutzschürze – einem Kettenhemd gleich – bekleidet ist. Wenn man an einer Handkurbel dreht, zeigt „Madame France“ sich von allen Seiten. „Ein Schönheitsideal vergangener Tage“, sagt Reiche. An der Stirnseite stehen die „Dancing devils“. Ein Arrangement von Gabeln, die, wie Willi Reiche erzählt, zum Maibaumaufstellen benutzt wurden. Er setzt die Kunstmaschine in Gang und die Gabeln beginnen sich langsam zu bewegen. An der Wand zeichnen sich gespenstisch anmutende Schattenspiele ab – tanzende Teufel.

Es scheint kaum einen Gegenstand zu geben, den Sie nicht gebrauchen können.
Schauen Sie sich diese Kanaldeckel an, ihre Ornamentik lässt sie wie Häkeldeckchen aussehen. Es sind aber gusseiserne Kanaldeckel mit
Geruchsverschluss, die aus Italien kommen. „Rosetta del Lido“ heißt daher dieses Werk auch. Es hat eine tolle Schattenwirkung. Licht, Schatten, Bewegung, Harmonie, Wiederentdecken und neues Wertschätzen sind die Schlagworte, die sich durch meine Werke ziehen. 

Eine Maschine hat normalerweise einen praktischen Nutzen, welchen Zweck erfüllen Ihre Kunstmaschinen?
Nutzen? (lacht) Meine Kunstmaschinen sind komplett nutzlos. Doch ich möchte mit dem antworten, was Max Moor (Anm. d. Red.: Schauspieler, Autor, Moderator …) in seinem Vorwort für meinen Katalog geschrieben hat: „Phase vier: Entstanden ist eine Geschichten erzählende Zauberei, ein Faszinosum, eine lebendige Kunstmaschine, die jedem ihrer nutzlosen Dinge einen neuen Nutzen gibt, einen neuen Zweck und einen neuen Sinn: den Nutzen der Zwecklosigkeit und den Sinn der Kunst. Es gibt keinen Besseren!“

Sie haben in Bonn Kunstgeschichte studiert, waren dann als Grafiker tätig – wie kam es dazu, dass Sie zur Kunst wechselten?
Das Studium war mir auf Dauer zu theoretisch; ich wollte mit meinen Händen arbeiten – die konkrete Umsetzung.

Im Zusammenhang mit Ihrer kinetischen Kunst taucht auch immer der Name Jean Tinguely auf, der als Hauptvertreter der kinetischen Kunst gilt. Welche Rolle spielt er für Sie und Ihre Skulpturen?
„Hommage I“ von 1998 ist mein erstes Modell und es ist Jean Tinguely gewidmet. Damit zolle ich ihm meinen Respekt. An Jean Tinguely als Spiritus Rector kommt kein Mensch vorbei, der ein Rad in Bewegung setzt. Er ist der geistige Urheber und daran darf man sich abarbeiten. Anlässlich seines 25. Todestages habe ich eine zweite Hommage verwirklicht, die ich leider hier nicht präsentieren kann, da sie sechs Meter hoch ist. Ich entwickle aber eine ganz neue Formensprache – sehr minimalistisch und auf wenige Bestandteile reduziert. Man erkennt, dass eine Emanzipation stattgefunden hat und ich, nach mehr als 70 Kunstmaschinen, eine eigene Handschrift entwickelt habe.

Ihre Kunst kann hier in der Kunstmaschinenhalle besichtigt und von den Besuchern auch in Gang gesetzt werden. Doch es ist ein weiterer Ort in Planung: der „Moving Art Garden“. Was ist das?
„Moving Art Garden“ ist ein Projekt, das bildende und darstellende Kunst zusammenbringt. Unter dem Motto „Eine Synergie aus darstellender und bildender Kunst – bewegt, bewegend, besonders!“ haben wir uns zusammengeschlossen, um unsere jeweilige Kunstform im Freien präsentieren zu können. Unsere Tänzerfreunde Lotta Svalberg und Pascal Sani haben dafür eine Freilichtbühne errichtet. Website: www.magbonn.de

Sie scheinen selbst immer in Bewegung zu sein. Was sind Ihre nächsten Pläne?
Eine Ausstellung von „Blowin’ in the Wind“ im Luftmuseum Amberg im nächsten Jahr. Die Fertigstellung meiner mobilen Klangskulptur und des Zyklus „Von der Wiege bis zur Bahre“. Dann die Teilnahme nächstes Jahr am Drap-Art Festival in Barcelona und die Beteiligung an der Ausstellung „Echo of Memories“, ein künstlerischer Dialog zwischen Israel und Deutschland, 2022 im Künstlerforum Bonn.
(Susanne Rothe) 

willi-reiche.de
kunstmaschinenhalle.de

Willi_Reiche_Kunstmaschinen-Buch

Buchtipp:
„Kunstmaschinen Willi Reiche“, Hrsg. Tania Beilfuß, 163 Seiten, 24,95 Euro
Der Katalog stellt 70 Kunstmaschinen einzeln vor und enthält eine Einleitung der Kunsthistorikerin Dr. Helga Stoverock sowie ein Vorwort von Max Moor.

Fotos: P. M. J. Rothe, Willi Reiche