Er hat ein ungewöhnliches Hobby: Hanns-Georg Mostert sammelt Kutschen. Genauer gesagt: historische Kutschen aus dem 19. Jahrhundert, die meistens in einem desolaten Zustand zu ihm kommen und denen der Schreinermeister Schritt für Schritt neues Leben einhaucht. Wir trafen Mostert auf dem Werkstattgelände von Holzkunst Mostert in Rheinbach und warfen dort einen Blick auf seine umfangreiche Sammlung.

Über den kopfsteingepflasterten Hof gelangen wir durch ein großes Scheunentor direkt ins Kutschenparadies. Alle Fahrzeuge stammen aus der Blütezeit der Wagenbauer des 19. Jahrhunderts. Die Sammlung der Familie Mostert umfasst leichte Einspänner, größere Jagd-, Reise- und Gesellschaftswagen sowie ein luxuriöses Galacoupé. Mit diesem fuhr man früher bei Staatsempfängen und anderen repräsentativen Anlässen vor. Der rote Break, der direkt am Tor steht, stammt aus Chicago. Der sehr leicht laufende, sportliche Wagen sei angenehmer und schöner, als ein Cabriolet zu fahren, erklärt Hanns-Georg Mostert. Den schicken friesischen Tilbury restaurierte er für seine Gesellenprüfung. Und den türkisfarbenen Einspänner richtete er zusammen mit seiner Freundin wieder her. Am Tag, nachdem sie die Kutsche für die Restaurierung auseinandergeschraubt hatten, kam der gemeinsame Sohn zur Welt. So hat jede Kutsche ihre Geschichte, die sie für Mostert einzigartig macht. 

Hanns-Georg Mostert

Hanns-Georg Mostert

Herr Mostert, wie sind Sie zu diesem außergewöhnlichen Hobby gekommen?
Mein Vater hat Anfang der 1970er Jahre damit begonnen. Er hatte sich damals ein Pferd gekauft und zu dem Pferd eine Kutsche. Daraus entwickelte sich dann nach und nach eine Sammelleidenschaft, die mich angesteckt hat. Ich habe gelernt, wie man die Fahrzeuge restauriert und wollte eigentlich das Hobby zum Beruf machen. Aber davon kann man natürlich nicht leben und so kam ich auf Umwegen zur Schreinerei. Dieser Beruf kommt mir bei meinem Hobby zugute, da ich fast alles an den Wagen selbst restaurieren kann.

Eine Kutsche ist schöner als die andere. Wie viele haben Sie?
Ich habe 20 Kutschen. Seitdem mein Vater gestorben ist, hat sich die Sammlung etwas geändert. Er besaß mehr Kutschen. Ich habe seine Sammlung verkleinert, sodass ich jetzt zwar weniger, dafür seltenere Kutschen besitze. Die, die hier stehen, kann ich auch nach ihrer Restaurierung noch gut in Stand halten. Die Wagen sind fahrbereit und werden von mir auch gefahren. Wir haben vier Pferde. Ein junges und ein älteres Gespann, sodass wir alle Fahrzeugtypen, die wir haben, entsprechend bewegen können.

Im Vordergrund Omnibus der Firma Kimball, Chicago, um 1900

Im Vordergrund Omnibus der Firma Kimball, Chicago, um 1900

Fahren Sie nur zu Ihrem eigenen Vergnügen?
Natürlich auch. Ansonsten werde ich für Hochzeiten und Geburtstage gebucht. Für Filmaufnahmen wird angefragt und wir beteiligen uns an historischen Festzügen. Vergangenes Jahr machten wir gemeinsam mit anderen Sammlern eine mehrtägige Fahrt durchs Elsass. Wir waren 30 Kutschen. Alles sogenannte Omnibusse – ein schönes Bild.

Omnibus?
So nennt man die typischen Reisekutschen der Adligen im
19. Jahrhundert, mit denen sie damals mit der ganzen Familie aufs Land gefahren sind. Das Gepäck wurde oben auf dem Wagen transportiert und es saßen entweder alle draußen oder drinnen. Für die Hunde gab es einen besonderen Raum unter dem Kutschbock. Der Familien-Van der damaligen Zeit. Er fährt sich so toll, dass für mein Empfinden kein moderner Sportwagen mithalten kann.

Gibt es einen Kutschenführerschein?
Nein. Man kann ein Fahrabzeichen machen, aber solange man nur privat fährt, ist eigentlich nichts vorgeschrieben.

Wann haben Sie das erste Mal selbst eine Kutsche gefahren?
Es gibt Bilder, da lenke ich eine Kutsche und muss ungefähr acht Jahre alt gewesen sein. Damals gab es auf der Hofgartenwiese ein Turnier und wir sind in den Pausen mit den Kutschen gefahren.

Was reizt Sie an diesem Hobby?
Kutschen sind Zeugnisse vergangener Epochen und zeigen, wie die Menschen sich früher fortbewegt haben. So wie es Kleidermode gibt und gab oder Autotrends, so gab es auch bei den Kutschen unterschiedliche Moden. Eine alte Kutsche steht auch immer für eine gewisse Haltung. Der Wagen verrät einen bestimmten Farbgeschmack und ob sich jemand besonders pompös geben wollte oder nicht. Wenn ich eine nicht restaurierte Kutsche findet, ist sie womöglich noch in dem Zustand, in dem man sie vor langer Zeit irgendwo abgestellt hat. Das finde ich sehr spannend.

Kennen Sie die Geschichten hinter Ihren Kutschen?
Leider nur bei sehr wenigen. Der Informationsstrang ist nach so langer Zeit meistens abgerissen. Und wenn ein Händler dazwischensteckt, verrät dieser noch nicht einmal den Vorbesitzer. Viele Händler fürchten, dass man so den ursprünglichen Preis erfahren könnte. 

Galacoupé der Firma Herler aus Paris, Mitte 19. Jahrhundert

Galacoupé der Firma Herler aus Paris, Mitte 19. Jahrhundert

Haben Sie eine Lieblingskutsche?
Nein, jede hat ihren Reiz. Diese hier zum Beispiel ist ein Reisewagen aus Südengland. Er wurde kurz nach 1800 gebaut. Das ist ein Wagen, mit dem damals wahrscheinlich die Richter durch die Grafschaften fuhren. Er bietet Platz für vier Personen, aber es sind eigentlich nur zwei damit gereist, weil man den Wagen dann als Schlafwagen umfunktionieren konnte. Den Wagen habe ich auf einer Auktion in England gekauft. Er war sehr kaputt und seine Einzelteile waren auf mehrere Europaletten verteilt. Es waren aber noch so viele Sachen erhalten, dass man nachvollziehen konnte, wie er einmal ausgesehen hat.

Nehmen Sie bei der Aufarbeitung auch Materialien, wie bestimmte Hölzer, die man früher verwendet hat?
Ja, ich restauriere die Kutschen, so gut es geht, originalgetreu. Wir mischen allerdings die Farben nicht als Leinölfarben, wie man sie früher nahm. Solch eine Lackierung trocknet einfach zu lange. Alleine in diesem Wagen stecken etwa 1.200 Arbeitsstunden, aber man erhält einzigartige Sammlerstücke, die ich nicht wieder hergeben möchte.

„Kutschen sind Zeugnisse vergangener Epochen und zeigen, wie die Menschen sich früher fortbewegt haben.“

Gibt es noch Ersatzteile, wie beispielsweise die Lampen, die jeder Wagen hat?
Die Lampen können, wenn eine erhalten ist, nachgebaut werden.

Restaurieren Sie die Kutschen alleine oder unterstützen Sie andere Gewerke?
Ich arbeite mit einem Schmied und einem Polsterer zusammen. Alles andere mache ich selbst.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Kutsche restaurieren?
Ich versuche zunächst, so viele Informationen wie möglich über die Herkunft der Kutsche zu erhalten. Dann werden die Schäden fotografisch dokumentiert. Wir nehmen Lackreste ab und lagern sie ein, sodass wir den Farbton wiederherstellen können. Stoffreste werden ebenfalls aufbewahrt. Dann wird der Wagen auseinandergebaut und alles schrittweise dokumentiert. Danach beginnen die eigentlichen Wiederherstellungsarbeiten. Nach ein bis zwei Jahren sehen die Wagen dann so aus, wie sie hier stehen.

Scheunenfund eines Damen-Duc einer Kölner Manufaktur, um 1900

Scheunenfund eines Damen-Duc einer Kölner Manufaktur, um 1900

Coupé der Gräfin Metternich, Schloss Gymnich, um 1900

Coupé der Gräfin Metternich, Schloss Gymnich, um 1900

Phaeton von Mayer, München, um 1900, vermutlich aus dem Besitz v. Bemberg, Swisttal

Phaeton von Mayer, München, um 1900, vermutlich aus dem Besitz v. Bemberg, Swisttal

Was gibt es für Kutschen?
Es gibt die grundsätzliche Unterteilung zwischen Landfahrzeugen und Stadtfahrzeugen. Ich sammle nur städtischen Fahrzeuge oder Reisewagen, die alle aus einer Zeit zwischen 1800 und 1900 stammen. Das ist, fahrtechnisch betrachtet, die interessanteste Epoche, weil man alle Kutschen noch sehr gut fahren kann.
Alles, was älter ist, ist nicht mehr ohne Weiteres fahrbar und so selten, dass diese Kutschen ins Museum gehören.

Brauchen Kutschen, mit denen gefahren wird, eine Art TÜV?
Nein, man muss sie in der Dunkelheit ordentlich beleuchten, aber sie gelten nicht als Fahrzeug im eigentlichen Sinne.

Ist es nicht ein holpriges Vergnügen, mit einer Kutsche zu fahren?
Nein, sie sind alle sehr weich und im Vergleich zu einem Auto sehr viel besser gefedert.

„Ich restauriere die Kutschen, so gut es geht, originalgetreu.“

Leichenwagen unrestauriert, teilzerlegt, aus Dessau

Leichenwagen unrestauriert, teilzerlegt, aus Dessau

Roof-Seat-Break der Firma Kimball, Chicago, während Reparaturarbeiten

Roof-Seat-Break der Firma Kimball, Chicago, während Reparaturarbeiten

Wann sind Sie das letzte Mal mit einer Ihrer Kutschen gefahren?
Wir haben vier Pferde, die regelmäßig trainiert werden müssen, sodass ich erst vor wenigen Tagen mit der Trainingskutsche unterwegs war. Wir haben einen modernen Marathonwagen, ein Sportgerät, mit dem man auch die jungen Pferde trainieren kann.

Wie viel Zeit nimmt das alles in Anspruch?
Meine Freundin und ich sehen schon zu, dass wir dreimal in der Woche die Pferde an der Kutsche trainieren können und ansonsten werden sie geritten.

Wo finden Sie die Kutschen?
Es gibt einen kleinen Kreis von Sammlern, in dem man Kutschen hin- und hertauschen kann. Man wird auch schon einmal angesprochen und bekommt eine Kutsche angeboten. Das war kürzlich erst der Fall. Da hat jemand auf seinem Hof eine alte Kutsche gefunden, und fragte mich dann, ob ich daran Interesse hätte.

Was macht mehr Spaß, einen Wagen zu fahren oder wiederherzustellen?
Beides. Es macht großen Spaß, an den Kutschen zu arbeiten und dann freut man sich natürlich auch, die Kutschen irgendwann zu fahren. Die Kutschen sollen leben.

(Susanne Rothe)

holzkunstmostert.de
coachhouse-mostert.de

Fotos: P. M. J. Rothe (7), Hans-Georg Mostert
Titelbild: Reisewagen aus Südengland, kurz nach 1800