Mittags Probe, nachmittags Interview mit RHEINexklusiv im Theater am Dom in Köln und abends Aufführung in „Die Komödie“ in Frankfurt – René Heinersdorff scheint unermüdlich. Ein Profi mit Charme und Humor, der auch ohne Bühne Präsenz zeigt. Gut gelaunt und äußerst konzentriert gewährt uns der Tausendsassa einen Blick in die Theaterwelt.

Interview: Susanne Rothe

Wir sollen René Heinersdorff im Foyer treffen. Ein wenig zu früh dran bittet uns eine freundliche Mitarbeiterin, noch einen Moment zu warten. Klar. Kein Problem. Wir setzen uns an einen der Tische. Das Licht ist gedimmt. Es ist merkwürdig still. Von den Bildern an den Wänden blicken TV- und Boulevardgrößen wie Thomas Fritsch und Wolfgang Spier auf uns hinunter. Erinnerungen werden wach. An alte Filme und vergnüg-liche Fernsehabende. Schließlich gab es einmal eine Zeit, da musste man nicht ins Theater gehen, um Theater zu sehen. Samstagabends flimmerte es ins Haus – und füllte die Wohnzimmer. Jetzt wird klar, was im Foyer stört. Die Zuschauer. Sie fehlen. Ihre Vorfreude, das Stimmengemurmel, die erwartungsvolle Spannung. Ohne sie ist das Theater tot. Die Türe zur Bühne geht auf. René Heinersdorff kommt schnell hinein. Und mit dem ersten Satz verstehen wir, warum er ein Theatermann ist. Er erweckt das leere Foyer zum Leben. Durch seine ansteckende Begeisterung. Nur für ein Interview über Theater. Ganz ohne Zuschauer.

Sie haben Germanistik und Philosophie studiert und danach noch eine Ausbildung zum Schauspieler und Regisseur absolviert. War das Ihr eigener Wunsch oder Folge Ihrer familiären „Vorbelastung“? Ihre Mutter hatte ja viele Jahre das Theater am Dom geleitet.
Mein Berufswunsch kam auf, als meine Mutter noch nichts mit dem Theater zu tun hatte. Ich habe in Düsseldorf eine Aufführung von „Charlys Tante“ gesehen – und der Wunsch war da. Ein paar Jahre später, ich war 15, hat meine Mutter das Theater am Dom quasi als Kulturmanagerin übernommen. Das war großes Pech und großes Glück zugleich.

Warum?
Glück, weil ich dadurch sehr früh Einblick in das Theater erhielt. Pech, weil man es versäumt, andere Dinge auszuprobieren.

Bedauern Sie das?
Ja, ich habe beispielweise nie ein Auslandsjahr gemacht. Ich habe in meinem Leben auch nur ein einziges Mal vorgesprochen. Das war bei Wolfgang Spier und seitdem habe ich immer zu tun. Den Kampf um Jobs, den Schauspieler eigentlich führen, habe ich in der Form nicht erlebt. Böse Zungen sagen: „Weil er ins Theater reingeboren wurde“; liebe Zungen dagegen: „Er hatte es schnell begriffen.“ Mein Lebensweg ist außerdem sehr auf das Boulevard begrenzt. Und ich musste erst einmal lernen, dazu zu stehen. Eine Zeit lang habe ich mich dagegen gewehrt, heute bin ich stolz darauf, dass das meine Form von Theater ist.

Was reizt Sie am Theater?
Der Livecharakter. Den finde ich wichtig, und ebenso den Moment, in dem etwas schiefgehen könnte. Man versucht alles, damit das nicht passiert. Gründgens sprach davon, das höchste Ziel sei es, den Zufall auszuschließen. Also das Beste, was man erreicht, ist der Ausschluss des Zufalls. Trotzdem ist Theater ein Medium, in dem der Zufall stets eine Rolle spielt. Das ist faszinierend und der Unterschied zu den digitalen Medien.

Wo nichts dem Zufall überlassen wird …
Genau. Außerdem ist in unserem sich immer weiter digitalisierenden Zeitalter Theater eine der wenigen Sachen, zu der man noch selbst hingehen muss, um es zu erleben. Es gibt von Dieter Nuhr den wunderbaren Satz „Mama, wo ist draußen? – Draußen ist da, wo der Pizzabote herkommt.“ Wir können alles zuhause machen, aber Theater eben nicht. Theater muss live sein, sonst ist es nicht Theater.

Können Sie sich vorstellen, etwas anderes zu machen?
Ich habe das auch manchmal überlegt. Was würde ich tun, wenn Theater einmal nicht mehr sein sollte? Eigentlich halte ich das für ausgeschlossen. Aber wenn der Fall doch eintreten sollte, würde ich wahrscheinlich eine Kneipe aufmachen. In jedem Theatermann steckt ja ein Gastronom und umgekehrt. Gastronomie ist ebenfalls eine Art von Livevorstellung. Allerdings würde mir das Texten fehlen. Damit wären wir dann wieder beim Theater. Außerdem schreibe ich ausschließlich dramatisch, also in Dialogen, und nicht in epischer Form.

Sie schauspielen, sind Autor, führen Regie und Sie sind Theaterleiter – wenn Sie sich für einen Beruf entscheiden müssten, für welchen?
Schauspieler. Ich finde, der Schauspieler ist der kreativste Beruf. Das wird oft unterschätzt. Viele behaupten, Schauspieler würden nur das machen, was ihnen der Regisseur sagt, und außerdem fertige Texte sprechen. Die Möglichkeiten, die von vielen Schauspielern allerdings überhaupt nicht genutzt werden, sind jedoch sehr groß.

Macht es denn einen Unterschied, ob man im Theater am Dom oder in einem Schauspielhaus auf der Bühne steht?
Ich habe das viele Jahre verneint, da ich immer der Meinung war, dass man das Stück, das ein Autor geschrieben hat, einfach nur ernst nehmen muss. Dann entscheidet der Text, ob es lustig oder traurig ist, ob es ein Happyend gibt oder keines. Von dieser Haltung habe ich mich wegbewegt. Ich habe festgestellt, dass dieser Ansatz zwar grundsätzlich stimmt, aber die Form des Theaters, die wir hier machen, ist eine ganz eigene. Boulevardtheater gibt es nicht viele auf der Welt. Man findet sie hauptsächlich in New York, London, Paris und in Deutschland. Diese Form benötigt eine boulevardeske Eleganz, die viele Schauspieler in die Wiege gelegt bekommen. Doch nicht alle. Das macht sie nicht zu schlechten Schauspielern, ihre Stärken liegen woanders. Aber die boulevardeske Eleganz macht den kleinen Unterschied.

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Ein Mann mit vielen Interessen. René Heinersdorff liebt es, auf der Bühne zu stehen, führt Regie, schreibt und leitet zwei Theater.

Es eignet sich also nicht jeder Schauspieler für das Boulevard?
Ja, genau. Es ist eine Frage der Lautstärke, der Intensität, der Geschwindigkeit und des Timings. Dies ist ganz wesentlich für das Boulevard. Wenn man dafür kein Gespür hat, wirkt es immer hölzern – und, noch einmal gesagt, das heißt nicht, es sind schlechte Schauspieler.

Was macht darüber hinaus gutes Boulevardtheater aus?
Man muss die Situation ernst nehmen. Das bedeutet, dass die Schauspieler nicht versuchen sollten, durch Mätzchen oder Witze etwas in eine lustige Richtung zu drängen. Man muss zunächst verstehen, was der Autor als Problem oder als Konflikt vorgegeben hat. Dies wird dann mit einem gewissen Timing – einem ganz wesentlichen Faktor – zelebriert. Dabei kann dann ganz schnell gutes Boulevard entstehen.

Unterschätzt man das Boulevardtheater?
Das war lange so. Ich erkläre es am besten an einem Beispiel: Ich habe in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ einen ehemaligen Nazi gespielt. Er wird überführt und ich musste dementsprechend einen betroffenen Gesichtsausdruck machen. Das war eine Szene von gefühlten 40 Sekunden. Es gab ganz viele Leute, die sagten dann: „Toll, wie ernsthaft du das spielst.“ Aber: Jede lapidare Szene auf einer Boulevardbühne ist komplizierter zu gestalten als das. Man misst dem Tragischen immer eine größere Tragweite zu. Dies hat zur Folge, dass Boulevard oftmals unterschätzt wird.

Wird lustig nicht ernst genommen?
Ich will es so sagen: Viele glauben, das Gegenteil von lustig sei ernst. Das ist ein Irrtum. Das Gegenteil von lustig ist traurig. Und ich kenne Trauriges, das kann sehr unernst sein, und ich kenne Lustiges, das kann sehr ernst sein. Hier ist jede Kombination möglich. Natürlich – damit sind wir wieder bei dem Aspekt „gutes oder schlechtes Boulevard“ – gibt es auch Lustiges, was nicht ernst genommen wird. Also auch von den Machern des Theaters nicht ernst genommen wird. Und das ist immer schlecht. 

Sie haben einmal gesagt, Boulevardtheater sei die Einstiegsdroge zum Theater. Wie meinen Sie das?
Menschen, die noch nie ein Theater besucht haben, finden über das Boulevard leichter Zugang. Das Boulevard erzählt Geschichten mit einem gewissen Wiedererkennungswert. Das kann der Zuschauer nachvollziehen.

Sie sind theatermäßig in Düsseldorf, Köln und Bonn unterwegs – gibt es zwischen den drei Städten einen Unterschied?
Erstaunlicherweise ja. Die Unterschiede sind allerdings nicht so groß wie zwischen dem Rheinland und Berlin. Wir haben aber schon Produktionen in allen drei Städten gespielt und ganz unterschiedlichen Zuspruch erlebt. Es gab Stücke, die beispielsweise in Düsseldorf ganz ordentlich gelaufen sind und dann plötzlich in Köln oder Bonn der Renner waren, und umgekehrt.

Und die Gründe?
Dazu lässt sich schwer etwas sagen. Wir haben schon wirkliche Überraschungen erlebt. Gerade bei unserem letzten Stück „Der Vorname“, das ein bisschen anspruchsvoller ist. In Düsseldorf lief es ganz gut; wir hatten aber Bedenken für Köln. Dort war es dann ein Riesenerfolg. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Überraschung!

Sie führen ein privates Haus. Ist das Segen oder Fluch?
Beides. Wenn das Theater am Dom eine vergleichsweise kleine Subvention von 100.000 Euro im Jahr erhalten würde, könnten wir hier ganz anders die Puppen tanzen lassen. Aber wir hätten sicherlich auch Menschen am Tisch, die wir da nicht unbedingt haben möchten. Wir haben erst gestern darüber gesprochen: Der wirtschaftliche Zwang ist nicht immer unkünstlerisch. Er lässt einen vielmehr zu künstlerischen Lösungen kommen, auf die man mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit manchmal nicht gestoßen wäre. Die wirtschaftliche Freiheit schafft oftmals sehr unkünstlerische Dinge. Aber die Notwendigkeit, Theater mit begrenzten Mitteln zu realisieren, führt dann manchmal zu Lösungen, die durchaus künstlerisch sind.

Wie groß ist dann der Erfolgsdruck?
Ich beschäftige mich mit dieser Frage bewusst nicht während einer Produktion. Wir arbeiten, finden etwas gut und hoffen dann einfach, dass das Publikum es auch gut findet. Der Zuschauer entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Natürlich gibt es Erfahrungswerte und durch meine langjährigen Erfahrungen in unseren Theatern ist meine Trefferquote vielleicht etwas höher als von einem, der diese Häuser nicht kennt. Aber ein Rezept gibt es nicht. Ich versuche, offen für alles zu sein, und probiere auch unkonventionelle Vorschläge aus.

Woran liegt es denn, dass Boulevardinszenierungen immer mehr auf Kinofilme zurückgreifen?
Ich habe keine Erklärung. Eigentlich hat es das immer schon gegeben. In letzter Zeit hat es allerdings zugenommen. Wenn man ehrlich ist, muss man sagen: Manchmal ist der Titel der Star. Ich denke da an „Honig im Kopf“ – aus dem Film von Til Schweiger soll ich jetzt ein Theaterstück machen – und auch an „Ziemlich beste Freunde“.

Es finden aber auch immer mehr TV-Schauspieler den Weg auf die Boulevardbühne …
Das Boulevardtheater ist ein Startheater. Das wird ihm oft vorgeworfen, aber das war schon immer so. Es werden bewusst Stars gesucht. Sie sind der Publikumsmagnet. Oftmals lösen sich diese Kollegen vollständig vom Fernsehen, behalten aber ihren Riesennamen beim Boulevardpublikum. Herbert Herrmann ist ein gutes Beispiel. Im Moment kommt hinzu, dass das Fernsehen einen gewissen Zusammenbruch erlitten hat. Die Gagen sind deutlich kleiner geworden. Es wird zum Teil nur noch die Hälfte von dem gezahlt, was vor sechs bis sieben Jahren bezahlt wurde. Außerdem wird gar nicht mehr so viel produziert. Als wir die Comedy-Serie „Die Camper“ gemacht haben, hatte RTL noch zwölf Comedy-Fiction-Formate, die gleichzeitig produziert wurden. Das gibt es nicht mehr. Auf einmal ist das Boulevard als Arbeitgeber wieder attraktiv. Diese Situation ist für uns momentan sehr komfortabel; sie kann sich aber auch wieder verändern, wenn sich das Fernsehen berappelt.

René Heinersdorff gründete 1994 in Düsseldorf das Boulevardtheater Theater an der Kö. Seit einigen Jahren leitet er gemeinsam mit Oliver Durek auch das Theater am Dom. Der Stammbaum des Theaters am Dom führt bis 1949 zurück. Damals gründete eine Handvoll Schauspieler im „British Center“ das Westdeutsche Zimmertheater unter der künstlerischen Leitung von Hubertus Durek. 1957 zog das Theater an die Komödienstraße/Burgmauer, wo das Westdeutsche Zimmertheater sich mit Blick auf den Dom umbenannte: die Geburt des Theaters am Dom. Das Theater etablierte sich mit einem anspruchsvollen Spielplan und sorgte durch viele Ur- und Erstaufführungen dafür, dass es auch international bekannt wurde. 1964 eröffnete das Theater seine Spielstätte in der Glockengasse 11. Seitdem ist  das Theater am Dom und seine boulevardeske Kunst als fester Bestandteil im Kölner Kulturleben nicht mehr wegzudenken. www.theateramdom.de

 

Fotos: P. M. J. Rothe