Das Weinhaus Lichtenberg in Dollendorf ist eine Institution. Chefin Heidi ebenso. Wir haben sie auf ihrer Bank vor der Küche getroffen und sie hat uns erzählt: Warum sie hier häufig sitzt, was 42 Fenster mit ihrem Job zu tun haben und wann sie sich zur Ruhe setzt. Oder auch nicht.

An Heidi Lichtenberg führt kein Weg vorbei. Ihr entgeht nichts, wenn sie abends vor der Küche auf ihrer Bank sitzt. Alles im Blick. Jeder neue Gast schaut zuerst, ob die Chefin auch wirklich da ist. Ja, ist sie. Immer. „Wenn ich hier sitze, habe ich mein Tagwerk bereits hinter mir. Die Gäste, die mich kennen, wissen das. Andere denken sich sicher: Do sitzt et at widder. Das ist mir egal. Abends muss ich nur noch schauen, dass alles läuft.“

Das Weinhaus Lichtenberg wurde 1879 von Wilhelm Rösen gegründet. Ursprünglich als Postexpedition genutzt, wird seitdem in Haus Nr. 118 eine Gast- und Schenkwirtschaft betrieben. Stets im Besitz der Familie. „Mein Vater Paul hat 1948 das Weinhaus übernommen, unterstützt wurde er von meiner Mutter Adele“, erinnert sich Heidi Lichtenberg. Sie selbst ist seit 1962 im Geschäft – nicht freiwillig. Eine Angestellte hörte von heute auf morgen auf und dann kam die Ansage des Vaters: „Das Kind kommt von der Schule und fängt hier an.“ Ohne es zu ahnen begründete er damit eine neue Ära. „Ich habe alles von der Pike auf gelernt“, erzählt Heidi Lichtenberg. Nachts hat sie Fenster geputzt – sie hat sie gezählt: 42 – und dann morgens die Wäsche gemacht. „Ich hatte keine Chance, etwas anderes zu tun. Das war damals so. Aber es hat mir letztendlich nicht geschadet. Jetzt ist es mein Leben.“ Und so wie sie es sagt, hat man daran keinen Zweifel.

Es war nicht leicht. Vater Paul war ein Mensch mit großer Ausstrahlung. Die Gäste kamen zu ihm, nicht zu Heidi. „Ich hatte einen schlechten Einstand. Die Gäste haben mir nichts zugetraut und mich für sehr verwöhnt gehalten.“ Heidi Lichtenberg biss sich durch. Die Arbeit wurde zum Lebensinhalt. „Ausgehen war die Ausnahme. Ich hatte nur eine „Ausgehuniform“, aber dafür sehr viele weiße Kittel für die Küche.“ Ihre Bewährungsprobe kam, als der Vater, den sie sehr verehrte, 1981 ganz unerwartet starb. „Er war ein charismatischer Mann und plötzlich waren meine Mutter und ich alleine. Mein Vater hatte sich immer um alles gekümmert, wir wussten noch nicht einmal, ob wir genug Geld hatten, um die Beerdigung zu bezahlen.“ Doch von aufgeben war keine Rede. Mutter Adele und Tochter Heidi übernahmen die Regie im Weinhaus Lichtenberg. „Meine Mutter hat mich immer unterstützt und sich um meinen Sohn Ralph-Paul gekümmert, damit ich im Geschäft sein konnte.“ Adele Lichtenberg stirbt 1996. Von ihr und Paul hängt ein Bild über der Theke im großen Gastraum. Erinnerung an wunderbare Eltern und die dritte Gastgebergeneration im Weinhaus.

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Ein Team. Mutter Heidi und Sohn Ralph-Paul arbeiten im Weinhaus eng zusammen.

Unter Heidi Lichtenberg entwickelte sich die Gastronomie im Haus Nr. 118 stetig weiter. Heute sind 80 Prozent der Gäste Stammkundschaft. „Wir haben sehr viele ältere Menschen, die zu uns kommen. Sie wissen, dass sie hier Ansprache finden.“ Wen Heidi nicht direkt sieht, der muss nur zur Bank in die Küche gehen. Da sitzt sie. Beeindruckend durch ihre Ausstrahlung. Kein Zweifel, sie ist die Chefin. Kann hier jeder machen, was er will? „Kann er“, lacht sie, „solange es mir nicht zu bunt wird.“ Damit nur ja kein falscher Eindruck entsteht: Der Gast ist im Weinhaus Lichtenberg König. „Etwas, was mir mein Vater immer wieder gesagt hat.“ Aus vielen Gästen sind daher längst Freunde und gute Bekannte geworden. Sie kommen zur Heidi. Da wird gegessen, getrunken, erzählt, gelacht, miteinander gefeiert und auch schon einmal getröstet. Immer präsent: Heidi. Geht sie denn nie selbst weg? „Selten, wenn überhaupt dann nur freitags.“ Das Weinhaus hat dann Ruhetag. Ohne Heidi geht nichts. Sie kocht, hat auf alles ein Auge. Unterstützt wird sie mittlerweile von Sohn Ralph. Die fünfte Generation. Durch ihn kommen vermehrt jüngere Menschen ins Weinhaus. Auch von ihnen sind schon viele Stammgäste. Eine Mischung, die allen gut tut.

Alt und Jung lieben die Gemütlichkeit im Weinhaus. „Ich bin das andere Weinhaus, das mit Schlöppchen (Anm. d. Red: Schlopp, Kölsch, bedeutet Schleife)“, spielt Heidi auf die Einrichtung wie in Omas guter Stube an. Die Decken sind niedrig. Überall ist viel Holz. Auf den Original-Thonetstühlen liegen Kissen. Die Bänke sind noch von Vater Paul. Wer es gerne luftiger mag, setzt sich in den großen Innenhof, der von Markisen überdacht ist. Hier hält es sich auch bei schlechtem Wetter aus. Ein Gläschen Wein, ein Schnittchen mit hausgemachtem Kartoffelsalat. Wenn man Glück hat, hat Heidi gerade frische Schnippelbohnen- oder Gulaschsuppe gemacht. „Ich koche noch so, wie die Mütter früher gekocht haben. Kein Schickimicki. Bei mir dauert der Schmorbraten noch vier Stunden. Doch dazu haben die jungen Frauen heute kaum Zeit“, räumt sie ein. Was würde sie denn als ihr eigener Gast bestellen? Heidi zögert keine Sekunde: „Eigentlich alles, aber Roastbeefschnittchen mit Bratkartoffeln sind der Clou.“ Ihr Erfolgsrezept: Qualität. „Ich verarbeite nur beste Ware.“

Darauf können sich die Gäste noch lange freuen. Heidi Lichtenberg denkt vorerst nicht ans Aufhören. Solange sie kann, will sie ihr Geschäft weiterführen. „Ich könnte mich ja zur Ruhe setzen. Aber was sollte ich tun? Ich brauche die Action. Das Haus ist mein Leben“, betont sie noch einmal Der Erfolg hat sie nicht verändert. Die Frau mit der Reibeisenstimme weiß, wo sie hingehört. Auf den Boden von Dollendorf. „Mein Vater hat immer gesagt: Du bist die Heidi Lichtenberg aus Dollendorf und du bleibst die Heidi Lichtenberg aus Dollendorf. Du wirst nie eine feine Frau werden.“ Vater Paul hat sich geirrt. Tochter Heidi ist eine feine Frau. Eine mit viel Herz und Gefühl.

Fotos: P. M. J. Rothe (2)