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Mehr als ein Jahrhundert lang war die Geschichte des auffallenden neobyzantinischen Mausoleums auf dem Alten Friedhof in Bad Honnef so gut wie vergessen. Viele hielten den kunstvollen Bau aus zweifarbigem Sandstein einfach nur für die Friedhofskapelle. Bis die Kulturjournalistin Catrin Möderler in drei Büchern das Schicksal der dort beigesetzten Theaterfamilie Röder enthüllt und die Bedeutung des einzigartigen Bauwerks wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt hat.

Es ist das eine der reizendsten Blondinen, die jemals die Bühne betreten und vor einer solchen Erscheinung heitert sich auch das ergrimmteste Gesicht in Sanftmuth auf oder, wie Klopstock sagt, es wandelt sich der Schattenwald in Tempel, jeder Hain in Elysium.“

Die zweiundzwanzigjährige Koloratursopranistin Mila Röder hat gerade erst ihr Debüt auf der Opernbühne gegeben, als ihr die „Allgemeine Theater-Chronik“ anno 1869 bereits schwärmerische Besprechungen widmet. Zur Welt gekommen ist die auffallend schöne und charmante junge Frau im Frühjahr 1847 in Riga, Hauptstadt des Ostsee-Gouvernements Livland, damals Teil des russischen Zarenreiches. Ihr Vater ist der Schmiedemeister Christoph Magnus Dubenowsky, ihre Mutter dessen zweite Ehefrau Anna-Elisabeth, geborene Schilling. Der Geburtsname der späteren Bühnenschönheit lautet „Emilie Concordia Eveline Dubenowsky“.

Nur sechs Jahre später, im Jahr 1853, endet das beschauliche Leben der Handwerkertochter aus dem Baltikum mit einem Donnerschlag. Der damalige Direktor des Rigaer Theaters, Ferdinand Röder, beendet seine Amtszeit an dem kleinen, aber exklusiven Rokoko-Haus nicht nur mit einer spektakulären Inszenierung der Oper „Tannhäuser“, sondern auch mit einem spektakulären Skandal: Obwohl selbst verheiratet, verleitet er die Schmiedemeisters-Gattin Anna-Elisabeth, mit ihm durchzubrennen und ihre kleine Tochter mitzunehmen. Nach jahrelangem Versteckspiel heiraten die beiden schließlich in London und Ferdinand nimmt die Tochter seiner neuen Frau an Kindes statt an. Aus Emilie Concordia Eveline Dubenowsky wird „Mila Röder“.

Mila Röder

Mila Röder

Mila Röder, Foto © Catrin Möderler

Ferdinand Röder

Ferdinand Röder

Ferdinand Röder, Foto © Catrin Möderler

Annette Röder

Annette Röder

Annette Röder, Foto © Catrin Möderler

Der Mann, der sich „Ferdinand Röder“ nennt, hat bereits reiche Erfahrung im Aussitzen von Skandalen. Geboren anno 1809 in Köln als Nicolas Joseph Roeder, flüchtet er schon als Siebzehnjähriger aus dem elterlichen Böttcher-Betrieb samt ungeliebter Kaufmannslehre, heiratet die um sechs Jahre ältere Tochter eines Wundarztes aus Kleve, nimmt ihre Mitgift und geht seiner Wege. Die Ehe wird niemals ordnungsgemäß geschieden. Die rabiat ertrotzte Freiheit nutzt der entschlossene junge Mann, um seinen Traum zu leben und sich einen steilen Aufstieg als Schauspieler zu erarbeiten. Seine beste Rolle, den „Ferdinand“ in Schillers „Kabale und Liebe“, verewigt er in seinem selbst gewählten Vornamen.

An seine überall hochgelobte Schauspielkarriere schließt der Umtriebige eine ebenso erfolgreiche Laufbahn als Direktor diverser großer Theater an. Kühn ehelicht er die bedeutendste Primadonna der Zeit, die Sopranistin Bertha Richter von Ilsenau aus Prag, die unter dem Künstlernamen „Bertha von Romani“ in ganz Europa gefeiert wird. Doch keine drei Jahre nach der Hochzeit verlässt Ferdinand die Tochter eines hohen kaiserlich-habsburgischen Hofbeamten, um mit der Gattin des Rigaer Schmiedemeisters zu leben und aus ihrem zauberhaften Töchterchen einen in der ganzen Welt gefeierten Bühnenstar zu machen. Seine neu in Berlin gegründete Theateragentur soll dieses Vorhaben ermöglichen.

Schnell wird Ferdinand Röder in der preußischen Hauptstadt zum mächtigsten Theateragenten Europas. Wer auf den großen Bühnen im In- und Ausland berühmt wird, bestimmt er. Zu seiner Klientel gehören so wichtige Künstlerinnen wie die Schauspielerin Clara Ziegler, aus deren Nachlass später das Deutsche Theatermuseum in München hervorgeht, oder die Sopranistin Lilli Lehmann, die nicht nur von Richard Wagner persönlich für die Uraufführung seines „Ring des Nibelungen“ besetzt wird, sondern später auch den Grundstein für die weltberühmte Sommerakademie der Salzburger Musikhochschule „Mozarteum“ legt.

In seinen letzten Lebensjahren zieht sich Ferdinand Röder mit Frau Anna-Elisabeth – inzwischen nennt sie sich „Annette“ – und Tochter Mila auf sein schlossartiges Anwesen „Villa Mila“ (Anm.: in den 1960er-Jahren abgerissen) in Honnef am Rhein zurück. Im Sommer 1880 stirbt er an den Spätfolgen eines Schlaganfalls. Seiner Adoptivtochter Mila kann der leidenschaftliche Theatermacher zuvor noch einen kurzen, aber strahlenden Karriere-Höhepunkt in Wien organisieren. Mit größtem Erfolg tritt sie dort in drei Operetten seines Kindheitsfreundes Jacques Offenbach auf. Ihre stark angegriffene Gesundheit zwingt die gefeierte Schönheit jedoch zum frühen Abschied von der Bühne. Nur sieben Jahre nach ihrem Vater, im Frühjahr 1887, erliegt sie einem Krebsleiden. Unmittelbar nach dem Tod der Tochter lässt Annette Röder zu Ehren ihrer Liebsten das Mausoleum auf dem Alten Friedhof in Bad Honnef errichten. Nach ihrem eigenen Tod im Jahr 1893 findet auch sie hier ihre letzte Ruhe.

Catrin Möderler

Catrin Möderler

Catrin Möderler

Für Röder-Biografin Catrin Möderler ist das Mausoleum Röder das bedeutendste Grabdenkmal einer Theaterfamilie außerhalb des Wiener Zentralfriedhofs. Derzeit wird der Bau von der Stadt Bad Honnef aufwendig saniert und für die Zukunft ertüchtigt. Laut Möderler nicht nur ein Dienst an einem Juwel der Stadt, sondern an der Kultur schlechthin. Denn, in ihren Worten: „Bis in die Gegenwart ist das Mausoleum nicht nur ein eindrucksvolles Denkmal für eine schillernde Theaterfamilie, sondern auch ein Denkmal für die vielleicht glänzendste Epoche der europäischen Theatergeschichte mit all ihren erinnernswerten Angehörigen.“

Catrin Möderler
MILA RÖDER – EIN BÜHNENREIFES LEBEN
tredition, gebunden, 236 Seiten, ISBN: 978-3-7482-9394-1, 25 Euro

Catrin Möderler
FERDINAND RÖDER – EIN LEBEN DEM THEATER
tredition, gebunden, 268 Seiten, ISBN: 978-3-347-04102-8, 25 Euro

Catrin Möderler
BERTHA von ROMANI geschiedene RÖDER – EIN LEBEN NACH EIGENER REGIE
tredition, gebunden, 244 Seiten, ISBN: 978-3-347-64420-5, 25 Euro