Klein aber mein

//Klein aber mein
Wer hat nicht schon einmal Lust verspürt, sich von den vielen unnützen Dingen in der Wohnung zu trennen, die Sachen zu packen und woanders neu zu beginnen? Loslassen und aufs Wesentliche reduzieren sind die Stichworte. In Zeiten, in denen Wohnraum immer knapper und der Traum vom Eigenheim für viele Menschen ein Wunschtraum bleiben wird, rücken alternative Wohnformen immer mehr in den Fokus. Wie zum Beispiel „Tiny Houses“. Die winzigen Häuser sind zwischen acht und 55 Quadratmeter groß und beanspruchen nur wenig Platz. Sie lassen sich von einem Wohnort zum nächsten transportieren und kommen damit dem wachsenden Verlangen der urbanen Gesellschaft nach Freiheit, Unabhängigkeit und Flexibilität nach.

„Tiny Houses“ ist eine Bewegung, die aus den USA nach Deutschland geschwappt ist. Sie steckt hier aber noch sehr in ihren Anfängen. Der US-Amerikaner Jay Shafer gilt als Pionier der „Tiny Houses“, die durch die Immobilienkrise 2008 erst richtig interessant wurden. Die Ursachen für den neuen Trend sind jedoch vielfältig. Die Anzahl der Einpersonenhaushalte steigt. Derzeit sind es etwa 41 Prozent. Die Erwartungen der modernen Berufswelt führen dazu, dass die Menschen, gerade auch was die Wohnorte betrifft, immer flexibler sein müssen. Häufige Ortswechsel gehören zum Arbeitsalltag. Hinzu kommen ein gestiegenes Umweltbewusstsein und der Wunsch, möglichst wenige Ressourcen zu verbrauchen. „Tiny Houses“ sind keine Alternative zum Wohnwagen, der bleibt den Campern vorbehalten; sie sind eine Möglichkeit, in den eigenen vier Wänden flexibel und unabhängig vom Wohnungsmarkt leben zu können. Die winzigen Häuser sind auch etwas für Individualisten, die die Ruhe suchen, sich aufs Wesentliche konzentrieren, der Natur nah sein und unabhängig von der Zivilisation mobil sein möchten – Wohnen „to go“.

 

Begeistert von der „Tiny Houses“-Bewegung hat Tischlermeister Christian Bock sein eigenes winziges Haus auf Rädern realisiert.

 

Das war auch der Traum von Christian Bock. Der Tischlermeister aus Bad Wildungen hat mit seinem Team aus natürlichen und hochwertigen Holzmaterialien ein acht Quadratmeter umfassendes Minihaus entwickelt, das alles hat, was man zum Leben und Wohnen benötigt. „Ein Schneckenhaus, das sich so ursprünglich wie möglich bewohnen lässt – ohne High-Tech, ganz autark mit einem kleinen Holzofen heizen und so mit und in der Natur leben, mich von ihr inspirieren lassen. Solch einen einfachen und zugleich gemütlichen Rückzugsort soll auch unser „Tiny House“ bieten,“ erklärt Bock bei der Vorstellung. Das Häuschen auf Rädern weist alle Bestandteile eines normalen Hauses auf: Wohn- und Sitzgelegenheiten mit Tisch, eine Küchenzeile, eine Nasszelle und ein Schlafboden sind auf kleinem Raum platzsparend untergebracht. Ein moderner Holzkamin sorgt dafür, dass es auch an kalten Tagen im mobilen Wohnraum gemütlich warm ist. Die Innenausstattung ist individuell umsetzbar, was vielfältige Einsatzmöglichkeiten zulässt. www.bock-tiny-house.de

 

 

 

„Überall in der Welt zu Hause sein“, lautet auch die Philosophie, die hinter dem futuristisch anmutenden Wohnkonzept coodo steckt, das die Hamburger Firma „LTG Lofts to go“ entwickelt hat. coodo ist ein schlichter Cubus mit bodentiefen Fenstern und einer sanft gekrümmten Rahmenkonstruktion. Er kann jederzeit per Tieflader an einen anderen Platz transportiert und ruckzuck aufgestellt werden. „Mobile living“ heißt es bei „Lofts to go“. Wer sich für ein coodo mit Innenausstattung entscheidet, der muss noch nicht einmal Möbel packen, denn die für die Minihäuser entworfene Einrichtung lässt sich für den Transport befestigen. Aufgrund der geringen Größe verbraucht ein coodo – wie alle „Tiny Houses“ – weniger Material als ein herkömmliches Haus und kann daher kostengünstiger produziert werden. „Die Mobilität des coodos erlaubt eine schnelle, einfache und ökonomische Installation, die bei einem traditionellen Haus kaum möglich wäre. Sie verursacht einen minimalen Eingriff auf dem Bauplatz und in die umgebende Landschaft“, versprechen die Hersteller. coodos gibt es in unterschiedlichen Größen. Die kleinste Variante hat neun Quadratmeter und kann als Sauna oder Büro ausgestattet werden. coodos für Wohnzwecke sind mit 24, 32, 47 und 55 Quadratmetern erhältlich. Es gibt sogar ein Watercoodo, das man als Hausboot nutzen kann. www.coodo.com

 

Für moderne Nomaden ist coodo die innovative Alternative zum feststehenden Eigenheim. Die kleinste Einheit ist neun Quadratmeter groß und kann als Büro oder Sauna verwendet werden.

 

Der deutsche Designer Werner Aisslinger und der Südtiroler Unternehmer Josef Innerhofer haben gemeinsam den sogenannten Fincube entwickelt. „Das Gebäude soll das ideale Wohnen im Grünen gewähren: ein minimaler Eingriff in die Natur, eine befristete Nutzungsdauer des Geländes und vollständige Recycelbarkeit nach Gebrauch“, das ist die Idee, die hinter Fincube steckt. Er besteht aus einer Holzskelettkonstruktion mit vier Stützpunkten, einer Gebäudehülle mit dreifach verglasten Panoramafenstern sowie einem Installationskern. Die Holzlamellen sind Hingucker, Sicht- und Sonnenschutz zugleich. Die Gebäudetechnik wird über ein Bussystem gesteuert. Für die Nutzung werden nur Strom, Wasser und Abwasseranschlüsse benötigt. Mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach funktioniert der Fincube völlig autark. Alternativ dazu kann das Dach begrünt werden. Der Fincube hat eine Nutzfläche von rund 50 Quadratmetern. Die Räume sind wie ein Schneckenhaus angeordnet, sodass die einzelnen Wohnbereiche voneinander abgetrennt sind und der Würfel aus Holz größer wirkt als er ist. www.fincube.eu

 

Der Fincube ist vielseitig einsetzbar und soll das ideale Wohnen im Grünen ermöglichen – ohne große Eingriffe in die Natur und jederzeit versetzbar.

 

Auch der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel hat ein „Tiny House“ entwickelt. Bei seinem Entwurf hat Le-Mentzel sich von dem Bauhaus-Architekten Walter Gropius inspirieren lassen. Das „Unreal Estate House“ kann auf einen Anhänger gesetzt werden und ist ein Holzhaus zum Nachbauen. Es ist etwa fünf Quadratmeter groß, verfügt über eine Schlafetage für zwei, eine kleine Stube, eine Küche und ein Dusch-WC. Das Projekt „Unreal Estate House“ ist, laut seinem Erfinder, der Versuch, Menschen ein zwar kleines, aber inspirierendes Wohnumfeld zu ermöglichen, ohne Miete zu zahlen. Wie die meisten „Tiny Houses“ ist auch das von Van Bo Le-Mentzel völlig autark und braucht keine Anschlüsse für Strom, Wasser und Abwasser. www.hartzivmoebel.de

 

Auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs / Museum für Gestaltung ist der Bauhaus Campus Berlin entstanden. Alle Projekte sind in „Tiny Houses“ organisiert. Zum Auftakt des Campus eröffnete die „100-Euro-Wohnung“.

 

Unzufriedenheit mit der Welt, so wie sie ist, war der Antrieb für Theresa Steininger und Christian Frantal, den Wohnwagon zu entwickeln. „Klimawandel, Ressourcenverschwendung, Hamsterrad …: So wie es jetzt läuft, geht`s nicht weiter und gleichzeitig fehlen greifbare, spürbare Alternativen, die zeigen, wie es anders gehen kann! Das wollten wir ändern!“, betont Theresa Steininger. „Wir wollten mit dem Wohnwagon ein politisches und philosophisches Statement setzen, wie das Wohnen der Zukunft aussehen kann!“ Die Österreicherin ist überzeugt: „Der eigentliche Luxus unserer Zeit liegt in der Reduktion auf das Wesentliche. Wenn man das dann noch mit möglichst geschlossenen Kreisläufen und einer intelligenten Energieversorgung mit erneuerbaren Energien kombiniert, hat man ein völlig neues Wohnkonzept, das absolute Freiheit bei sehr hohem Wohnkomfort bietet.“ Über eine Crowdfunding-Plattform sammelten Steininger und Frantal Geld für einen Prototypen. Sie fanden mehr als 100 Investoren, die das Projekt unterstützten. Ein paar Jahre später hat das Unternehmen bereits 20 Wohnwagons verkauft und „hunderte Interessenten“ für die mobile Wohneinheit. Es gibt das 2,5 Meter breite „Tiny House“ in unterschiedlichen Längen und Ausführungen. Die Kurzversion ist sechs Meter lang und die lange Variante zehn Meter. Der Wohnwagon lässt sich mit einen ausziehbaren Erker ergänzen. Die Aufteilung und Einrichtung der Räume sowie den Autarkiegrad kann jeder selbst bestimmen. Es wurden verschiedene Module entwickelt, die den Wohnwagon unabhängig von externen Anschlüssen macht. Dank eigener Bio-Toilette, Grünklär- und Photovoltaikanlage kann das „Tiny House“ sich selbst versorgen. www.wohnwagon.at

 

Wohnwagon bietet alles rund um das Thema natürliches, autarkes Wohnen. Gearbeitet wird ohne giftige Lacke, stattdessen mit viel Holz und natürlichen, regionalen, oft auch recycelten Rohstoffen.

 

Die Einsatzmöglichkeiten für „Tiny Houses“ sind groß. Sie bieten sich nicht nur für Wohnzwecke an, sondern können ebenso als Büro oder Gästezimmer genutzt werden. Allerdings – ob großes oder sehr kleines Haus, man unterliegt immer dem Baurecht. Auch mit einem Häuschen auf Rädern kann man sich nicht überall dort, wo man möchte, niederlassen. Ein Gespräch mit dem jeweiligen Bauamt ist hilfreich. Mehr Informationen und Tipps finden Sie auch bei www.tiny-houses.de

Fotos: Katharina Jäger und Christina Hallenberger/Medienagentur Hallenberger, Tischlerei Christian Bock (7), LTG Lofts to go GmbH & Co. KG/www.coodoo.com (6), Meraner Hannes/www.fincube.eu, Steffen Jänike/www.fincube.eu, Tinyhouse University (2), WW Wohnwagon GmbH (5)