Gestern, heute und für immer: Der Stummfilm

//Gestern, heute und für immer: Der Stummfilm
Tom Wilson, Charlie Chaplin und Jackie Coogan in „Der Vagabund und das Kind“ (1921)

Tom Wilson, Charlie Chaplin und Jackie Coogan in „Der Vagabund und das Kind“ (1921)

1916–1928, die goldene Ära der Stummfilme liegt zwar schon eine Weile zurück – genau genommen sind etwa 100 Jahre in der Filmbranche eine Ewigkeit. Doch auch heute noch kennen viele die großen Namen, die Klassiker von damals: „Ben Hur“, „Metropolis“, „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ … Immer wieder spielen aktuellere Filme auf ikonische Stummfilmszenen an und erinnern an ihre Vorgänger. Prominente Beispiele sind etwa Johnny Depp, der in „Benny & Joon“ kongenial Charlie Chaplin mimt, oder Gary Oldman, der in Bram Stoker’s „Dracula“ so unnatürlich aus dem Grab steigt wie der erste Filmvampir in „Nosferatu“ 1922. Mit „The Artist“ kam 2011 sogar ein neuer Stummfilm zu Ehren ebendieser in die Kinos. Die Hommage in Schwarzweiß wurde nicht nur von Kritikern gefeiert, sondern war als Publikumsliebling auch ein kommerzieller Erfolg. Ob man nun ein Original oder etwaige Querverweise im neuesten Blockbuster gesehen hat, es ist einiges hängen geblieben im kollektiven Gedächtnis. Und dieses wird sorgfältig gepflegt: Die „Internationalen Stummfilmtage“ in Bonn etwa laden jährlich alle Interessierten ein, ausgewählte Perlen der Filmgeschichte aus aller Welt zu sehen – und das mit großem Erfolg!
PlakatwerbunG der Lumière-Brüder Cinématographe in Paris (1895)

PlakatwerbunG der Lumière-Brüder Cinématographe in Paris (1895)

Der Siegeszug des Films

1896 führten die Brüder Lumière in Frankreich erstmals eine Filmprojektion mit ihrem Cinématographen vor zahlendem Publikum vor: die Ankunft eines Zuges in La Ciotat. Eine Minute lang fährt ein Zug an der Kamera vorbei im Bahnhof ein, dann steigen Passagiere aus. Was im Grunde nur die Momentaufnahme eines alltäglichen Geschehnisses ist, war für die Besucher ein Schock. Zeitzeugen berichteten von Menschen, die in schierer Panik davor, der Zug würde in den Saal hineinfahren, nach draußen stürmten oder gar ohnmächtig wurden. Tatsächlich war dieser Nebeneffekt nur dem Umstand geschuldet, dass die Lumières einen frontalen Kamerastandpunkt wählten, um den ganzen Zug einzufangen. Mit einer seitlichen Perspektive wäre das unmöglich gewesen. So wurde unbewusst ein Element hinzugefügt, das bisherigen Aufnahmen fehlte: Dynamik.

Filmemacher David Wark Griffith (1875–1948)

Filmemacher David Wark Griffith (1875–1948)

Es dauerte nicht lang, bis die Filmindustrie erkannte, dass sich mit dem neuen Medium Geschichten erzählen lassen. Ab den 1910er Jahren wurde auch außerhalb Hollywoods Geld in die Hand genommen, um Literaturklassiker auf die Leinwand zu bringen. In Europa tendierte man zu expressionistischen Filmen wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920). Der erste lange Film, der so flüssig war, wie wir es heute aus dem Kino gewohnt sind, ist D. W. Griffiths „Die Geburt einer Nation“ von 1915 aus den USA. Griffith, der als einflussreichster Filmemacher gilt, legte bereits ein Jahr später den nächsten Meilenstein und setzte die Traumfabrik erst so richtig in Gang: „Intoleranz“ war der bis dahin teuerste je gedrehte Film und verknüpft in dreieinhalb Stunden unter dem titelgebenden Leitmotiv Ereignisse aus vier Epochen der Weltgeschichte. Ein monumentales Unterfangen, das heute noch beeindruckt. Die überwältigende Ausstattung und die Montagetechnik waren wegweisend. Ironischerweise war „Intoleranz“ ein Riesenflop an den Kinokassen. 

Zwischentitel kurz vor Ende des V. Aktes des deutschen Stummfilms „Das Cabinet des Dr. Caligari“

Zwischentitel kurz vor Ende des V. Aktes des deutschen Stummfilms „Das Cabinet des Dr. Caligari“

Kunst für alle

Das neue Medium bot Menschen aus den unterschiedlichsten Berufsfeldern die Chance, ihre Visionen in Bildern auszudrücken. Plötzlich musste man überhaupt nicht mehr aus dem literarisch-künstlerischen Bereich kommen. Wo viele mit Theatererfahrung kläglich scheiterten, wurden Männer ohne etwaige Ausbildung, aber mit viel Phantasie und Abenteuerlust zu erfolgreichen Regisseuren. Aus demselben Grund wurde natürlich auch eine breite Masse an Zuschauern gewonnen.

Der Stummfilm war nie stumm

Die Kinobesitzer taten alles, um die Stille der Stummfilme zu vertreiben. Dabei sollte gleichzeitig das Rattern des Projektors übertönt werden, und so begleiteten Pianisten und Geigenspieler die Filme; selbst kleine Orchester wurden engagiert. Manche schwuren sogar, nur wegen der Livemusik ins Lichtspielhaus zu gehen. Allerdings – und darauf bestanden im Bonner Sommerkino dieses Jahres auch die Verleiher von „Spaziergang ins Blaue“ – wurden manche Werke explizit ohne musikalische Begleitung vorgeführt. Die Zuschauer selbst waren natürlich Teil der Geräuschkulisse. Bei japanischen Filmvorführungen waren Stummfilme oft das Gegenteil von stumm. Denn dort wurden die Bilder bis in die 30er Jahre von einem Erzähler (Benshi) kommentiert.

Virginia Fox und Buster Keaton in „Das vollelektrische Haus“ (1922)

Virginia Fox und Buster Keaton in „Das vollelektrische Haus“ (1922)

Der Reiz des Stummfilms besteht auch heute noch vor allem darin, dass er die einmalige Fähigkeit besitzt, das Publikum in sich hineinzuziehen, indem er dessen Phantasie fordert. Die Zuschauer reagieren auf Andeutungen, ergänzen die fehlenden Geräusche und Stimmen und werden so zum aktiven Teilnehmer am Prozess der Projektion. Diese Erfahrung können Filmfans jedes Jahr in Bonn machen …

Bonner Stummfilmtage

Bonner Stummfilmtage

Retro-Open-Air-Kino

Es ist eine traurige Tatsache, dass ungefähr zwei Drittel aller Stummfilmproduktionen verschollen oder zerstört sind. Auch drohen viele Privatsammlungen zu zerfallen, da die Aufwandskosten für eine gute Restaurierung und die Erstellung von qualitativen Kopien sehr teuer sind. Umso erfreulicher ist es, dass Förderer weltweit sich um den Erhalt des Filmerbes kümmern und dieses auch zugänglich machen.

Bonner StummfilmtageSeit 34 Jahren ist das Bonner Sommerkino im hiesigen Kulturleben fest verankert und in der Welt bekannt. Viele Fachleute reisen zu diesem Anlass an, um ein paar Worte zu den jeweiligen Werken zu sagen. Bei freiem Eintritt können sich Zuschauer elf Tage lang unter freiem Himmel im schönen Arkadenhof der Universität auf einer 130 qm großen Open-Air-Leinwand Filmklassiker in livemusikalischer Begleitung anschauen, die im Kino sonst nicht (mehr) zu sehen sind. Zum Teil werden eigens für diese Veranstaltung Kompositionen erarbeitet, was das Ganze zu einem einzigartigen Erlebnis macht. Ein Highlight war die Vorstellung von Fred Niblos „Ben Hur“ von 1925, welche sowohl vom Klavier als auch einem Schlagzeug begleitet wurde. Durchschnittlich 25.000 Besucher verzeichnen die Veranstalter jährlich. Das Interesse an den Stummfilmtagen wächst von Jahr zu Jahr. In diesem Jahr bildeten sich mehrmals bereits 90 Minuten vor Beginn der ersten Vorführung Warteschlangen, die bisherige noch übertrafen.

Was Filmfans gar nicht hoch genug loben können, ist der Anspruch der Veranstalter, nicht die üblichen Stummfilmhits zu spielen, sondern viele bekannte und weniger bekannte Werke vorzustellen. Dank der engen Zusammenarbeit mit dem Filmmuseum München können die besten Filmkopien aus renommierten Archiven weltweit bezogen werden. So manche Entdeckung kann so gemacht werden! Außerdem verfügen die Projektoren über eine stufenlose Geschwindigkeitsregulierung. Wer an Stummfilme denkt, dem hampeln vor seinem inneren Auge oft hastige Menschen in unnatürlichem Tempo herum. Das liegt oftmals an der unpassenden Abspielgeschwindigkeit der Filmspuren, für die es damals keinen einheitlichen Standard gab. Im Bonner Sommerkino wird mit den genannten Projektoren angepasst, um das bestmögliche und authentische Erlebnis bieten zu können.

Das Schöne am Stummfilm ist die Stille. Wir schauen zwar nur, aber gerade deshalb sehen wir auch. Und es sieht nicht so aus, als würde sich das in naher Zukunft ändern …
(Bryan Kolarczyk)

Titelbild: Mary Pickford in „The Poor Little Rich Girl“ (1917)

Fotos: Thilo Beu (2), Walter Röhrig/Wikimedia Commons, unbekannter Autor/Wikimedia Commons, Henri Brispot/Wikimedia Commons, www.pexels.com, www.pxhere.com, www.pixabay.com