Mit einer zufällig erworbenen „Carte de Visite“, einer im 19. Jahrhundert beliebten Fotografie im Visitenkartenformat, begann die aufregende Suche der Musikjournalistin Catrin Möderler nach der Identität der bezaubernden Unbekannten auf diesem 150 Jahre alten Porträt. Nach vier Jahren aufwändiger Recherche enthüllte die mysteriöse Schönheit Möderler schließlich ihren Namen und gestattete einen Blick in ihre atemberaubende Biographie, die den Glanz ihrer kultur- und prachtliebenden Epoche spiegelt und einst in Bad Honnef ihr Ende fand.

„Mila Röder ist ein lebendiges Schatzkästlein weiblicher Reize und Liebenswürdigkeit und eine Künstlerin, welche alle die von der Natur ihr verschwenderisch verliehenen Schönheitsreize in ihren Darstellungen im Zauber süßester Harmonie dem Auge und Ohre zur Erscheinung bringt. Dabei ist sie noch von einer so blühenden, wirklichen – nicht künstlich gemachten – Jugend, daß Alles; was sie schafft vom Rosenduft der Unschuld und naiven Kindlichkeit umhaucht erscheint.“

Diese enthusiastischen Worte findet der zu seiner Zeit außerordentlich bekannte und geachtete Theaterexperte Ferdinand Ludwig Stolte anno 1870 im damals vielgelesenen Magazin „Allgemeine Theater-Chronik“ aus Leipzig. Die junge Dame, die er beschreibt, macht zu der Zeit gerade ihre ersten Gehversuche auf den Opernbühnen Europas. Anders als andere Theaterneulinge braucht sie damals keinen langen Weg von kleinen Bühnen und kleinen Rollen hin zu anspruchsvolleren Partien und größerer Beachtung zu gehen. Sie ist vom ersten Tag an ein Star. Dafür sorgt ihr Ziehvater Ferdinand Röder, der mächtigste Theateragent Europas. Bereits seit 40 Jahren bestimmt der gebürtige Kölner zu der Zeit das internationale Bühnengeschehen. Erst als Schauspieler, dann als Theaterdirektor, dann als Verleger und Agent. Auf den Bühnen Europas bis hin nach Übersee spielen nur diejenigen Kräfte, die er dort auch haben will. Seine Agentur macht es möglich. Welche Künstlerinnen und Künstler gute Presse bekommen – oder schlechte –, bestimmt sein Verlag mit der Zeitschrift
„Theater-Moniteur“. Von diesem Magazin schreiben damals die Kulturseiten aller anderen Zeitungen des deutschsprachigen Raumes ab.

Ferdinand Röders schönstes, wichtigstes und teuerstes Produkt ist seine eigene Stieftochter. Ein Kind von bezaubernder Schönheit und außerordentlicher musikalischer Begabung. Das Mädchen, das er einst in einer Nacht-und-Nebel-Aktion adoptiert hat. Indem er ihre Mutter – auf nach deutscher Lesart nicht vollständig legale Weise – heiratet. Jene Frau, die ihrem rechtmäßigen Ehemann, dem leiblichen Vater ihres Töchterchens, für ein Leben mit Röder schlichtweg „durchgeht“ und die ihr Kind damals mitnimmt. In ganz Europa wird sie seither als Verbrecherin gesucht.

Eine Kaskade glücklicher Zufälle, verknüpft mit einer aufwendigen Recherche in zahllosen europäischen Archiven, liefert Catrin Möderler nach mehrjähriger Arbeit die Details dieser abenteuerlichen Geschichte. Den Anfang macht ein Artikel in der Bonner Tagespresse, der Möderler – mehr oder weniger zufällig – den Namen ihrer Hauptperson enthüllt. Originale Urkunden in weit verstreuten Archiven entschlüsseln das familiäre Umfeld und die tragische Laufbahn der Heldin. Dass jene Mila Röder eine junge, schöne und zweifellos hochbegabte Sängerin ist, die mit aller Macht zu großer Berühmtheit geschoben wird, aber dem immensen Druck letztendlich nicht standhalten kann, weckt das Interesse der Musikjournalistin. Ihre eigene Biographie als ausgebildete Opernsängerin macht es ihr möglich, fachgerecht zu beurteilen, was Mila Röder zu ihrer Zeit erlebt – und erlitten – hat. Möderler weiß, dass der ambitionierte, aber vollständig verantwortungslose Umgang mit einer jungen Künstlerin, die komplette Überforderung, verbunden mit dem süßen Gift der erkauften Berühmtheit und der damit einhergehenden permanenten öffentlichen Beachtung, einen jungen Menschen zwangsläufig ruinieren muss. Noch dazu, wenn dieser Mensch eine schwere Bürde aus seiner Vergangenheit trägt: eine zerbrechliche Gesundheit.

Mila Röder
Catrin Möderler

Catrin Möderler

Für die kurze, umso strahlendere Zeit ihrer größten Triumphe ist Mila Röder damals der Stern der europäischen Gesellschaft. Modekomponist Jacques Offenbach – heillos verliebt in die bezaubernde Schönheit – schreibt eine eigene Operette für sie, alle Größen, vom russischen Schriftsteller Turgenjew bis zum deutschen Kaiser Wilhelm I., schwärmen von ihr. Viele der Musikwerke, die berühmte Komponisten der Zeit der jungen Sängerin damals auf den Leib schreiben, hat Catrin Möderler in sorgfältiger Recherche wiederentdeckt.

Mausoleum Röder, Alter Friedhof in Bad Honnef

Mausoleum Röder, Alter Friedhof in Bad Honnef

Trotz aller Protektion durch den mächtigen Stiefvater, trotz aller Huldigungen durch die wahrhaft „schockverliebte“ High Society nimmt ein Drama seinen Lauf: Nicht ganz zehn Jahre nur glänzt der Stern der Mila Röder am Firmament des europäischen Theaters. Danach macht eine schwere Krankheit alle weiteren Karrierepläne zunichte. Einige Jahre noch verbringt sie – vollständig zurückgezogen – in einer prächtigen Villa in Honnef am Rhein. Ihr Stiefvater hat dieses Haus schon Anfang der 1870er Jahre in dem damals neu aufstrebenden Luftkurort erworben. Die gute Luft bleibt wirkungslos. Kaum 40 Jahre alt stirbt Mila Röder im Jahr 1887 bei einer missglückten Operation in einem Kölner Krankenhaus. Ihre Mutter, jene mutige Frau, die dereinst alle gesellschaftlichen Konventionen über Bord geworfen hat, um mit Ferdinand Röder, dem Mann ihrer Wahl, in der großen Welt zu leben, setzt ihrer Tochter ein bleibendes Denkmal: Auf dem „Alten Friedhof“ in Bad Honnef lässt sie für Mila, Ferdinand und sich selbst ein Mausoleum im byzantinischen Stil erbauen. Nach ihrem Tod gerät das Schicksal der Theaterfamilie Röder schnell in Vergessenheit. Weit über 100 Jahre lang. Bis ein altes Foto eine interessierte Journalistin wieder auf ihre Fährte setzt. Und die bezaubernde Mila Röder aus der Vergessenheit herausführt.

BUCHTIPP:
Catrin Möderler
Mila Röder: Ein bühnenreifes Leben
tredition, gebunden, 236 Seiten
ISBN: 978-3-7482-9394-1
25 Euro

Fotos: Catrin Möderler (4)