Keine Angst vor den schönen Künsten: Zwar mag die Schönheit im Auge des Betrachters liegen und der Wert sich auf dem Markt zeigen. Doch vereint die Kunst beides zu wertvoller Schönheit. Mit Rendite.

Hin und wieder schielen die Aktienbroker an der New Yorker Wallstreet oder der Frankfurter Börse ein wenig neidisch nach London. Nicht zu ihren Kolleginnen und Kollegen an der London Stock Exchange, sondern zu den Frauen und Männern mit einem hölzernen Hammer. Diese stehen in Auktionshäusern wie Sotheby’s oder Christie’s und machen mit einem Hammerschlag in einer Sekunde oftmals mehr Rendite als Aktienhändler, die lange Zeit auf den richtigen Zeitpunkt des Kaufens und Verkaufens warten müssen. Kunst ist längst zu einem interessanten Investment geworden, was Rekordverkäufe belegen – etwa für zwei Werke von Andy Warhol aus den Beständen des Aachener Casinos im vergangenen Herbst.

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Impressionen. Die Art Cologne findet jedes Jahr in Köln statt und lockt Tausende Kunstinteressierte in die Domstadt. Am 16. April öffnet die Art Cologne 2015 ihre Türen (Bild oben). Abstrakt. Die Galerie Helga de Alvear hatte 2014 diese Werke von Madrid mit nach Köln gebracht (dieses Bild).

Doch viele Menschen scheuen den Weg in die Kunstszene. Dabei braucht es nicht viel, um an diesem interessanten Markt teilhaben zu können: Neben der Freude an schönen Bildern und ein wenig Interesse sind keine Millionenbeträge auf dem Konto erforderlich, um erfolgreich Sammler zu werden. Selbstredend bekommt man für 5.000 Euro keinen Picasso und längst auch keinen Warhol mehr. Wer dennoch auf einen bekannten Namen setzt, sich damit auf der sicheren Seite wähnt, Kunst als reines Investment betrachtet und einen hohen Betrag für beispielsweise ein Bild eines renommierten Künstlers bezahlt, macht sich von dessen Entwicklung abhängig.

Nüchtern betrachtet ist es am Ende die Rendite, die ein Kunstwerk wertvoll macht. Es ist vergleichbar damit, wenn man an der Börse sein ganzes Vermögen auf eine einzige Aktie setzt. Somit gilt in der Kunstwelt die gleiche Regel wie in der Finanzwelt: Die Streuung macht’s. Das Risiko ist viel geringer, wenn man für weniger Geld in mehrere Künstler investiert. Einen preiswerten Einstieg in die Welt des schönen Seins bietet vor allen Dingen die zeitgenössische Kunst. Hier ist das Angebot groß, beinahe unüberschaubar, die Preise sind moderat, die Themen und Sujets vielschichtig. Doch birgt dieses Segment auch die größte Unsicherheit: Nicht jedes Bild, das man kauft, garantiert eine bedeutsame Wertsteigerung. Die Unternehmensberatung Deloitte hat zwar ermittelt, dass die Preise für zeitgenössische Werke seit dem Jahr 2000 im Schnitt um fast zwölf Prozent gestiegen sind – wohlgemerkt jährlich –, doch stellt sich dies nicht automatisch ein. Denn: Kunst ist eine Geschmacksfrage. Und der Geschmack unterliegt der Mode, ändert sich von Jahr zu Jahr, von Saison zu Saison. Eine weitere Parallele zum Aktienmarkt: Nur weil der Dax-Index im letzten Jahr deutlich gestiegen ist, bedeutet das noch lange nicht, dass sich jeder einzelne der Dax-Werte genauso prächtig entwickelt hat.

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Interessant. Der Stand der Konrad Fischer Galerie auf der letztjährigen Art Cologne.

Der Dax der zeitgenössischen Kunst ist der Mei Moses Fine Art Index. Er setzt sich aus den Daten von Kunstkäufen zusammen. Entwickelt wurde der Index von den Wirtschaftsprofessoren Jiangping Mei und Michael Moses aus New York City und er berechnet sich aus der Differenz zwischen den Verkaufspreisen von Meisterwerken. Daraus lässt sich eine Entwicklung des Kunstmarkts über die Jahre hinweg ablesen. Und diese ist vielversprechend.

Trotz aller Gemeinsamkeiten und Parallelen zwischen Kunstmarkt und Aktienwelt zeigen sich auch deutliche Unterschiede. Investiert man in einen Wert an der Börse, braucht man sich keine weiteren Gedanken zu machen, denn eine Aktie gleicht der anderen und hat denselben Wert. Investiert man hingegen in einen Künstler, muss man genau hinschauen – auf die einzelnen Werke. Denn diese unterscheiden sich deutlich voneinander, auch wenn sie von demselben Künstler sind. Das beginnt bei solch profanen Dingen wie der Größe des Bildes und der Technik: Ein kleines Bild ist beispielsweise weniger wert als ein großes. Selbst die Qualität von einzelnen Skulpturen des gleichen Künstlers kann höchst unterschiedlich sein. Dann gibt es noch den Werdegang und die künstlerische Biografie des Malers oder Bildhauers. Denn – wie sehr der Zeitgeist entscheidet, das musste selbst Pablo Picasso zur Kenntnis nehmen. Zu seinen Lebzeiten galt sein Spätwerk als nahezu unverkäuflich. Heute ist es sehr begehrt. Am Ende entscheidet die Mode darüber, welches Bild, welcher Künstler Gewinn bringt, welcher en vogue ist und wer wieder in den Katakomben der Kunstgeschichte verschwindet. Eine sichere, verbriefte und verzinste Entwicklung bietet der Kunstmarkt nicht, dafür macht er im Gegenzug ein ganz klein wenig süchtig und ist interessanter als die Entwicklung der Zinsen auf dem Sparbuch.

Also hinein in die Welt der Künstler, der Avantgarde und der Boheme! Für Einsteiger heißt dies vor allen Dingen: keine Angst vor gar nichts. Der Kunstmarkt ist kein Buch mit sieben Siegeln und auch kein geheimes Weltwissen. Der Schlüssel zu ihm ist einfach: Informationen. Galerien besuchen, Ausstellungen anschauen, im Internet recherchieren, vielleicht sogar den Weg in ein Atelier wagen, wenn die Kunstszenen einzelner Städte zu Tagen des Offenen Ateliers einladen. Einen sehr guten Eindruck vom internationalen Kunstmarkt erhält man auf der jährlich stattfindenden Art Cologne. Die weltweit älteste noch bestehende Messe für bildende Künste findet vom 16. bis 19. April in der Domstadt statt. Rund 200 internationale Galerien präsentieren ihre Kunstwerke, darunter Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Drucke, Multiples, Installationen, Performances und Videokunstwerke. Eine weitere Option für Kunstinteressierte: Mitglied im Kölnischen oder Bonner Kunstverein werden. Die  Vereine bieten oftmals jungen, unbekannten, hoffnungsvollen Talenten einen Raum für Ausstellungen und laden zu Vorträgen und Führungen ein.

Für das erste Kunstwerk, das man sein Eigen nennen möchte, sollte auch der persönliche Geschmack zu Rate gezogen werden, denn Kunst soll Freude machen. Unbedingt. Wer dann in einer Galerie oder einem Atelier ein Bild entdeckt, für das sein Herz schlägt, der kann sich an einer ganz einfachen Faustregel orientieren – dies gilt gerade für junge, unbekannte Malerinnen und Maler. Dabei werden Länge und Breite eines Bildes in Zentimetern addiert und das Ergebnis mit dem Faktor zehn multipliziert. Ist ein Bild 70 Zentimeter lang und 50 Zentimeter breit, ergibt deren Summe 120. Multipliziert mit zehn kommt man auf einen Preis von 1.200 Euro. Sobald eine Künstlerin oder ein Künstler jedoch erste Erfolge vorweisen können – wie etwa die Teilnahme an einer  Ausstellung –, wird der Multiplikator zehn erhöht. Für Meisterwerke gilt diese Regel allerdings nicht. Dennoch ist sie ein erster Anhaltspunkt dafür, ob der Preis, der für das Bild aufgerufen wird, seriös ist.

Wer dennoch an der Börse bleiben möchte, der kann  auch in die Aktien der Auktionshäuser investieren. Das Wertpapier von Sotheby’s notiert in New York mit einer beachtlichen Wertentwicklung, die es mit so manchem Spitzengemälde aufnehmen kann.

 

Expertenstimmen

 

kunstexperten

Jörg Blömer (links), Dr. Stephanie Bohn (2. v. l.), Christiane Obermann (Mitte), Axel Burkhard (2. v. r.) und Markus Eisenbeis (rechts)

Welche Chancen bietet das Investment „Kunst“?
„Freude und – wenn Sie die richtigen Investitionen in Kunst tätigen und jung genug sind – eventuell einen Wertanstieg.“

Was war Ihr letztes Kunstinvestment?
„Der große „Cragg“ auf dem Bonner Remigiusplatz.“

In welche Künstlerin oder welchen Künstler würden Sie zurzeit gerne investieren und warum?
„Fernando Botero, weil ich ihn einmalig, sinnlich und eigenständig finde.“
(Jörg Blömer, Kaufmann, Bonn)

Welche Chancen bietet das Investment „Kunst“?
„In Kunst zu investieren kann lohnend sein, auch in materieller Hinsicht, muss es aber nicht. Die Beschäftigung mit Kunst lohnt jedoch immer.“

Was war Ihr letztes Kunstinvestment?
„Ein Gemälde von David Reed.“

In welche Künstlerin oder welchen Künstler würden Sie zurzeit gerne investieren und warum?
Da gibt es mehrere: Katharina Grosse, die ich schon lange bewundere, Olav Christopher Jenssen, weil er ein guter Maler ist, der sich immer wieder neu erfindet, oder Thomas Rentmeister, weil er ein fantasievoller Formenfinder ist. Bei den jüngeren Malern in Jonas Weichsel, Markus Saile sowie Jonas Maas.
(Dr. Stephanie Bohn, Projekt-Art GmbH, Bonn)

Welche Chancen bietet das Investment „Kunst“?  
Das Engagement in Kunst kann bei gezielter Auswahl und Einkauf eine sehr lohnende Sache sein. Es beschränkt sich aber dabei hauptsächlich auf eine sehr begrenzte Gruppe von Künstlern, deren Marktwert schon jetzt gut ablesbar ist. In junge Künstler zu investieren kann aber auch sehr vielversprechend sein. Dazu empfiehlt sich eine intensive Beschäftigung mit dem Werk der Künstlerin/des Künstlers und ein gutes Gespür für den gesamten Kunstmarkt. Unsere persönliche Empfehlung ist, den eigenen Geschmack entscheiden zu lassen. Sollte sich das Kunstwerk dann doch nicht in die gewünschte Richtung entwickeln, so bleibt immer noch die Freude an einer wunderbaren Arbeit.

Was war Ihr letztes Kunstinvestment?
Unser letztes Kunstinvestment war die pinkfarbene Jeff Koons Balloon Venus Skulptur. Es ist eine kleinere Version seiner originären Balloon Venus und trägt im Innenleben eine Flasche Dom Pérignon Rosé Vintage 2003. Sie wurde im letzten Jahr in einer 650er Edition herausgegeben und ist seitdem schon deutlich im Preis gestiegen.

In welche Künstlerin oder welchen Künstler würden Sie zurzeit gerne investieren und warum?
Unser Favorit ist im Moment ganz klar der Fotograf Martin Schoeller. Er hat durch seine wiedererkennbare und einzigartige Art der Portraitfotografie Maßstäbe gesetzt. Mit seinen ungewöhnlichen sogenannten Close-ups schafft er eine fast distanzlose Nähe, die beeindruckt. Als Fotograf heutzutage herauszuragen ist eine besondere Herausforderung; unseres Erachtens hat Martin Schoeller dies erreicht. In München geboren hat er seine Karriere als Assistent von Annie Leibovitz in New York begonnen, um dann ab 1996 selbstständig zu arbeiten. Eine umfassende Werkzusammenstellung zeigt bis zum 28.02.2015 Camerawork Berlin; in den Werkhallen sind ebenfalls Arbeiten von Martin Schoeller zu sehen.
(Christiane Obermann und Axel Burkhard, Werkhallen, Remagen/Oberwinter)

Welche Chancen bietet das Investment „Kunst“?
Kunst kann, soll und darf kein klassisches Investment sein. Allerdings: Auch eine gute Investition erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. Dies ist bei der Kunst nicht anders. Über die Auseinandersetzung mit der Kunst eröffnet sie aber weitere Ebenen, die einen persönlich ansprechen oder nicht. Also, beim Kunstkauf muss auch immer Leidenschaft und Auseinandersetzung dabei sein. Wenn hier alles stimmt, ist es für einen persönlich auch eine gute Investition.

Was war Ihr letztes Kunstinvestment?
Meine letzte persönliche „Investition“ galt Torben Giehler, einem jungen Berliner Künstler, den ich sehr schätze.

In welche Künstlerin oder welchen Künstler würden Sie zurzeit gerne investieren und warum?
In ein Gemälde von Francisco de Zurbarán (1598-1664). Die überragende Qualität und Ausstrahlung von
kontemplativer Ruhe ist unübertroffen und ein wunderbarer Gegenpol zu ständig wechselnden Moden und
Tendenzen bei der aktuellen Kunst. Darüber hinaus sind Altmeister grundsätzlich gegenüber den großen Namen unter den Zeitgenossen völlig unterbewertet.
(Markus Eisenbeis, Van Ham Kunstauktionen, Köln)