Sie sind filigran gearbeitet und Eyecatcher der ganz besonderen Art: Gemmen sind Schmuckstücke unserer Vorfahren, die derzeit eine Renaissance erleben. Als Ringe, Ohrringe, Broschen oder an Ketten – Gemmenschmuck ist ein edler Klassiker mit fein ausgearbeiteten Bildern in Miniaturformat.

 

„Jeder Stein ist anders. Die Wahl hängt natürlich vom Motiv ab und hat viel mit der Erfahrung des Graveurs zu tun.
In jedem Fall erzielt man ganz individuelle Effekte. Das ist die Kunst des Graveurs.“

Nicole Ripp

 

Die Kunst, Edelsteinen Bilder zu entlocken, ist jahrtausendealt. Römer, Griechen, Perser und Ägypter haben sie bereits zu Perfektion gebracht. Mit der Bezeichnung Gemme ist jede Art geschnitzter Stein gemeint. Man unterscheidet zwei Varianten. „Bei den sogenannten Intaglios wird das Motiv vertieft in den Stein geschnitten. Man kennt dies zum Beispiel von Siegelringen“, erklärt Nicole Ripp, Gemmologin und bei der Edelsteinmanufaktur Groh und Ripp für den Einkauf der Edelsteine zuständig. Kameen dagegen sind Gemmen, bei denen der Hintergrund des Bildes weggeschnitten wird, sodass die Zeichnung erhaben ist. „Sie sind am aufwendigsten herzustellen. Das erfordert wirklich hohe Handwerkskunst“, erklärt die Spezialistin für kostbare Steine. Während Intaglios aus Edel- und Halbedelsteinen gearbeitet werden, bestehen Kameen aus Muschelbestandteilen, Lavagestein oder Moluskenschalen. Besonders beeindruckend wirken Gemmen aus Achaten oder Jaspis. Die Steine sind mehrfarbig und der Edelsteingraveur kann dies für die Gestaltung seines Motivs nutzen. „Jeder Stein ist anders. Die Wahl hängt natürlich vom Motiv ab und hat viel mit der Erfahrung des Graveurs zu tun. In jedem Fall erzielt man ganz individuelle Effekte. Das ist die Kunst des Graveurs“, betont Nicole Ripp. Aber nicht nur vielfarbige Steine sind für Gemmen geeignet. So lassen sich beispielsweise aus einem klaren Bergkristall durch das Spiel von polierten und matten Flächen ebenfalls ganz wunderbare Effekte erzielen.

An der Handwerkstechnik hat sich seit den Ursprüngen der Gemmenanfertigung nicht viel verändert. Auch im 21. Jahrhundert wird noch an Gravierspindeln mit Metall- und diamantbesetzten Rädern gearbeitet. Durch moderne Antriebstechnik läuft der Arbeitsvorgang jedoch schneller ab. Je nach Stein und Motiv benötigt ein Graveur heute etwa drei Tage für eine Schmuckgemme. Früher waren es circa vier Wochen. Welche Motive die frühen Künstler auf den Schmucksteinen eingravierten, war von der jeweiligen Religion sowie dem Geschäfts- und Alltagsleben abhängig. Gerne wurden Schutzheilige und Götter im Kleinformat verewigt. So war beispielsweise bei den Ägyptern das Bild des Skarabäus besonders beliebt. Der eigentlich ganz gewöhnliche Mistkäfer galt als Sinnbild des Sonnengottes und wurde hoch gepriesen. In der westlichen Welt waren Gemmen schmückende Talismane, Glücksbringer, mit denen man sich vor Unglücken jeglicher Art schützen wollte. Wer sicher sein wollte, wählte eine Gemme mit seinem Schutzheiligen.

gemmen2

 

Gemmen sind mit der Zeit gegangen und weit davon entfernt, altbacken oder Großmutters Schmuckschatulle entnommen zu sein. Man hat sie wiederentdeckt und trägt sie nun als wunderbares, kostbares Accessoire. Schmückende Miniatur-Scherenschnitte für Hals, Finger oder Handgelenk. „Für Ringe und Ohrringe werden gerne zarte Blütenmotive gewählt“, sagt Peter Raths, Juwelier und Goldschmiedemeister. „Kameen, aus denen Broschen oder Anhänger gemacht werden, zeigen komplexere Motive wie etwa Landschaften oder klassische Szenen“, so Raths.

Gemmen sind klassisch und zeitlos schön, ausgefallene Preziosen, die ihre Trägerinnen auf eine Zeitreise in vergangene Epochen entführen. Gemmen umgeben sie mit einer Aura aus Nostalgie und Romantik und strahlen dabei unvergängliche Eleganz aus. 

 

Fotos: P. M. J. Rothe, Christina Rasmussen
Titelbild: 750/000 Gelbgoldbrosche, eingefasst ist eine ovale 1960 in Torre del Greco geschnittene Muschelgemme mit Motiven aus der griechischen Mythologie (Juwelier Raths/ ungefasste Gemmen Groh & Ripp)