Dieses Jahr war gespickt mit unerwarteten Kino-Highlights, das eine oder andere durften wir bereits in den vorangegangenen Ausgaben besprechen. Insbesondere zwei von den Filmen, die wir Ihnen jetzt ans Herz legen wollen, haben das unsere im Sturm erobert, weswegen wir einen ganz genauen Blick darauf werfen. Dabei wollen wir ein besonderes Jubiläum nicht aus den Augen verlieren: 40 Jahre Apocalypse Now von Francis Ford Coppola. Dieser Klassiker der Filmgeschichte konnte 2019 in einer finalen Schnittfassung einmalig im Kino neu erlebt werden und erfreut sich nun auch auf Blu-Ray einer besseren Qualität als jemals zuvor. Hier sind unsere vier liebsten Filme von 2019 …

Fotos: Parasite © Koch FilmsParasite (2019)

Diese Mischung aus Drama, Sozialkommentar, Satire und Horror ist schlichtweg ein Meisterwerk. Vollkommen zu Recht hat Parasite bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme gewonnen. Regisseur und Co-Drehbuchautor Bong Joon-Ho ist es gelungen, einen ebenso unterhaltsamen wie anspruchsvollen Film zu drehen, der die Zuschauer zuerst in einem Strudel von Emotionen festhält und dann leise befreit und mit nachdenklicher Miene nach Hause schickt. Vielleicht nimmt man auf dem Weg seine Mitmenschen und sich selbst anders wahr als noch auf dem Weg zum Kino.

Familie Kim ist ganz unten angekommen. Vater, Mutter, Sohn und Tochter leben in einer schäbigen Kellerwohnung, kriechen für kostenloses WLAN in jeden Winkel und sind sich für keinen Aushilfsjob zu schade. Mit der Anstellung als Nachhilfelehrer bei der reichen Familie Park gelingt dem Jüngsten der ersehnte Ausweg aus der Arbeitslosigkeit und zugleich der Eintritt in einen aberwitzigen und bitterbösen Klassenkampf. Mit Tricksereien, Talent und Teamgeist gelingt es Familie Kim, alle bisherigen Bediensteten der Familie Park aus der Villa zu stoßen und sich selbst als unverzichtbar für ihre neuen Herrschaften zu behaupten. Doch für die Kims wird es zunehmend schwieriger, ihre wahre Identität und Verwandtschaft geheim zu halten. Nach einem unerwarteten Zwischenfall steht ihre „Vetternwirtschaft“ erst recht auf dem Spiel …

Die Prämisse des Films allein ist üppiger Nährboden für beste Unterhaltung. Man kann kaum erwarten, zu sehen, wie die Kims es wohl anstellen werden, sich bei den Parks einzunisten, ohne aufzufliegen. Sobald sich Sohn Ki-Woo (Choi Woo-Sik) seine Stelle als Nachhilfelehrer gesichert hat, missbraucht er das Vertrauen seines Arbeitgebers, um auch dem Rest seiner Familie den Weg nach oben zu ebnen. Der Zuschauer lernt schnell, dass die Familie es faustdick hinter den Ohren hat. Ihr dreister Einfallsreichtum, mit dem sie ihren Plan zum sozialen Aufstieg ausführen, ist faszinierend und urkomisch. Voller Vorfreude geht man aus jeder Szene in die nächste und schüttelt begeistert den Kopf, während einer nach dem anderen bei den Parks einzieht.

Man kann gar nicht genug betonen, wie klar Bong Joon-Ho seine Botschaft von der Unmöglichkeit des Zusammenlebens, vom Kampf um Glück vorträgt. Zwei Aspekte sind dafür maßgeblich: Der Filmemacher bedient sich keiner kryptischen Bilder, sondern skizziert das soziale Verhältnis der Figuren ganz augenscheinlich. Waren es in seinem ebenfalls hervorragenden, aber nicht ganz so reibungslosen Überraschungshit Snowpiercer (2013) noch die Privilegierten vorne im futuristischen Zug nach der Apokalypse gegen die Ausgebeuteten im hinteren Zugabteil, kämpfen hier die Reichen von oben gegen die Armen von unten – und die unten gegeneinander. Und als hätten diese es nicht schon schwer genug, sind sie sogar dann die einzigen Leidtragenden, wenn höhere Gewalten wie Unwetter über die gesamte Gesellschaft hereinbrechen. Diese konträre Präsentation ist glücklicherweise kein bisschen plakativ. Das liegt an der genialen Figurenzeichnung, womit wir zum zweiten Aspekt kommen.

Kino-Highlights Filmtipps Parasite © Koch Films
Kino-Highlights Filmtipps Parasite © Koch Films

Die Sympathieverteilung ist homogen, wodurch wir nicht zwischen guten und bösen Personen unterscheiden können. Auch wenn das Machtverhältnis völlig unausgeglichen ist und Familie Park immer am längeren Hebel sitzen wird, so mag man sie trotzdem nicht so recht dafür schuldig machen. Der Einzelne wird nicht prinzipiell für das bittere Los des Anderen, nicht für die ökonomische Ungleichheit verantwortlich gemacht, sondern das System beziehungsweise die Gesellschaft als Ganzes – Karl Marx lässt grüßen. Dieser Umstand im Film ist deshalb so genial, weil wir uns als Zuschauer insbesondere zu dessen Ende hin auf das Wesentliche konzentrieren können.

Die Geschichte könnte die unserer Nachbarn, Freunde und Kollegen sein; eine ähnliche können wohl die meisten von sich erzählen. Aber können wir uns das gegenseitig zum Vorwurf machen? Wer ist hier eigentlich der Parasit? Die Versuchung, anderen die Schuld für die ökonomische Ungleichheit zu geben und bequeme, einseitige Lösungsansätze zu unterstützen, ist groß. Letzten Endes versuchen alle mit mehr oder (viel) weniger Skrupel im vorherrschenden System zu überleben, welches das eigentliche Problem darstellt. Was sich jeder allerdings selbst vorwerfen könnte, ist, nicht hart genug an der Lösung dieses Problems zu arbeiten. Dieser Film ist eine ehrliche Allegorie auf die Herausforderungen unserer heutigen Gesellschaft, in der ein glückliches Zusammenleben immer schwieriger erscheint. Keine leichte Kost, doch Bong Joon-Ho hat die richtigen Zutaten gefunden, um das Ganze leicht verträglich und jedem schmackhaft zu machen.

Die besten Filme guckt man mit seinem ganzen Körper. Das Herz schlägt schneller, der Bauch verkrampft sich, man weint, lacht und kaut an seinen Fingernägeln. Genauso guckt man diesen Film. Bong Joon-Ho erzählt seine Geschichte mit bösem Humor, spektakulären Bildern und Lust an der radikalen Zuspitzung der Verhältnisse. Er überschreitet Genregrenzen und nutzt diese Freiheit, um uns zu unterhalten. Und noch nie hat er das so gut gemacht wie mit Parasite.

Fotos: Parasite
© Koch Films

MidsommarMidsommar (2019)

Wer Anfang des Jahres noch dachte, mit Jordan Peeles (Get Out) „Wir“ wäre das Horror-Highlight 2019 schon früh gefunden worden, hatte sich geirrt. Regisseur und Drehbuchautor Ari Aster (Hereditary – Das Vermächtnis) lieferte mit seinem Zweitwerk Midsommar einen schönen verstörenden Film, der weniger ambitioniert, dafür aber sichereren Fußes in die „Hall of Fame“ des Genres wandern könnte.

Obwohl ihre Beziehung kriselt, schließt sich Dani (Florence Pugh) ihrem Freund Christian (Jack Reynor) auf einen Sommertrip in einen kleinen Ort in Schweden an. Nach einem Todesfall in der Familie, könnte das eine wohltuende Ablenkung von ihrer Trauer sein. Gemeinsam mit Christians Clique sind sie zu einem einmaligen Mittsommerfestival eingeladen. Doch der anfänglich idyllische Eindruck der abgelegenen Gemeinschaft trügt, die freundlichen Dorfbewohner verhalten sich nach und nach merkwürdiger: Sie bereiten sich auf ein besonderes Mittsommer-Ritual vor, das nur alle 90 Jahre zelebriert wird. Was als puritanisches Fest der Liebe und Glückseligkeit beginnt, nimmt bald eine unheimliche Wendung, die das sonnengeflutete Paradies bis in die Eingeweide erschüttert …

Kino-Highlights Filmtipps midsommar

Dieser Horrorfilm ist ein bisschen wie eine verkehrte Welt, die man nicht nur bestaunen, sondern auch fühlen kann. Nachdem die Protagonistin gleich zu Beginn des Films ein schrecklicher Schicksalsschlag trifft, steht ihre Welt definitiv kopf. Wir Zuschauer können diese Erfahrung dank der bisweilen fast schon hypnotisierenden Kamerafahrten machen, die sowohl die Schönheit der schwedischen Natur offenbaren als auch den Effekten des mehr oder weniger unfreiwilligen Drogentrips der Figuren gerecht werden. Alles, was wir auf der Leinwand erleben, ist ein sehr ruhiger und zunehmend verunsichernder (Alb-)Traum. Gegensätzlichkeit ist das stilistische Hauptmittel in Midsommar. Ist der Tod und seine Verbindung zum eisigen und dunklen Winter noch in den ersten Minuten des Films allgegenwärtig, erscheint der sonnige Ausflug ins vermeintliche Paradies danach wie eine wohlige Erlösung von all dem Schmerz, den Dani zuhause ertragen musste.

Doch ausgerechnet diese farbenfrohen und warmen Bilder vermischen sich gierig mit grausamen Gewaltakten, die das Gesamtbild so sehr verzerren, dass man sich dem Sog dieser bizarren Welt ergeben muss. Genauso wie die Protagonisten, die etwa das unerklärliche Verschwinden ihrer Freunde oder scheinbar selbstverständliche Tötungen am helllichten Tage mit erschreckender Fassung tragen. Im Drogenrausch ist ihnen nicht immer klar, was real und was Einbildung ist. Hinzu kommt, dass jeder von ihnen hofft, während dieses Ausflugs etwas für sich ganz persönlich zu finden, das diesen Horror wert ist: Für die einen sind es Informationen für die eigene Abschlussarbeit, die sonst niemand hat, und für die anderen sind es sexuelle Befriedigung oder Zugehörigkeit und Halt. Für diese Suche bedarf es keiner Jumpscares oder gruseligen Erkundungstouren bei Nacht. Nur Geduld und einer offenen Haltung.

Filmtipps Midsommar
Kino-Highlights Filmtipps Midsommar

Regisseur Aster gelingt es, der schwedischen Sekte etwas verboten Faszinierendes anzuheften. So haarsträubend ihre Riten auch sind und so grotesk die Situationen sind, in die sie die Besucher aus den USA bringen, man kommt nicht umhin, ihrer Eigenart etwas abzugewinnen. In seiner Rezeption erhielt der Film bisher häufig das Prädikat „extrem“, aber ganz so extrem ist er eigentlich nicht. Weder sind es die Rituale im Film, die so manchen noch heute in unserer Welt praktizierten in nichts nachstehen, noch ist es die Ästhetik des Films. Gewisse soziale Fragen, auf die unsere moderne Gesellschaft eher dürftige Antworten gefunden hat, werden in Midsommar auf skurrile Art und Weise thematisiert. Der Film ist insgesamt „einfach nur“ besser als andere oder zumindest interessanter. Es ist ein halluzinatorisches Märchen, das ebenso zum Nachdenken anregt wie verstört.

Fotos: MidsommAr
© Gabor Kotschy, Courtesy of A24

Apocalypse NowApocalypse Now – Final Cut (1979 / 2019)

Nach einem höllischen Kraftakt waren die vom Pech verfolgten Dreharbeiten abgeschlossen und Francis Ford Coppola (Der Pate I–III, Bram Stoker’s Dracula) brachte einen der bis heute ambitioniertesten Kriegsfilme aller Zeiten erstmals 1979 in die Kinos. Heute, 40 Jahre später, kann die Filmikone mit ungetrübtem Blick auf sein hochkarätig besetztes und mehrfach ausgezeichnetes Kunstwerk zurückschauen und beschert uns eine finale Version von Apocalypse Now.

Frei nach der Erzählung „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad berichtet der Film, wie Captain Benjamin L. Willard (Martin Sheen) 1969 mitten im Vietnamkrieg den Auftrag erhält, den abtrünnigen und angeblich verrückt gewordenen US-Colonel Kurtz (Marlon Brando) zu liquidieren. Dieser hat sich von der US-Militärführung abgespalten und im Dschungel einen schrecklichen Kult für sich geschaffen. Auf seiner Reise durch den kriegsverseuchten Urwald fühlt sich Willard zu diesem immer mehr hingezogen …

Dieses Werk ist nicht ohne Grund zum Kultfilm geworden. Es ist auch vier Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung einer der besten Kriegsfilme, wenn nicht sogar der beste überhaupt. Was ihn so einzigartig macht, ist seine „Sonderlichkeit“, aufgrund derer sich Regisseur Coppola damals gezwungen sah, seinen Film in gekürzter Fassung ins Kino zu bringen. Es ist kein gewöhnlicher Kriegsfilm, sondern eine von Zeit und Sinnhaftigkeit befreite Nahaufnahme eines Krieges, den viele ebenfalls als sinnbefreit und unendlich empfanden. „Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen“ – ein mittlerweile legendäres Zitat, das vor Zynismus und Entmenschlichung trieft, entstammt einer Angriffsszene auf ein vietnamesisches Dorf mit zig Toten. Das Einzige, was den Befehlshaber Kilgore (Robert Duvall) interessiert, ist Surfen. Mit Feuer und Gewalt sichert er, begleitet vom laut aus dem Helikopter schallenden „Ritt der Walküren“ von Wagner, den Strand, damit seine Jungs die Wellen reiten können, den Kugelhagel nimmt er nicht (mehr) ernst. Diese Szene ist ein Paradebeispiel für den Wahnsinn und die Absurditäten des Krieges, von denen uns Coppola eine ganze Reihe präsentiert. Es ist schrecklich, wie lustig manche Sequenzen sind. Sie sind oft so sonderbar, dass man beim ersten Gucken durchaus irritiert sein kann. Die jungen Soldaten interagieren, als würden sie ganz woanders sein, nur nicht in der Hölle. Das ist schnell nachvollziehbar. Genau das macht die Faszination dieses phänomenalen Films aus. Er dokumentiert wie in Trance und reflektiert wie eine verlorene Seele.

Filmtipps Apocalypse Now
Filmtipps Apocalypse Now
Filmtipps Apocalypse Now
Filmtipps Apocalypse Now
Filmtipps Apocalypse Now

Alles, was den Film 1979 zu schräg und zu sperrig machte, wurde rausgeschnitten und 2001 in einer sogenannten Redux-Version vollständig wieder eingebaut, was zu einer Spielzeit von 196 Minuten führte, 49 Minuten mehr als das Original. Zu viel des Guten, befand Coppola und entschloss sich anlässlich des diesjährigen Jubiläums, einen restaurierten und 183-minütigen Final Cut zu veröffentlichen, der dem Maestro am meisten zusagt – und uns auch!

Fotos: Apocalypse now
© STUDIOCANAL HOME ENTERTAINMENT – Blu-Ray

Joker (2019)

Was hat man nicht für Luftsprünge gemacht, als bekannt wurde, dass Charakterdarsteller Joaquin Phoenix (Walk the Line, Her) einen der faszinierendsten Bösewichte verkörpern wird, noch dazu als Hauptfigur. Endlich werden wir wieder einen tollen Joker sehen. Heath Ledgers einzigartige und posthum oscarprämierte Verkörperung des mordenden Clowns in Christopher Nolans „The Dark Knight“ (2008) blieb nach dessen tragischen Tod leider auch die einzige und so gab es neben ihm nur noch einen anderen Joker, den man sich immer wieder ansehen kann: Jack Nicholson in „Batman“ (1989). Aber jetzt haben uns Regisseur Todd Phillips (Road Trip, Hangover) und Joaquin Phoenix einen dritten beschert!

Mit „Joker“ tritt Todd Phillips in die Fußstapfen von Alan Moore und geht der Frage nach, wie man zum gleichnamigen Schurken wird. In dessen Comic Batman: The Killing Joke von 1988 – klare Leseempfehlung an dieser Stelle – fasst es Mastermind Moore mit den Worten „Alles, was es braucht, ist ein schlechter Tag“ zusammen. Im Film sucht der einsame Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) im verrußten und sozial unausgeglichenen Gotham City nach Anschluss. In dieser feindseligen Stadt schlägt er sich als Clown durch und bringt mit seinem Verdienst mehr schlecht als recht auch seine bettlägerige Mutter Penny (Frances Conroy) über die Runden. In seiner Freizeit träumt Arthur seinem Idol, dem Comedian und Fernsehstar Murray Franklin (Robert De Niro), nach. Doch Arthurs Anstrengungen, es ihm gleichzutun, scheitern und so entfernt sich der soziale Außenseiter weiter von seinen Mitmenschen …

Gleich zu Beginn steht Arthur Fleck, der sich gerade für seinen Job als Verkaufsclown schminkt, im Fokus. Ohne ein Wort wird alles gesagt, was man über diesen Mann wissen muss.
„My mother always tells me to smile and put on a happy face …“, erklärt er später. Doch vor dem Schminkspiegel sehen wir, dass dieses Credo ihm mehr Bauchschmerzen bereitet als ihn motiviert. Er zwingt sich ein Lächeln auf und überlebt gerade so einen weiteren unglücklichen Tag. An diesem wird er auch noch von Jugendlichen verprügelt, ehe er seiner Sozialarbeiterin klarmacht, dass es rein gar nichts in seinem Leben gebe außer negativen Gedanken. Es gibt nichts zu lachen und doch ist das Erste, was der Zuschauer nach der Titeleinblendung sieht, ein Lachkrampf der Titelfigur. Kurz darauf entpuppt sich sein Lachen als Krankheit und tragisches Handicap. Die Einführung seiner Figur ist eine lakonische Antithese und spiegelt die Essenz seiner zerrissenen Persönlichkeit sowie deren Problematik, sich in die Gesellschaft zu integrieren, wider.

Kino-Highlights Filmtipps Joker

Joker ist eine eingehende Charakterstudie und keine Präsentation der berühmt-berüchtigten Mordspiele des verrückten Clowns, auch nicht mit voranschreitender Spielzeit. Das heißt beileibe nicht, dass wir keine Gewaltausbrüche serviert bekommen, doch sind diese wohlbedacht portioniert und im Grunde auch nicht mehr als eben genau das: grausame Taten eines unberechenbaren Mannes, der sich gegen eine scheinbar gegen ihn gewandte Gesellschaft wehrt.

Im Kern handelt der Film von der Suche nach Anerkennung. Und was freut jemanden mehr, als wenn andere über unsere eigenen Witze lachen? Das ist eine wunderbare Bestätigung. Arthurs traurige Erfahrung jedoch ist, dass wirklich niemand ihn lustig findet, und daran verzweifelt er. Dass er nicht begreift, weshalb er nicht witzig ist, lässt uns wiederum im Kino verzweifelt mitfühlen. Es geht einem ziemlich nahe, wenn dieser ohnehin schon labile, aber stets bemühte Mensch immer und immer wieder enttäuscht und getäuscht, gescholten und geschlagen, ausgegrenzt und ausgelacht wird. Solange Arthur nicht erkennt, dass er auch durch akribisches Hinarbeiten nicht zu einem Stand-up-Comedian werden kann, bleibt er unglücklich. Das ist einfach nicht er. Aber wie soll man zu jemand anderem werden, wenn man nicht einmal weiß, wer man überhaupt ist? Eine schwierige Frage, der im Film behutsam nachgegangen wird.

Kino-Highlights Filmtipps Joker
Kino-Highlights Filmtipps Joker

Dass Joker so gut funktioniert, ist natürlich auch der abermals phänomenalen Schauspielleistung von Joaquin Phoenix zu verdanken! So intensiv und so menschlich hat man den Joker noch nicht gesehen. Dieser Aspekt macht seine Figur trotz ihrer Gräueltaten sympathisch. Eine blutige Szene in der zweiten Hälfte des Films macht das auf besonders (pechschwarze) lustige Weise deutlich.

Regisseur, Co-Autor und Produzent Todd Phillips blickt tief in Arthurs Psyche. Er erschafft zahlreiche Bilder, die uns die Hauptfigur näherbringen und an die Leinwand kleben. Mit welcher Kreativität Phillips das tut, ist schlicht faszinierend. Er arrangiert die gesamte Szenerie so souverän, dass die Erzählung wie ein Fluss voranschreitet. Langsam, ruhig und mit gewaltiger Kraft, die sich in einem Finale entlädt, das nicht nur Arthur Fleck wie in Trance erlebt. Sein Weg ist voller falscher Fährten und falscher Hoffnungen. Seine Tortur vermittelt Phillips in eindrücklichen, ungeschönten Bildern, die offenkundig auf Martin Scorseses Taxi Driver (1976) und King of Comedy (1982) anspielen. Der Regisseur macht auch in Interviews keinen Hehl daraus, dass ihm diese Filme als Vorbilder dienten. Sein Film wirkt wie eine Ansage an Hollywood, sich auch mit Super- oder besser gesagt Antihelden auf eine Art auseinanderzusetzen, die in Opposition zum Blockbuster-Bombast der letzten Jahre steht.

Wenngleich der Film sich davor scheut, Jokers Genese im Zusammenhang sozialpolitischer Unruhen klarer zu betrachten, als er es tut, gehen die Figur selbst und Schauspieler Joaquin Phoenix über das, was man erwarten kann, locker hinaus und liefern ein grandioses Schauspiel ab. Nur der Film insgesamt weigert sich, seinen frei gehaltenen Platz in der Reihe der wirklich ganz großen Streifen einzunehmen. Frei gehalten deshalb, weil der Hype um Todd Phillipps Werk im Vorfeld so groß und die Hoffnung auf einen genialen und erwachsenen Film riesig war.

Kino-Highlights Filmtipps Joker
Kino-Highlights Filmtipps Joker
Filmtipps Joker
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Dennoch: Die Charakterstudie des Arthur Fleck ist in der Summe eine der besten, die man sich wünschen kann. Der Film ist klasse! Todd Phillips‘ Ursprungsgeschichte entspringt der traditionsreichen Mythologie des Jokers und ist doch ganz eigen. Damit ist für jeden etwas dabei, auch für diejenigen, die mit der Figur oder anderen Comicverfilmungen aus dem Superhelden-Milieu nicht viel anfangen können. Ganz gleich, was nach Joker kommt, dieser Film ist ein in sich abgeschlossenes Werk ohne aktives Franchise Building. Im Zweifel lohnt sich das Kinoticket alleine für Joaquin Phoenix‘ Schauspiel! (Bryan Kolarczyk)

Fotos: Joker
© 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.