In einer dokumentarischen Fotoreihe betreiben zwei Künstlerinnen aus Bonn außergewöhnliche Aufklärungsarbeit und zeigen, wie viele Gesichter die Liebe hat. Ob pakistanisch und Transgender, katholischer Priester mit homosexueller Neigung oder jüdisches Paar mit filmreifer Liebesgeschichte: Das Projekt „Wie wollen wir l(i)eben?“ gibt Menschen mit inspirierenden Lebensläufen aus ganz Deutschland eine Plattform und erzählt Geschichten voller Hoffnung und Mut, die uns gerade jetzt, da Abstand und Vorsicht geboten sind, das Herz erwärmen und Antworten auf diese Frage geben.

Wir sind in der Alten VHS in Bonn in einem ehemaligen Lehrraum, ganz in Schwarz-Weiß. Umringt von einer Reihe an den Wänden angebrachter farbloser Porträts findet sich eine kunterbunte Menschenansammlung wieder, die man als Spiegel der gerade stattfindenden Ausstellung verstehen könnte. Von Jung bis Alt, angereist aus nah und fern plaudern und diskutieren, lesen und philosophieren die Besucher über die Frage „Wie wollen wir l(i)eben?“. Anlass für uns, das Projekt genauer anzuschauen und ein Gespräch mit den beiden Künstlerinnen zu suchen. Ronja Heinz (27) und Deborah Wißkirchen (27) sinnieren über Aus- und Nachwirkungen einer Frage, die uns alle beschäftigt:

Beginnen wir mit dem Ende: Es geht um ein friedliches Miteinander in einer diversen Gesellschaft. Denn Deutschland ist über „multikulti“ längst hinaus und Teil einer sich schnell wandelnden globalisierten Welt, in der die verschiedensten Werte und Normen sich verweben. Die Welt wird kleiner, aber wie emotionale Debatten über die Flüchtlingskrise oder die gleichgeschlechtliche Ehe im Bundestag und am Esstisch, der rassistische Anschlag in Hanau oder die aktuelle Protestwelle nach dem Mord an George Floyd schmerzhaft zeigen, wächst sie nicht unbedingt zusammen. „Darüber sollte man reden“, findet Ronja und
betont, dass unzählige alternative Lebensformen und Denkweisen existieren, aber der Austausch oft nicht stattfindet. „Wir sollten Diversität als Chance statt als Hürde begreifen und der Liebe gegenüber offen sein. Dann versteht man auch, dass Liebe viele Facetten hat und Hautfarbe oder sexuelle Orientierung und all das keine Rolle spielt. Es geht um den Menschen.“

Ronja Heinz (links) und Deborah Wißkirchen (rechts)
Ronja Heinz (links) und Deborah Wißkirchen (rechts)
Auf der Vernissage
Auf der Vernissage

Wie bei dem Projekt deutlich wurde, ergeben sich aus den spannendsten Liebesgeschichten lebhafte Diskussionen über aktuelle Probleme unserer Gesellschaft. Man merkt schnell, dass wir alle gleich sind und dieselben Wünsche teilen. Manchmal braucht es etwa die Geschichte eines offen schwulen Fußballers, der jeden Sonntag mit seiner Mannschaft um den Sieg auf dem Platz und die Toleranz in den Köpfen der Zuschauer kämpft oder die immer stärker werdende Liebe einer Frau, deren Partner plötzlich unheilbar krank und bettlägerig geworden ist, damit uns das klar wird.

Wunder, die niemand kennt

Ronja und Deborah haben zahlreiche eher unkonventionelle Viten im ganzen Land entdeckt und fotografisch dokumentiert. Im Rahmen ihres Projekts fragten sie zunächst in Facebook-Gruppen nach Interessenten, die ihre Geschichte mit der Öffentlichkeit teilen möchten. Nachdem die ersten auf der Internetseite wiewollenwirlieben.de vorgestellt wurden, kamen weitere begeisterte Menschen von überall aus Deutschland auf die Freundinnen zu. Denn die boten mittlerweile eine authentische Plattform für ungehörte Stimmen. Und so geht es: Alle Geschichten werden von ihren Hauptfiguren selbst geschrieben und an die Fotografinnen zur Veröffentlichung weitergegeben. Anschließend wird gemeinsam ein Termin zum Fotoshooting ausgemacht und ein Gesamtporträt mit Text und Bild in Schwarz-Weiß erstellt.

Elena und Sebastian führten eine märchenhafte Beziehung, bis Sebastian an Myalgischer Enzephalomyelitis (ME) erkrankte, einer schweren neuroimmunologischen Erkrankung, die ihn ans Bett fesselt. Ihre Beziehung ist stärker denn je.
Bernd Mönkebüscher ist katholischer Priester und spricht über seine homosexuellen Neigungen. Er wünscht sich ein Umdenken seiner Kirche, und dass religiöse Gemeinschaften die Liebe zum Menschen akzeptieren, egal wie sie aussieht.
Kim Hoss vergleicht ihr Liebesleben mit dem ihrer Großmutter und vermisst im heutigen „Dating-Wahnsinn“ die Romantik von früher. Trotzdem ist sie mit 33 und ohne Mann und Kind glücklich.
Hina ist Filmemacherin. Und sie ist eine Transgenderfrau, die in ihrer Heimat Pakistan aufgrund der Gesetzeslage nur als Ali leben darf. Sie kämpft für ein Umdenken in den Köpfen und damit für Selbstliebe und Nächstenliebe.
Die jüdischen Eltern von Heidi und Peter kannten sich nie, überlebten aber beide die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, woraufhin sie ihre Kinder nicht-jüdisch im Ausland aufzogen. Jahrzehnte später verlieben sich ihre Kinder zufällig in ihrem Herkunftsland – als Juden.

Die Bilder geben eine exemplarische und auch leidenschaftliche Antwort nicht nur auf die Frage, wie wir lieben, sondern wie wir in Zukunft leben möchten: offen. Und eine Erfahrung, die Ronja und Deborah gemacht haben: Es ist Balsam für die Seele, mit völlig fremden Menschen über deren Vorstellungen von einem guten Leben zu sprechen. Man muss keine Gleichgesinnten suchen, sondern einfach nur auf Menschen zugehen und ihnen von den eigenen Gedanken erzählen und den ihren aufmerksam zuhören. „Dann ergeben Vorurteile und Angst keinen Sinn mehr.“

#machmalmehrliebe

Das Projekt wird fortgesetzt. Die anfänglichen Überlegungen es zeitlich zu begrenzen, wurden schnell verworfen, da nach wie vor viele Menschen auf die Künstlerinnen zukommen und ihre Geschichte erzählen möchten. „Das Projekt ist zu einem Teil von uns geworden.“ Eine neue Ausstellung ist in Planung und in der Zeit bis dahin werden weitere Geschichten gesammelt und neue Freundschaften geschlossen. (Bryan Kolarczyk)

Christoph Hertzsch ist Vorstand und aktiver Spieler  der Streetboys München, einer Sparte des Team München e.V. Zusammen setzt sich das Team gegen Homophobie im Fußball und gegen Rassismus im Allgemeinen ein.