Alle Jahre wieder wird nicht nur zum Weihnachtsmarkt gepilgert, sondern auch vermehrt die Kuscheldecke rausgeholt und ein passender Film für die kalte Jahreszeit eingeschaltet. Und immer wieder sind es dieselben Klassiker, die auf dem Programm stehen oder zumindest beworben werden: „… und täglich grüßt das Murmeltier“, „Kevin – allein zu Haus“, „Schöne Bescherung“ und so weiter. Natürlich darf auch der Harry-Potter-Marathon nicht fehlen. Für Actionfans ist „Stirb langsam“ der einzig wahre Weihnachtsfilm. Hier sind sieben Filme, die vielleicht nicht jeder auf dem (Bild-)Schirm hat und die sich mit den Motiven Winter, Schnee und Kälte auf ganz besondere Weise auseinandersetzen …

The Revenant – der Rückkehrer (2015)

The Revenant. Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
The Revenant. Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) · © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray

Bisher hat Regisseur Alejandro G. Iñárritu (Birdman, Babel) nichts als Glanzarbeit abgeliefert und dieser bildgewaltige Western, sein bis dato ambitioniertestes Werk, ist keine Ausnahme.

1823 werden der Scout Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) und ein Trupp von Pelzjägern in den kanadischen Wäldern von Indianern überfallen. Als die Überlebenden versuchen, in ein sicheres Fort zu fliehen, wird Hugh von einem Grizzlybär schwer verwundet. Unter anderem soll der kaltblütige John Fitzgerald (Tom Hardy) gegen Bezahlung zurückbleiben, um den todgeweihten Hugh zu bestatten. Da ihm das mit den Indianern im Nacken zu brenzlig ist, hilft er nach. Als Hughs halbindianischer Sohn das sieht, bringt Fitzgerald ihn um und lässt den Vater zurück. Der überlebt und will Rache. Fortan kriecht, wühlt, rennt und schreit sich DiCaprio durch die Wildnis zu seinem längst überfälligen Oscar … Trotz klassischem Racheplot ist The Revenant ein poetischer Kraftakt. Mit ungeschöntem Blick à la Mel Gibson (Apocalypto, Hacksaw Ridge) reflektiert er die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt und führt uns die Bestie in beidem vor. Die riesige Pyramide von Büffelschädeln gab es übrigens tatsächlich, den vielen Schnee hingegen nicht – zumindest nicht während der Dreharbeiten in Kanada, wo die Schneeschmelze so unerwartet früh einsetzte, dass man für die letzten Szenen in die Berge Argentiniens ausweichen musste. Ein kostspieliger Umstand, auf den die Filmemacher im Zuge des Klimawandels unermüdlich hinweisen.

The Revenant. John Fitzgerald (Tom Hardy) © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
The Revenant. John Fitzgerald (Tom Hardy) · © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
The Revenant. © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
The Revenant. © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray

Lady Snowblood (1973)

Historisches Drama und tiefsinniger wie mystischer Splatter zugleich. Diese Filmperle aus Japan ist so kontrastreich und stilsicher wie kein anderer Film unserer Liste.

In einer eisigen Winternacht wurde sie im Gefängnis geboren, um später allein das zu tun, was ihrer inhaftierten Mutter verwehrt wurde: Rache an denen auszuüben, die den Ehemann ihrer Mutter und andere Unschuldige ermordet haben. Ihr Name: Yuki. Genannt: Lady Snowblood. Der Titel ist Programm und so kämpft sich die Protagonistin (Meiko Kaji) nach harter Ausbildung mit 20 Jahren zu ihrem Schicksal durch. Je länger die Blutspur, die Yuki hinterlässt, umso mehr drängt sich dem Rachedämon die Frage auf, ob sie jemals ein selbstbestimmtes Leben führen kann … Die kongeniale Vorlage für Quentin Tarantinos Kill Bill und Filmadaption des gleichnamigen Mangas ist ein Klassiker seines Genres und rückt seine Form und Ästhetik in den Vordergrund. Regisseur Toshiya Fujita konzentriert sich auf die düstere Tonalität seines Werks. Kamera, Musik und Handlung sind spielerisch und effektiv in Wechselbeziehung zueinander gesetzt, sodass ein rundes Ganzes entsteht. Der Film erzählt auch auf Metaebenen von sich selbst und seiner Titelheldin. Blutig, tragisch und einfach wunderschön.

Lady Snowblood. © Rapid Eye Movies HE GmbH
Lady Snowblood. © Rapid Eye Movies HE GmbH
Lady Snowblood. Yuki (Meiko Kaji) © Rapid Eye Movies HE GmbH
Lady Snowblood. Yuki (Meiko Kaji) · © Rapid Eye Movies HE GmbH

Die Schöne und das Biest (2017)

Die Schöne und das Biest. Belle (Emma Watson) und das Biest © The Walt Disney Company (Germany) GmbH
Die Schöne und das Biest. Belle (Emma Watson) und das Biest · © The Walt Disney Company (Germany) GmbH

Dass Disney nicht bloß alte Erfolgsgeschichten neu aufkocht, sondern wirklich magische und nicht überflüssige Remakes produziert, beweist auch die vierte Realverfilmung aus eigenem Haus.

Belle (Emma Watson) ist schön und klug. Und als wäre das für das konservative Dorf, in dem sie lebt, nicht schon suspekt genug, liebt sie Bücher. Ganz im Gegensatz zum Dorfschönling Gaston (Luke Evans), dessen Avancen sie sich erwehren muss. Als Belles Vater von einem Ungeheuer auf dessen Schloss eingesperrt wird, nimmt sie seinen Platz ein. Was sie nicht ahnt: Das Schloss und seine Bewohner sind verwünscht und nur Belles Liebe zum Biest, das eigentlich ein selbstsüchtiger Prinz ist, kann den Fluch brechen … Die Realverfilmung verdankt seine besten Momente zwar der Zeichentrickvorlage. Es gibt aber bereichernde Updates, wie die offensichtliche Homosexualität mancher Figuren oder die stärker thematisierte Emanzipation. Beides wird witzig und aufklärend in Szene gesetzt. Leider auch heutzutage ein offensichtlich mutiger Schritt, denn nicht wenige Kinos weltweit boykottierten den Film prompt. Deswegen und weil es bisher keinen schöneren Winter auf der Leinwand zu sehen gab, gehört dieses waschechte Musical unbedingt in unsere Liste.

Die Schöne und das Biest. © The Walt Disney Company (Germany) GmbH
Die Schöne und das Biest. © The Walt Disney Company (Germany) GmbH
Die Schöne und das Biest. © The Walt Disney Company (Germany) GmbH

Snowpiercer (2013)

Die internationale Filmkooperation ist ein unaufhaltsamer Klassenkampf auf engstem Raum, der irgendwo zwischen Elysium und Uhrwerk Orange stattfindet.

Um die extreme Erderwärmung aufzuhalten, beschließt die Weltgemeinschaft, in naher Zukunft mit einer Art Kühlmittel in der Atmosphäre dagegenzusteuern. Dabei kommt es leider zum anderen Extrem und der Planet friert zu. Die Überlebenden finden Zuflucht in einem Hightech-Zug, der von Jahr zu Jahr die Erde umfährt. Der Zug ist ein in sich geschlossenes Ökosystem mit allem, was es braucht, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Von vorne bis hinten ist diese durchstrukturiert: Die Privilegierten genießen Luxus in der Zugspitze, die Unterschicht lebt im hinteren Teil in menschenunwürdigen Verhältnissen. Ihr Anführer Curtis (Chris Evans) wagt den Aufstand und kämpft sich mit seinen Leidensgenossen von Abteil zu Abteil an die Spitze des Zuges … Der Überraschungshit von Bong Joon-ho ist ein sozialkritischer Rundumschlag allererster Güte. Eingebettet in die Metaphorik der vereisten Umwelt, prangert die Comicverfilmung so ziemlich alles an, was heutzutage schiefläuft in unserer Gesellschaft. Und wie sich Geschichte auf tragische Weise immer wiederholt, dreht der Zug hier sinngemäß Runde um Runde.

Snowpiercer. Curtis (Chris Evans) © MFA+ FilmDistribution e.K.
Snowpiercer. Curtis (Chris Evans) · © MFA+ FilmDistribution e.K.
Snowpiercer. Mason (Tilda Swinton) © MFA+ FilmDistribution e.K.
Snowpiercer. Mason (Tilda Swinton) · © MFA+ FilmDistribution e.K.
Fargo. Marge (Francis McDormand) © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
Fargo. Marge (Francis McDormand) · © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
Fargo. Jerry (William H. Macy) © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
Fargo. Jerry (William H. Macy) · © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
Fargo. Steve Buscemi (Mitte), Peter Stormare (links) © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
Fargo. Steve Buscemi (Mitte), Peter Stormare (links) · © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray

Fargo – Blutiger Schnee (1996)

In puncto Bild und Atmosphäre definitiv der frostigste Film. Trotzdem ist die makabre Bestandsaufnahme der Provinz auch warmherzig und irre komisch.

Autohändler Jerry (William H. Macy) ist finanziell am Ende und beschließt, seinen reichen Schwiegervater zu erpressen. Dazu lässt Jerry zwei einfältige Gangster seine eigene Frau entführen und ein Lösegeld fordern, das unter den Intriganten aufgeteilt werden soll. Dann geht alles schief, was schiefgehen kann, und die Mission der Gangster wird zum Amoklauf. Die hochschwangere Polizistin Marge (Francis McDormand) nimmt die Blutspur der mordenden Chaoten auf … Die Winterlandschaft und die Unbeschwertheit ihrer Bewohner machen den Anblick von Fargo so richtig gemütlich. Es wirkt auch nicht unsympathisch, dass die naiven Hinterwäldler sich nicht sonderlich für das brutale Verbrechen interessieren. Und doch ist die Quelle für das kontrastierende fließende Blut in ihrer Mitte. Skurril, bitterböse und ein präzise durchdachtes Gesamtwerk – ein typischer Film der Coen-Brüder eben. Fun Fact: Spielte Steve Buscemi hier noch die nervige Quasselstrippe, wurde ihm bei seinem nächsten Einsatz für die Coen-Brüder in The Big Lebowski der Maulkorb angelegt. Permanent wird er darauf hingewiesen, die Klappe zu halten.

Ice Age (2002)

Mehr Winter geht nicht. Und witziger eigentlich auch nicht. Nachdem Pixar 1995 mit Toy Story vorpreschte und sich DreamWorks sechs Jahre später mit Shrek endgültig als zweite Größe im Geschäft der computeranimierten Filme etablierte, zog 20th Century Fox 2001 mit Ice Age erfolgreich nach.

Während alle nach Süden fliehen, lässt Mammut Manfred das „Gerede von der Eiszeit“ sprichwörtlich kalt. Als er gegen den Strom trottet, rettet er Faultier Sid, der den Aufbruch seiner Sippe verpennt hat, wider Willen das Leben. Der freche Sid (mit ikonischer Stimme von Otto Waalkes) weicht nicht mehr von der Seite seines genervten Beschützers. Als beide ein hilfloses Menschenbaby finden, beschließt das unfreiwillige Duo, den Kleinen zu seinen Eltern zu bringen. Allerdings haben sie die Rechnung nicht mit dem listigen Säbelzahntiger Diego gemacht, der sich als Fährtenleser zur Verfügung stellt, tatsächlich aber ganz andere Pläne mit dem Kind hat … Die urkomische wie herzerwärmende (Wahl-)Familiengeschichte nimmt sich anders als die zum Teil zwanghaften vier Fortsetzungen, genug Zeit und Liebe zum Detail für jede ihrer skurrilen und ungleichen Figuren. Deren Potenzial wird so gut ausgeschöpft, dass Dialog und Handlung nur so vor Konflikten strotzen. Das Ergebnis: Komik ohne Ende, Spannung bis zum Schluss und dort ringt man als Zuschauer sogar noch mit den Tränen. Die katastrophale Jagd von Rattenhörnchen Scrat nach einer Eichel ist natürlich längst Kult.

Ice Age. © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
Ice Age. © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
Ice Age. © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
Ice Age. © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
Ice Age. © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray
Ice Age. © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray

Goldrausch (1925/42)

Viel Pathos und Klamauk steckt in der Tramp-Geschichte, mit der uns Charlie Chaplin unvergessliche Momente bescherte. Von all seinen Filmen war das sein persönlicher Favorit.

Ende des 19. Jahrhunderts sucht ein tapferer Mann in Alaska nach Gold und trotzt allen Gefahren. Aber er ist nur einer von Tausenden und lernt unterwegs Freunde und Feinde kennen. Doch am meisten sehnt er sich nach der Liebe von Tänzerin Georgia (Georgia Hale), die leider genauso leicht zu haben ist, wie das Edelmetall: nämlich fast gar nicht … Es ist nicht bloß der legendäre „Brötchen-Tanz“, der diesen Film so ikonisch macht. Die Geschichte des kleinen Mannes, der das große Glück sucht, ist in der gefährlichen Winterberglandschaft goldrichtig platziert. Zum einen, weil viele Hürden genommen werden müssen, die uns mitfiebern lassen, und zum anderen, weil mit Augenzwinkern gezeigt wird, in was für Abgründe sich Menschen – auch im wahrsten Sinne des Wortes – für Geld stürzen. Man kann übrigens getrost zur überarbeiteten Tonfassung von 1942 greifen, die Chaplin selbst zu verantworten hatte und dem stummen Original im Grunde nichts abnimmt. Beide Versionen gibt es in tadellos aufbereiteter Form für die moderne Flimmerkiste.

Goldrausch. © STUDIOCANAL HOME ENTERTAINMENT – Blu-ray
Goldrausch. © STUDIOCANAL HOME ENTERTAINMENT – Blu-ray
Goldrausch. Georgia Hale und Charlie CHaplin © STUDIOCANAL HOME ENTERTAINMENT – Blu-ray
Goldrausch. Georgia Hale und Charlie CHaplin · © STUDIOCANAL HOME ENTERTAINMENT – Blu-ray

(Bryan Kolarczyk)