Von den besten Geschichten kriegen wir nicht genug. Wir erzählen sie immer wieder aufs Neue, lesen unsere Lieblingsbücher und schauen unsere Lieblingsfilme beinahe regelmäßig. Sie haben uns einfach mitten ins Herz getroffen oder haben sich schlicht als Unterhaltungsmittel bewährt. Genau deshalb serviert uns vor allem Hollywood in Fließbandarbeit Filme mit exakt denselben Erzählmustern. Das ist längst zur Routine geworden und hat unter anderem zur Folge, dass andersartige Filme reflexartig vom Massenpublikum abgelehnt werden. Die Erwartungshaltung ist oft sehr konkret. Wehe dem, der unsere Zeit mit nicht explizit vorantreibenden Dialogen vergeudet – endlose Actionszenen ohne Konflikte und Spannung sind aber okay!
Wir finden das nicht ganz okay und darum stellen wir heute drei Filme vor, die aus dem Raster fallen. Und auch wenn sie es nur scheinbar tun, so hat doch gerade dieser Umstand unser Gehör verdient. Oder wie es Monsieur Candie (Leonardo DiCaprio) in Quentin Tarantinos Django Unchained so schön formuliert: „Sie hatten bereits meine Neugier geweckt, jetzt haben Sie meine Aufmerksamkeit.“ Aus aktuellem Anlass fangen wir direkt mit dem neuesten Werk des eigenwilligen Filmemachers an und sehen genau hin …

Once Upon a Time … in Hollywood (2019)

Mit seinem angeblich vorletzten Film ist Kultregisseur Quentin Tarantino (Pulp Fiction, Django Unchained) wieder einmal in aller Munde und spaltet die Gemeinde der Kinofans. „Langweilig und sinnlos“ rufen die einen, als „Meisterwerk“ adeln die anderen sein Retro-Epos. Wir tendieren eindeutig zu Letzterem!

Once-upon-a-time-in-Hollywood-51969 – das ist ein Jahr, mit dem so vieles verbunden wird, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Die erste Mondlandung, Woodstock, der Vietnamkrieg und die Hippie-Bewegung, die Geburt des Internets und, und, und. Tarantino hat sich für Once Upon a Time … in Hollywood den grausamen Mord an der damals hochschwangeren Schauspielerin Sharon Tate durch Mitglieder der Manson-Familie ausgesucht. Vor diesem Hintergrund erzählt der Regisseur und Drehbuchautor die Geschichte von Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und seinem Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt). Beide haben schwer damit zu kämpfen, sich in der Filmindustrie weiterhin zu behaupten, die sich langsam umwälzt. Rick war der Star einer Westernserie, die just eingestellt wurde. Während der bis dahin verwöhnte Schauspieler mehr schlecht als recht von einer undankbaren Schurkenrolle zur nächsten stolpert, nimmt Kumpel Cliff das gemeinsame Schicksal mit Gelassenheit und verrichtet mehr Hausreparaturen als seiner eigentlichen Berufung nachzugehen. Dann ziehen unerwartet der junge Starregisseur Roman Polanski (Rafal Zawierucha) und dessen Ehefrau Sharon Tate (Margot Robbie) bei Rick nebenan ein. Vielleicht ergibt sich aus der Nachbarschaft eine lukrative Zusammenarbeit?

Das Offensichtliche kurz vorweg: Die schauspielerische Leistung von Leonardo DiCaprio und Brad Pitt ist phänomenal! So, und nun ans Eingemachte: Dieser Film ist viel mehr als eine leichtfüßige Beobachtung des Los Angeles der 1960er Jahre. Um das zu erkennen, reicht es bereits aus, genau dort anzusetzen: Das einzigartige echte und detailverliebte Produktionsdesign offenbart historische Ungereimtheiten schon bei der Requisite, die der Perfektionist Tarantino keineswegs unabsichtlich in seinem Film platziert. Auch wenn er sich historischer Figuren und Umstände bedient, erhebt Once Upon a Time … in Hollywood keinerlei Anspruch auf historische Korrektheit. Er vermischt die wahre Geschichte mit seinen vielschichtigen fiktiven Charakteren und zaubert ein Märchen, das Hollywood ein bisschen glorifiziert, aber vor allem demaskiert. Damit hebt sich der Film auch deutlich von Damien Chazelles zweifellos schönem, aber anbiederndem La La Land (2017) ab, welcher im Grunde dieselbe Thematik vor ebenderselben prächtigen Hollywoodkulisse hat, jedoch das reproduziert und verherrlicht, was eigentlich symptomatisch für die Probleme in dieser Produktionsstadt ist: Wiederholung. In den 1960ern entstanden dort Unmengen absurd teurer Musicals, Sandalenfilme und Western, denen keiner hinterhertrauern muss. Als man das einsah, traten endlich neue Filmemacher wie etwa Francis Ford Coppola, Woody Allen, Roman Polanski, Brian de Palma oder Martin Scorsese mit neuen Visionen hervor. Deren Filme waren bodenständiger, kritischer und mutiger. Und genauso ist Tarantinos Blick auf Hollywood 1969. Nichts und niemand ist vor ihm sicher. Er lässt seine Figuren ausgerechnet von Polanski schwärmen und an den Allüren und Egoismen der Traumfabrik beinahe zugrunde gehen, Martial-Arts-Legende Bruce Lee im Zweikampf gegen Cliff alt aussehen, den „King of Cool“ Steve McQueen ernüchtert über andere Größen und sich selbst herziehen, und Sharon Tate als unschuldige lebensfrohe Optimistin völlig konträr dazu durchs Bild tanzen. So verdreht Tarantino die Historie mithilfe seiner absolut eigenwilligen Figuren so weit, dass man nur noch lachen muss über die Absurdität der Filmbranche und wie diese auch nach der Weinstein-Affäre ihr angekratztes Image weiterpoliert. Tarantino zeigt, dass Filme die Magie haben, die Geschichte zu verändern. Heute, 50 Jahre später, kann Once Upon a Time … in Hollywood insofern auch als Ansage an die aktuelle Kinolandschaft verstanden werden. Es wird wieder Zeit, aus dem Schema F zu brechen.

Das sind natürlich Qualitäten, mit denen so manch ein Kinobesucher wenig anfangen kann und bei denen er sich zudem auch noch mit einem Film konfrontiert sieht, der Spannungsaufbau strikt verweigert und eine Dialogszene ohne Handlungsrelevanz nach der anderen präsentiert. Als Zuschauer hängt man bloß zusammen mit Rick und Cliff ab und fährt lässig durch die Geschichte. Kurioserweise findet man dennoch alle Stationen der klassischen Heldengeschichte wieder, deren Ende in sprichwörtlich allerletzter Minute für ein wohliges Grinsen beim Zuschauer sorgt. Wer hat eigentlich gesagt, dass ein Film von vorn bis hinten dramaturgisch effizient durchkalkuliert sein muss? Genau, niemand! Wie immer will Quentin Tarantino vor allem unterhalten. Und das tut er auch in Once Upon a Time … in Hollywood mit seinen altbewährten Mitteln aus aberwitzigen Figuren, radikalem Tempowechsel zum Schluss und einer offensichtlichen Begeisterung für das Medium Film. Und nach dieser Vorstellung ist unsere Begeisterung wieder voll entflammt!

Fotos: Once upon a Time … in Hollywood. © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

The Witch (2015)

Mit seinem ersten abendfüllenden Film ist dem Drehbuchautor und Regisseur Robert Eggers etwas gelungen, das gefühlt nur alle zehn Jahre passiert – oder zumindest die Runde macht: einem Filmgenre neue Wege zu zeigen. The Witch ist anders als die allermeisten Horrorfilme, aber nicht nur deshalb auch viel besser!

Eine siebenköpfige Puritaner-Familie im Neuengland des 17. Jahrhunderts wird aus ihrer Gemeinde verstoßen und versucht sich fernab der Zivilisation an einem Waldrand ein neues Zuhause zu bauen. Der tiefreligiöse christliche Vater William (Ralph Ineson) und Ehefrau Katherine (Kate Dickie) sehen es zunächst als Chance für einen Neubeginn nach ihren beziehungsweise Gottes Vorstellungen. Doch der eingeschlagene Weg der Rechtschaffenheit entpuppt sich als Höllenpfad. Die Tiere drehen durch, die Ernte geht ein und dann verschwindet unter der Aufsicht der ältesten Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) auch noch das Neugeborene. Angeblich haust im Wald eine Hexe, die das Kind gestohlen haben könnte, doch weder lassen sich dafür Beweise noch das Kind finden. Die Zwillinge Jonas (Lucas Dawson) und Mercy (Ellie Grainger) bezichtigen ausgerechnet Schwester Thomasin der Hexerei und weitere unheimliche Vorfälle lassen die Familie allmählich zerbrechen. Lastet ein Fluch auf ihnen oder liegen die Antworten für die schrecklichen Umstände doch in der Familie selbst?

Man lehnt sich nicht weit aus dem Fenster, wenn man diesen Film als kleines Meisterwerk betitelt. Es gibt zwar andere Horrorfilme, die ohne literweise Blut und billige Schocker auskommen. Doch so dicht erzählen können dabei nur die wenigsten Filmemacher. Denn The Witch arbeitet sich auf mehreren Bedeutungsebenen behutsam und mit stetig wachsendem Grauen zum Kern der Probleme der Familie durch. Ohne Sünde ist hier eigentlich keiner, sei es der religiöse Hochmut des Vaters, das wachsende sexuelle Verlangen des jungen Caleb (Harvey Scrimshaw) oder die Lügen der anderen Familienmitglieder. So entpuppt sich der Film vielmehr als ruhiges Drama, das in Sachen Gruselatmosphäre dennoch vielen Horrorfilmen den Rang abläuft. Allein die knirschende Musik ist – im positiven Sinne – mitunter kaum zu ertragen, fantastische Elemente sind dezent und gnadenlos effektiv eingesetzt, Farbe, Licht und Produktionsdesign sind perfekt auf Handlung und Thematik abgestimmt. Regisseur Robert Eggers bewegt sich wirklich auf Stanley-Kubrick-Niveau. Wenn sich zum Ende alle Hinweise auf den Ursprung des Bösen verdichten, das naturgemäß in dieser Familie besonders gut gedeihen konnte, wird man dennoch schockiert und begeistert aufspringen. Denn es folgt die befriedigendste Abschlussszene, die man sich nicht im Traum hätte vorstellen können. Wer anspruchsvollen Horror mag und dem Arthouse nicht abgeneigt ist, wird diesen Albtraum lieben.

Fotos: The Witch. Auf DVD & Blu-Ray erhältlich (© Universal Pictures)

Angel’s Egg (1985)

Er wisse selbst nicht, wovon sein bizarrer Film handelt, sagt Regisseur Mamoru Oshii (Ghost in the Shell [1995]). Für uns war diese Aussage Grund genug, dieses frühe Werk des mittlerweile legendären Filmemachers genauer unter die Lupe zu nehmen. Was wir gesehen haben, ist faszinierend!

Ein einsames namenloses Mädchen wandert mit einem großen Ei durch eine surreale postapokalyptische Stadt und fängt immerzu fleißig Wasser in Glasflaschen auf. Irgendwann kreuzt ein mysteriöser Mann, der ein Kreuz auf dem Rücken mit sich trägt, ihren Weg und begleitet sie bei ihrer täglichen Routine. Das Mädchen sorgt sich um ihr Ei, doch beginnt dem Fremden zu vertrauen. Doch dessen Absichten bleiben unbekannt. Ist er hinter dem Ei her? Und was verbirgt sich darin?

Stellen Sie sich die Welt nach der Sintflut vor, aber ohne jeglichen Hinweis darauf, dass Gott einen Wiederaufbau für die Menschheit geplant hat. Unheimlich? Absolut! Aber mit all den Symbolen und undurchschaubaren Geschehnissen inmitten der Ruinen einer scheinbar ausgelöschten Zivilisation übt dieses Szenario eine hypnotische Wirkung aus, der man sich kaum entziehen kann. Angel’s Egg zu gucken, ist wie durch die hintersten Winkel seiner Seele zu wandern, ohne Ziel, aber mit tausend Fragen und noch mehr vergessenen Eindrücken aus einem fast vergessenen Leben. Melancholisch, nachdenklich und mit vorsichtiger Neugier. Der Film soll kurz, nachdem Mamoru Oshii von seinem christlichen Glauben abgefallen war, entstanden sein. Was nach einer solchen Identitätskrise übrig bleibt, sieht man in diesem wunderschönen Anime. Der Regisseur verwebt christliche Symbole und Themen zu einer Bestandsaufnahme seines Gemüts und erklärt im Grunde nichts. Der Reiz des Films besteht darin, sich selbst einen Reim darauf zu machen, und wer genug grübelt, dem schießen nach und nach so viele Deutungsmöglichkeiten durch den Kopf, dass sich am Ende ein Gefühl der Ohnmacht breitmacht. Womöglich geht es in dem Film auch um nicht mehr.

Das passt zu Oshiis eingehend erwähnter Ratlosigkeit gegenüber seinem Film. Es ist keine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende, sondern der Versuch, Gefühle in Bilder zu transkribieren. Das ist kryptisch und faszinierend. (Bryan Kolarczyk)

Fotos: Angel’s Egg. ©1985 Studio Deen/Tokuma Shoten