Auch 2019 steht uns wieder eine ganze Reihe neuer Comicverfilmungen bevor, die meisten davon entspringen dem Marvel-Universum. Und die allermeisten von uns denken dabei wohl zuerst an die bunten und actiongeladenen Superheldenfilme, die regelmäßig die Kinokassen klingeln lassen, als gäbe es keine Alternativen mehr auf der großen Leinwand. Dabei gibt es jede Menge Adaptionen, die sich stark von den tendenziell belanglosen Popcorn-Versionen abgrenzen. Entweder durch ihre anspruchsvollen Themen, innovativen Inszenierungen oder einfach nur, weil wenige wissen, dass sie eine gezeichnete Vorlage haben. Wussten Sie, dass beispielsweise die Agenten-Komödie „R.E.D. – Älter. Härter. Besser.“ mit Helen Mirren und Bruce Willis oder das Drama „Road to Perdition“ mit Tom Hanks ursprünglich Comics sind? Apropos: Japanische Comics werden Mangas genannt und sind auch in unserer Liste die eine oder andere Vorlage zum Filmtipp. Hier sind sechs Filme, die dem Original in nichts nachstehen …

Sin City (2005)

Eigentlich ist dieser Film von Robert Rodriguez und Frank Miller, von dem auch die Vorlage stammt, keine Comicbuch-Adaption, sondern ein zum Leben erwecktes Comic. Es ist über die Maßen originaltreu und so stilecht gefilmt, dass man meinen könnte, man würde sich beim Zuschauen lediglich das Umblättern sparen:

In drei durcheinandergewürfelten und mehr oder weniger ineinandergreifenden Kurzgeschichten tauchen wir in die Stadt Sin City ein. Ein dreckiger, korrupter und brutaler Sündenpfuhl, in dem nur die Härtesten der Harten überleben. Als Erstes begleiten wir den Polizisten aus alter Schule Hartigan (Bruce Willis). Am Tag vor seinem Ruhestand muss er die elfjährige Nancy vom verrückten Kinderschänder Roark Junior retten. Unglücklicherweise ist der Sohn des örtlichen Senators und Hartigans Partner Bob ein korrupter Bulle.

Filmtipps Sin City

Sin City. © STUDIOCANAL Home Entertainment – Blu-ray

In der zweiten Episode wacht der Hüne Marv (Mickey Rourke) neben seiner toten Bettgesellschaft Goldie auf. Offensichtlich wurde sie im Schlaf ermordet, ohne dass es Marv mitbekommen hat. Der schwört Rache. Im Zuge seiner Nachforschungen macht er grausige Entdeckungen. Dann ist da noch der letzte Gentleman der Stadt, Dwight (Clive Owen). Nachdem er sich, ohne es zu wissen, mit einem Polizisten angelegt hat, der Kellnerinnen und Prostituierte belästigt, findet sich Dwight in einem Kampf zwischen dem Gesetz und dem Rotlichtviertel wieder …

Sin City ist im Kern ein kompromissloses und extrem gewalttätiges Beispiel des Neo-Noir-Films. Dass er fast vollständig in Schwarzweiß daherkommt, unterstützt die düstere Krimiatmosphäre zusätzlich. Gleichzeitig sieht das Bild mit seinen wenigen satten Farben insgesamt so künstlich aus, dass man gar nicht anders kann, als sich der Panels im Comic zu entsinnen. Stil geht hier eindeutig über Story. Dank der eher spartanisch eingerichteten Bühnenbilder gibt es an sich nicht viel im Bild zu sehen. So kann man sich ganz mit den interessanten Figuren beschäftigen, die ihre Gedanken via Off-Texte vortragen. Diese Perle unter den Comicverfilmungen ist definitiv nicht jedermanns Geschmack.

Oldboy (2003)

Spätestens seit diesem Meisterwerk wird der koreanische Regisseur Chan-wook Park mit Hollywoodgrößen wie David Fincher (Sieben) oder Quentin Tarantino (Pulp Fiction) in einem Atemzug genannt. Aber eigentlich spielt zumindest Oldboy in seiner eigenen Liga. Nach der Manga-Vorlage von Autor Garon Tsuchiya und Zeichner Nobuaki Minegishi:

Sturzbetrunken und pöbelnd wird Familienvater Oh Dae-su (Min-sik Choi) am Geburtstag seiner kleinen Tochter aufs Polizeikommissariat gebracht, bis ihn sein Freund dort rausholt. Während der anschließend telefoniert, wird Oh ohne ersichtlichen Grund entführt. Daraufhin findet er sich scheinbar in einem schäbigen Hotelzimmer wieder. Nur gibt es keine Fenster und Oh kommt nicht heraus. 15 Jahre lebt er dort eingesperrt, ohne Kontakt zu anderen Menschen. Er sieht nur einen Fuß, der ihm regelmäßig eine Mahlzeit durch eine Türklappe schiebt. Ebenso regelmäßig wird Oh mit Gas betäubt und wacht gewaschen und mit frischer Kleidung auf. Im Fernseher lernt er, dass die Polizei ihn für den Mord an seiner Frau verantwortlich macht und seine Tochter in Schweden adoptiert wurde. Dann wird der rachsüchtige Oh plötzlich freigelassen. Doch seine Tortur ist längst nicht vorbei und die Suche nach seinen Peinigern wird zum aufgezwungenen Selbstfindungstrip …

Filmtipps Old Boy

Oldboy. © capelight pictures

Jede Kameraeinstellung, jeder Satz, sämtliche Requisiten – einfach alles ist entweder eine Metapher oder ein sorgfältig gemeißelter Bauklotz des gesamten Handlungskonstrukts oder beides. Keine noch so erschreckende Gewalttat dient dem Selbstzweck und auch keine der bizarren Umstände existiert bloß, um zu verwirren oder weil es gut unterhält. Alles ist Teil eines großen Ganzen und faszinierenderweise glaubt man anfangs noch, die Geschichte wäre ein moderner und kreativer Rachethriller, dann doch eher eine klassische Tragödie. Aber letztendlich ist dieser Film alles auf einmal, eine Geschichte über perfide, aber poetische Gerechtigkeit. Momente, in denen etwa der just befreite und mittlerweile seelisch halbtote Oh in einer Sushibar nach etwas Lebendigem zu essen verlangt, zeigen eine existenzialistische Tragweite, die man in Filmen oft vergeblich sucht. Insofern ist Chan-wook Parks Manga-Adaption sowohl filmtechnisch als auch erzählerisch eine kleine Offenbarung. Damit reiht sich Oldboy in die Liste derjenigen Filme ein, die Sie unbedingt (mindestens) einmal in Ihrem Leben gesehen haben sollten.

Alita: Battle Angel (2019)

Mit diesem rasanten und effektgeladenen Blockbuster haben James Cameron (Titanic, Avatar) und Robert Rodriguez (Irgendwann in Mexico) endlich Hollywoods erste artgerechte Manga- und Anime-Adaption geschaffen. Die originale Vorlage stammt von Yukito Kishiro:

In ferner Zukunft schlägt das Herz der menschlichen Zivilisation nach einem verheerenden Krieg in Iron City. Ein verarmter Schmelztiegel von Kulturen, in welchem gewöhnliche Menschen mit kybernetisch verbesserten Körpern leben, stets im Schatten der letzten Himmelstadt Zalem, die nur Privilegierten zugänglich ist. Auf einem Schrottplatz findet Dr. Dyson Ido (Christoph Waltz) die Überreste eines jungen weiblichen Cyborgs (Rosa Salazar): ein intakter Torso und Kopf mit noch lebendigem menschlichen Gehirn. Ido baut dem mysteriösen Mädchen einen neuen Körper und tauft sie auf den Namen Alita. Von da an erleben wir die Geschichte durch Alitas Augen, die sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden lernt. Erinnerungen an ihr bisheriges Leben hat sie keine. Das ändert sich, als ihr bewusst wird, welche übernatürlichen Kampffähigkeiten in ihr schlummern. Indes versuchen korrupte Kräfte, sich Alitas zunutze zu machen. Mit der Zeit begreift diese, dass ihre Kräfte der Schlüssel zur Rettung ihrer Freunde und von Iron City sein könnten …

Filmtipps Alita

Alita. © 20th Century Fox

Trotz einiger Schwächen bleibt dieser Cyberpunk-Blockbuster eine tolle, unterhaltsame Geschichte über Menschlichkeit und Selbstfindung, die sowohl den kindlichen wie bluternsten Charme ihrer Vorlage bewahrt, sich von ebendieser sogar abhebt. Das ist bisher noch niemandem in der Traumfabrik gelungen und macht Hoffnung auf mehr. Denn unlängst haben amerikanische Filmemacher zwar erkannt, dass es einen Markt für Adaptionen japanischer Vorbilder gibt, bisher aber leider nur Enttäuschungen produziert. Am beeindruckendsten ist hier, wie die furchtlose Protagonistin, die bei jeder noch so großen Gefahr direkt in den Angriffsmodus schaltet, doch so verletzlich gezeichnet wurde. Mehr und mehr entpuppt sich Alita als zutiefst selbstlose Persönlichkeit, die sprichwörtlich ihr Herz für andere hergeben würde. Das der Zuschauer dürfte sie jedenfalls nicht bloß mit ihren Manga-typischen, supersüßen, großen Augen –
ein stilistischer Bruch, eine Verbeugung vor dem Originalmedium – erobern.

Kingsman: The Secret Service (2014)

Auf den ersten Blick ist Matthew Vaughns Überraschungshit ein Over-the-top-Agentenfilm mit absurd hochkarätigen Schauspielern. Tatsächlich ergibt es absolut Sinn, dass Charakterdarsteller wie Colin Firth (The King’s Speech) dieses gewitzte Popcornkino veredeln. Nach der Comicvorlage von Autor Mark Millar und Zeichner Dave Gibbons:

Die Kingsmen sind eine unabhängige Spionage-Organisation, die sich von Artus‘ Tafelrunde inspiriert und weltweit für Frieden sorgt. Als einer aus ihrer Mitte (Codename: Lancelot) umgebracht wird, soll nun ein würdiger Ersatz rekrutiert werden. Agent Galahads (Colin Firth) Wahl fällt auf den Kleinkriminellen Eggsy (Taron Egerton), den er zu seinem Schützling macht und ausbildet. Galahad fühlt sich für den Tod von Eggsys Vater und somit für den vorlauten, aber talentierten jungen Mann verantwortlich. Währenddessen kommen die Kingsmen einer riesigen Verschwörung auf die Spur, an deren Spitze der hippe Internet-Milliardär Richmond Valentine (Samuel L. Jackson) steht …

Filmtipps Kingsman

Kingsman. © 20th Century Fox Home Entertainment – Blu-ray

Bleiben wir direkt beim Bösewicht Valentine. Der ist nicht nur eine Parodie aller James-Bond-Schurken, die häufig albern entworfen und gespielt sind, sondern mit all seinen Attributen genau der Bösewicht, den wir heute verdient haben: Er ist unglaublich reich, trägt aber Sneakers und eine schiefe Baseballmütze, serviert Fast Food mit teurem Rotwein und muss sich übergeben, wenn er Blut sieht, obwohl er selbst für reichlich Blutvergießen sorgt. Bei all seinen Anspielungen und seinem Metahumor ist dieser Film allerdings mehr als eine urkomische Verbeugung vor dem Spionagefilm und anderen Kinogrößen. Er ist etwas ganz Eigenes: Die Macher haben einen stilsicheren und packenden Actionfilm abgeliefert, dessen abstruser Einfallsreichtum in sich stimmig ist. Und diese (auch sehr britische) Selbstverständlichkeit bringen insbesondere die Schauspieler mit Schirm, Charme und megaviel Gewalt auf den Punkt. Logisch, dass diese Wundertüte von einem Film mehrere Fortsetzungen nach sich ziehen wird.

Your Name. – Gestern, heute und für Immer (2016)

Die Sensation war perfekt, als dieser wundervolle Anime sogar Chihiros Reise ins Zauberland aus dem Studio Ghibli (das japanische Pendant zu Disney) von der Weltspitze der erfolgreichsten japanischen Filme stieß. Kein Wunder, denn hier gibt es viel zu lachen, zu grübeln und mitzufiebern:

Basierend auf seiner eigenen Manga-Vorlage erzählt Makoto Shinkai die Geschichte zweier Teenager, die eines Tages im Körper des jeweils anderen aufwachen. Mitsuha ist ein Mädchen vom Dorf. Unzufrieden mit ihrem öden Landleben und den familiären Verpflichtungen, wünscht sie sich nichts sehnlicher, als in ihrem nächsten Leben ein attraktiver Junge in der Metropole Tokio zu sein. Nachdem Mitsuha ihren Wunsch lauthals in den Himmel ruft, wacht sie am nächsten Morgen im Körper des Schülers Taki in Tokio auf. Dieser wiederum, beinahe ebenso unglücklich über sein Leben in der Stadt, wacht in Mitsuhas Körper auf. Fortan tauschen beide jede Nacht ihre Körper und versuchen, so gut es geht, mit diesem verrückten Umstand zurechtzukommen. Dann bricht ihre geheimnisvolle Verbindung ab. Taki möchte nun das Mädchen ausfindig machen, mit der er sein Leben auf so unerklärliche Weise geteilt hat …

Filmtipps Your Name

Your name. © Universum Film GmbH

Filmtipps Your Name

Your name. © Universum Film GmbH

Was zunächst wie eine Zeichentrickversion von Freaky Friday oder 30 über Nacht klingt und auch so beginnt, entwickelt sich schnell zu etwas ganz anderem, zu mehr. Your Name ist nämlich nicht nur eine fantastische Coming-of-Age-Story, sondern auch ein intelligentes Drama, das mit fortschreitender Spielzeit immer größere Dimensionen annimmt und sogar die Grenzen zwischen Raum und Zeit herausfordert. Wer nach dem ersten Akt zu wissen glaubt, wo die Reise hingeht, irrt gewaltig. Außerdem ist der Anime eine wahre Augenweide. Die Bilder haben eine unvergleichliche Tiefe, auch im hintersten Winkel sind die Konturen eines Treppengeländers noch messerscharf. Und wenn sich die Perspektive etwa bei Takis Betrachtung eines Kometen, der als wunderschönes Leitmotiv durchs Geschehen führt, elegant verschiebt, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Makoto Shinkai hat eine einzigartige Geschichte über Seelenverwandtschaft entworfen, die er auf unkonventionelle Art erzählt. Und zwar mit ebenso viel Humor wie Tragik. Mit seiner emotionalen Wucht am Ende dürfte der Film auch die härteste Schale eines Zuschauers knacken.

(Bryan Kolarczyk)