Wenn sich Filmemacher an ein großes Franchise heranwagen, ein kulturelles Erbe beleuchten oder Konventionen herausfordern, können sie es niemals allen recht machen. Sie werden Kindheitserinnerungen ruinieren, Gesellschaften spalten und den Zorn eingefleischter Hardcorefans auf sich ziehen. Es geht gar nicht anders. Und wir lieben diese mutigen Filmemacher dafür, dass sie es immer wieder tun! Wir haben drei großartige Streifen aus den letzten drei Jahren herausgesucht, die nicht perfekt sind, aber mindestens als ungeschliffene Diamanten in unserer Sammlung herausragen. Sie regen gerade deshalb unsere Fantasie an, entfachen unsere Leidenschaft und machen Lust auf mehr. Sie machen Vorfreude auf den Tag, an dem wir wieder sorgenfrei ins Kino gehen können – „Eine neue Hoffnung“, wie man als Star-Wars-Fan sagen würde …
Filmtipps Sommer 2020

Star Wars – Episode VIII: Die letzten Jedi (2017)

Jetzt, da die Skywalker-Saga mit ihrer neunten Episode nach über 40 Jahren ihr Ende gefunden und sich der Staub der Diskussionen gelegt hat, werfen wir einen sehnsuchtsvollen Blick zurück auf den kontroversesten aller Star-Wars-Filme. Denn 2017 war die Macht noch mit uns, bevor die Saga im Winter einen versöhnlichen, aber doch müden Abschluss erhielt. Die großartige Vision von Rian Johnsons „Die letzten Jedi“ verpuffte am Ende der dritten Trilogie wie die unermessliche Vorfreude auf die letzte Staffel von „Game of Thrones“. Schade, denn Episode VIII ist verblüffend gut.

Der Sieg des von General Leia (Carrie Fisher) angeführten Widerstands gegen die Erste Ordnung ist nicht von Dauer. Mehrere Heimatplaneten wurden zerstört und so steht der Widerstand heillos dezimiert vor dem Aus, während ihr Feind unter der Führung des Obersten Anführers Snoke (Andy Serkis) mit einer überlegenen Flotte Jagd auf die verbliebenen Rebellen macht. Der draufgängerische Pilot Poe Dameron (Oscar Isaac) hat eigene Vorstellungen davon, wie man das Blatt wendet, und gerät in Konflikt mit Kameraden und Vorgesetzten. Unterdessen starten der bekehrte Sturmtruppler Finn (John Boyega) und Mechanikerin Rose (Kelly Marie Tran) einen verzweifelten Rettungsversuch. Die begnadete Kämpferin Rey (Daisy Ridley) will bei dem im Exil lebenden Jedi-Meister Luke Skywalker (Mark Hamil) in die Lehre gehen. Doch der desillusionierte Einsiedler hat dem Kampf gegen die dunkle Seite längst den Rücken zugekehrt. Was Rey ebenso verunsichert: Ihr Widersacher Kylo Ren (Adam Driver), der Lehrling des bösen Anführers Snoke, scheint etwas über ihre ungeklärte Herkunft zu wissen …

Wer hätte jemals geglaubt, dass der gewissermaßen traditionelle Hass auf die zweite Star-Wars-Trilogie von einem unerhörten Shitstorm entrüsteter Fans getoppt werden könnte, der über „Die letzten Jedi“ hereinbrach? Die Kritiker hingegen lobten Rian Johnsons Schreib- und Regiearbeit an Episode VIII, und zwar sowohl für die über allem erhabenen Schauwerte des Blockbusters als auch für seine unkonventionellen Ideen, seine Brüche mit altbewährten Erzählmustern. Der visionäre Regisseur (Looper, Knives Out – Mord ist Familiensache), den Disney für die Fortführung ihrer Trilogie anheuerte, wirft hier einiges über Bord. Dass Luke Skywalker gleich zu Beginn des Streifens das ihm von Rey überreichte Lichtschwert einfach nach hinten wegwirft, ist Sinnbild für den gewagten Neuanfang. Als im Vorgänger ein Sturmtruppler zum ersten Mal seinen Helm abnimmt und sich als menschliche Figur im Konflikt mit ihrem Gewissen offenbart, schnappten noch alle im Kinosaal nach Luft – und zwar im positiven Sinne. Luke Skywalkers Abkehr von der Macht der Jedi hingegen sorgte für Empörung. Doch gerade diese neue Richtung ist für Zuschauer umso spannender. Es gibt reiche Diskussionen über den schmalen Grat zwischen heller und dunkler Seite, Nutznießer von Krieg sowie einen Geschlechterkampf, der ausnahmsweise nicht bloß der leichten Unterhaltung dient. Johnsons Bilder strotzen vor Einfallsreichtum und sind selbst in diesem bunten Franchise erfrischend. Seien wir ehrlich: Star Wars ist eines der größten Geschenke an die Filmindustrie und uns Filmeliebhaber, aber alles andere als perfekt – nur „Das Imperium schlägt zurück“ ragt hervor. Wenn ausgerechnet das Mausstudio der Saga eine Episode mit gewissem Anspruch gibt, sagen wir Danke.

Fotos: © The Walt Disney Company (Germany) GmbH

Filmtipps Sommer 2020
Filmtipps Sommer 2020
Filmtipps Sommer 2020

Jojo Rabbit (2019)

Zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Oscar für das beste adaptierte Drehbuch, und noch viel mehr Nominierungen hat Taika Waititis (Thor: Tag der Entscheidung, 5 Zimmer Küche Sarg) herzerwärmende Satire gewonnen. Zuletzt stand der Film im Schatten des (vollkommen zu Recht!) gefeierten „Parasite“, weshalb wir Ihnen „Jojo Rabbit“ unbedingt ans Herz legen möchten. Diese ulkige Geschichte ist ebenso unterhaltsam und von aktueller Relevanz, vorgetragen von begnadeten Schauspielern in ihren bis dato schrillsten Rollen.

Der zehnjährige Jojo Betzler (Roman Griffin Davis) lebt zusammen mit seiner liebevollen Mutter Rosie (Scarlett Johansson) in einer kleinen Provinzstadt in Deutschland 1945 und wünscht sich nichts sehnlicher, als ein waschechter Nazi zu werden, auf den man stolz sein kann. Sein Vater ist angeblich an der italienischen Front und lange nicht mehr zu Hause gewesen, seine ältere Schwester ist an einer Grippe gestorben. Adolf Hitler (Taiki Waititi) ist sein größter Held und zugleich sein idiotischer, imaginärer, bester Freund, der dem Jungen die komplizierte Welt der Erwachsenen erklärt. Als Jojo im Nazi-Feriencamp lernt, wie man Granaten wirft, Bücher verbrennt und wie wichtig blonder Nachwuchs ist, wird er schwer verletzt und muss die Ausbildung zur Rettung Deutschlands frustriert abbrechen. Daraufhin will er sich anderweitig für die Sache engagieren. Doch dann entdeckt er auf dem Dachboden seines Zuhauses das jüdische Mädchen Elsa (Thomasin McKenzie), die dort von Jojos Mutter vor den Nazis versteckt gehalten wird. Hin- und hergerissen zwischen seiner Pflicht, Elsa der Gestapo auszuliefern, und seinem Wunsch seine Mutter nicht in Gefahr zu bringen, handelt er einen Deal aus: Elsa verrät Jojo alles über Juden, damit er ein Buch über diese gruseligen Wesen schreiben kann. Im Gegenzug verrät der kleine Nachwuchs-Nazi Elsa nicht. Jojo realisiert, dass Juden überhaupt nicht anders sind als andere, und gerät in eine Krise …

Es liegt in der Natur solcher Filme, dass sie das Publikum in zwei Lager spalten. Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob man sich überhaupt über die Nazizeit und ihre Verbrechen lustig machen darf, sondern auch darum, ob die Art und Weise angebracht ist. Nicht wenige Kritiker werfen „Jojo Rabbit“ sogar vor, nicht weit genug zu gehen. Das können wir zum Teil unterschreiben, aber in seinen besten Momenten strahlt dieser Film wie der hellste Stern am Satire-Himmel. Taika Waititi inszeniert ihn mit einer Leichtigkeit, die ansteckend ist und für ein wohliges Dauergrinsen beim Zuschauer sorgt. Sein Witz ist weniger derb als viel mehr „gaga“ und trifft einen gar nicht mal so speziellen Humor. Die Geschichte ist eine Coming-of-Age-Story mit viel Fingerspitzengefühl, ganz gleich was für haarsträubende Aussagen getätigt werden. „Jojo Rabbit“ erinnert bisweilen nicht zufällig an Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ von 1997. Auch wenn Waititis Werk eine absurde Prämisse zugrunde liegt, die Emotionen sind authentisch. Hier gibt es viel schrägen Humor und noch viel, viel mehr Liebe.

Fotos: © The Walt Disney Company (Germany) GmbH

Bohemian Rhapsody (2018)

Queens Musik ist unsterblich. Rami Maleks Verkörperung von Freddie Mercury auch. Allein seinetwegen lohnt es sich, diesen biographischen Film über die Genese einer Ausnahmeband zu gucken. Es ist ein Werk, das andere Musiker motiviert und jeden mitreißt. Dieser Film will rock you!

Gerade als die kleine Rockband Smile 1970 ihre ersten Erfolge feiert, stehen Gitarrist Bryan May (Gwilym Lee) und Schlagzeuger Roger Taylor (Ben Hardy) plötzlich ohne Sänger da. Der schüchterne Farrokh Bulsara (später Freddie Mercury, gespielt von Rami Malek) überzeugt die beiden mit einer spontanen Gesangsprobe, als ihr neuer Frontmann aufzutreten. Zusammen mit dem Bassisten John Deacon gründen die vier die größte Rockband aller Zeiten: Queen. Es dauert nicht lang, bis die Musiker immer mehr Konzertbesucher begeistern, und schließlich begeben sie sich ins Studio, um das Album „A Night at the Opera“ aufzunehmen, das ihnen 1975 zu Weltruhm verhilft. Darin enthalten ist der ungewöhnliche Song „Bohemian Rhapsody“. Während die Band immer mehr und immer größere Stadien auf der ganzen Welt füllt und einen Hit nach dem anderen veröffentlicht, setzt sich Freddie mit seiner Homosexualität auseinander und driftet im Zuge seiner Karriere immer weiter ab, bis er sich schließlich von Queen trennt. Als er an HIV erkrankt, sucht er den Schulterschluss mit seinen alten Freunden und bereitet sich auf das größte Konzert der Bandgeschichte vor …

Ein Film zu Ehren des vielleicht einflussreichsten Entertainers der Musikgeschichte, der alle Höhen und Tiefen eines Rockstars durchlebte, kann doch nicht familientauglich sein. Und doch ist Bohemian Rhapsody recht fromm geraten und deutet den Exzess von Freddie Mercury eher an und verschweigt, was Zeitzeugen über ihn erzählen. Nämlich dass er sein ausschweifendes Leben in vollen Zügen genoss. Wie viel von der etwas zurückhaltenden Tonalität des Films mit der Entlassung von Regisseur Bryan Singer (X-Men, Die üblichen Verdächtigen) drei Wochen vor Drehschluss zusammenhängt, lässt sich kaum sagen. Doch das, im Gegensatz zu beispielsweise Rocketman (2019), glattgebügelte Biopic Bohemian Rhapsody ist ein mitreißendes Fest für die Sinne. Nicht nur das legendäre 20-minütige Live-Aid-Konzert wurde eins zu eins neu fürs Kino nachgeahmt, auch andere Konzertausschnitte sind phänomenal authentisch. Und sowohl auf als auch abseits der Bühne brilliert Rami Malek (Mr. Robot) kongenial als Freddie Mercury. Den Oscar als bester Hauptdarsteller hat er sich mehr als verdient! Dieser Film ist virtuos, einfühlsam und unterhält prächtig. Da stört es auch nicht, dass er Fakten seiner eigenen Dramaturgie unterordnet. Im Kern sind Queen und ihr Sänger so abgebildet, wie wir sie in Erinnerung haben. Und es liegt nicht nur an ihrer Musik, dass man als Zuschauer permanent Gänsehaut bekommt. Der Film ist einfach klasse.

Fotos: © The Walt Disney Company (Germany) GmbH

(Bryan Kolarczyk)