Dieses Mal schließen wir den Kreis von Park Chan-Wooks Rache-Trilogie. In Ausgabe 1/2019 warfen wir einen Blick auf den weltberühmten Mittelteil „Oldboy“ (2003), jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, die anderen beiden Teile vorzustellen: Denn mittlerweile haben auch „Lady Vengeance“ (2005) und „Sympathy for Mr. Vengeance“ (2002) eine üppig mit Extras gefüllte Sammleredition bekommen. Beide Titel stehen „Oldboy“ in nichts nach, außer dass ihnen nicht die gleiche Aufmerksamkeit zuteilwurde. Der südkoreanische Regisseur legt in seinen drei Filmen unterschiedliche Schwerpunkte und betrachtet das Thema Rache aus verschiedenen Blickwinkeln. Jedes der drei thematisch zusammenhängenden Werke lohnt einen Abend im Heimkino – oder mehr!

Lady Vengeance (2005)

Im Abschlusswerk von Park Chan-Wooks Trilogie schickt der Filmemacher die geballte Frauenpower auf einen Pfad, den man nicht zurückgehen kann. Doch das ist nicht der einzige Unterschied zu den vorangegangenen Werken, die sich um männliche Protagonisten drehen. Der schmale Grat zwischen Schuld und Sühne wird dieses Mal in den gesellschaftlichen Kontext gerückt und stellt die juristische Strafverfolgung sowie die Exekutivgewalt des Staates auf die Probe.

13 harte Jahre hat die junge Lee Geum-ja (Yeong-ae Lee) wegen eines Mordes, den sie nie begangen hat, im Gefängnis absitzen müssen. Danach bleibt sie nicht ganz unbekannt, fragte sich doch damals jeder, wie ein so hübsches erst 19-jähriges Mädchen mit engelsgleichen Zügen einen so grausamen Mord begehen konnte – um der Spannung willen, verraten wir an dieser Stelle nichts Genaues. Als Lee Geum-ja entlassen wird, will sie nur noch eins: Rache an all jenen verüben, die ihr Leben zerstört haben. Zusammen mit einer Gruppe von Frauen, mit denen sie sich hinter Gittern angefreundet hat, beginnt Geum-jas langer Weg der Vergeltung. Zugleich macht sie sich auf die Suche nach ihrer Tochter, die sie einst hat zurücklassen müssen …

„Lady Vengeance“ ist ruhiger und tiefgründiger als seine beiden Vorgänger. Außerdem weiß der Zuschauer lange nicht, weshalb die Hauptdarstellerin einsitzt und auch nicht, ob es einen Grund für Empathie ihr gegenüber gibt. Doch die wunderschönen, obgleich brutalen Bilder wecken sofort das Interesse für den Racheengel, der ausgerechnet einem Priester (Kim Byeong-Ok) als Vorbild dient. Neben den für Regisseur Park Chan-Wooks typisch skurrilen Bildern, die einen aus dem realen Hier und Jetzt herausholen, und den ausgesprochen kreativen Arrangements wandelt sich der Film nach einem scheinbar frühen Ende doch zu einer unerwarteten Diskussion, die die gewohnte Spielfilmlänge erreicht. Ein altes klingonisches Sprichwort sagt, dass Rache ein Gericht sei, welches am besten kalt serviert werde. Aber wie viele Speisegäste sitzen am Tisch? Spielt das eine Rolle? Geum-ja will die Last der Rache nicht alleine tragen. Doch ob sie das besser schlafen oder gar Gutes bewirken lässt? Es ist äußerst spannend, die Figuren dabei zu beobachten, wie sie versuchen, diese Fragen zu beantworten. Solche Erörterungen sind äußert selten im Kino und daher eine klare Empfehlung.

Warum kommen wir gerne auf das koreanische Kino zurück? Zum einen weil der Kreativität scheinbar keine Grenzen gesetzt werden, zumindest keine so offensichtlichen wie wir sie in den allermeisten Hollywood-Produktionen erkennen. Es geht skurril, poetisch und dennoch direkt zur Sache. Eine weitere Besonderheit ist die neutrale Position der Filme. Schwierige Tabuthemen werden offen und unparteiisch vorgestellt, sodass sich jeder Zuschauer ein eigenes Bild machen kann. Von einer Indoktrination konventioneller Werte und Normen kann meist keine Rede sein. Die Erfahrung, was vielleicht richtig oder falsch sein könnte, ist für jeden eine andere. Im Zweifel – oder im besten Falle, wie wir finden – ist der hohe Unterhaltungswert der große Nenner. Und „Lady Vengeance“ unterhält prächtig!

Sympathy for Mr. Vengeance (2002)

Dies ist ein Stummfilm mit Dialogen. Es gibt nicht viel zu schauen, aber viel zu sehen. Und das, was man sieht, ist ein Werk über Hingabe und Liebe, welches die zur Schau gestellten menschlichen Abgründe in ein differenziertes Licht rückt. Park Chan-Wooks Auftakt zur Rache-Trilogie ist ein intimer Einblick in die Seelen verzweifelter Männer, die mehr aufgeben als sie müssten.

Als der taubstumme Ryu (Shin Ha-kyun) seinen Job in der Fabrik verliert, könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein: Seine schwer kranke Schwester braucht dringend eine Nierentransplantation, für die den Geschwistern das nötige Geld fehlt. Als der Deal mit kriminellen Organhändlern schiefgeht, sehen Ryu und seine Freundin Yeaong-mi (Bae Doona) nur noch einen Ausweg: Sie entführen die Tochter des wohlhabenden Fabrikbesitzers Park Dong-jin (Kang-ho Song), um das Geld für die Transplantation zu erpressen. Doch eine unerwartete Katastrophe setzt einen blutigen Rachefeldzug in Gang, bei dem es keine Gewinner geben kann …

„Sympathy for Mr. Vengeance“ zu sehen, ist in etwa so, als würde man nach langer Zeit „Reservoir Dogs“ (1992) von Quentin Tarantino einschalten. Die großen Kinoerfolge verdrängen gerne die Erstlingswerke der gefeierten Filmemacher und so wirken diese dann wie ein Rohling ihres Lebenswerks. Park Chan-Wooks erster von drei Rachefilmen hat eine spartanische Kulisse, die wenigen Dialoge sind einprägsam, aber oft überflüssig. Und dies, obwohl wir einer taubstummen Hauptfigur folgen! Nichtdestotrotz zieht uns ihr Weg sofort in den Bann.

Wie viele Menschen können sich vorstellen, wie ein Mensch mit dieser Behinderung die unfassbaren Hürden nimmt, um seiner Schwester eine neue Niere zu besorgen? Das besondere an der Handlung von „Sympathy for Mr. Vengeance“ ist die Betrachtung beider Seiten. Ryu steht ganz unten in der Gesellschaft, Park Dong-jin ganz oben. Beide fallen durch unglückliche Schicksalsschläge noch weiter hinunter beziehungsweise überhaupt erst von ihrer hohen Position. Doch unterm Strich hegt man für beide Sympathien, denn sie begegnen sich auf tragischer Augenhöhe. Für den Zuschauer gibt es nicht nur einen Mr. Vengeance, sondern zwei. Zwei, die ganz allein sind. Sämtliche Racheakte sind Kunstwerke, ein persönlicher Ausdruck und somit mehr als bloße Befriedigung niederer Instinkte. Sie machen den Reiz dieses Films aus.
(Bryan Kolarczyk)

Fotos: © capelight pictures (4)