Erinnern Sie sich noch daran, als sich das letzte Mal Ihr Leben entscheidend verändert hat? Für die Schauspieler und Filmemacher der folgenden Kinofilme war es die Mitarbeit an ebendiesen. Wir präsentieren drei unterschiedliche Werke, die zu Meilensteinen ihrer Karrieren wurden – doch sie sind auch darüber hinaus sehenswert. Mit dabei ist der perfekte Kandidat für die neue Kinosaison: „Der Rausch“ mit Mads Mikkelsen startet am 22. Juli 2021. Und wenn Sie sich bis dahin noch etwas für den Abend auf der Couch aussuchen möchten, raten wir Ihnen zum Durchbruch-Film für Jennifer Lawrence „Winter’s Bone“ und zu Mickey Rourkes Comeback-Hilfe „The Wrestler“. Viel Vergnügen!

The Wrestler (2008)

Es war das Comeback des Jahres – mindestens! Mickey Rourke (9-½ Wochen, Sin City), der in den 1980ern als Ausnahmetalent mit der Ausstrahlung eines James Dean beschrieben wurde, verschwand irgendwann in den 1990ern in der Versenkung. 2008 trat er wie aus dem Nichts wieder auf die Bühne und spielte, nein kämpfte sich zurück in die Herzen Hollywoods, als hinge sein Leben davon ab – und in gewisser Weise tat es das auch. Doch nicht nur für Rourke, auch für Regisseur Darren Aronofsky (mother!, Requiem for a Dream) ist The Wrestler ebenfalls ein besonderer Film.

Einst war Randy „The Ram“ Robinson (Mickey Rourke) ein gefeierter Wrestler, doch der Preis dieses Ruhms war hoch: Der Star von einst ist ein Wrack. Seine Augen werden schlechter, ohne Hörgerät geht es nicht mehr so richtig und Ausdauer hat er auch keine mehr. Um sich über Wasser zu halten, steigt er in die gefährlichsten Ringe ein, die es gibt. Nach einem Herzanfall während eines besonders blutigen Schaukampfs erkennt Randy endlich seine Grenzen. Er nimmt Kontakt zu seiner Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) auf, findet in der Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) eine Seelengefährtin und wagt die ersten Schritte in ein gewöhnliches Berufsleben. Doch Wrestling ist mehr als ein Job, es ist Schicksal …

Bevor ich über Mickey Rourke und sein Alter Ego Randy „The Ram“ spreche, erwähne ich noch das Regie-Genie Darren Aronofsky, der nun zum zweiten Mal in unseren Filmtipps auftaucht. Der kontroverse Filmemacher zeigt sich hier von seiner geerdeten Seite und verzichtet geradezu kompromisslos auf seine gewohnte Extravaganz. Weit entfernt vom Arthouse-Kino zeigt er, dass wenig auch mehr sein kann. Am deutlichsten wird das an der Nähe zum Protagonisten: Es gibt keine Szene ohne Randy, der Stil ist dokumentarisch, und Dynamik erzeugt der Regisseur, indem er die Kamera um seinen Schützling herumkreisen lässt. So fängt er jede Nuance seiner Mimik auf, schönt nichts und bleibt authentisch. Damit bin ich schon bei Mickey Rourke. Der Schauspieler verkörpert sich in „The Wrestler“ quasi selbst. Nachdem seine Karriere ins Stocken kam, kehrte er zurück zum Profi-Boxsport und schlug sich fast bis zur Weltmeisterschaft durch. Doch letzten Endes nahm er aus dieser Zeit nichts mit als zerbrochene Knochen und ein bizarres Äußeres. Das führte unweigerlich dazu, dass ich ihn auf der Leinwand überhaupt nicht erkannte. Umso gerührter war ich bei der Recherche im Nachhinein. Mickey Rourke liefert hier sein persönliches Meisterstück ab. Selten ist eine Kino-Performance so gut und so wichtig zugleich. Ehrlich, authentisch, nahbar und herzerwärmend.

Bilder: © STUDIOCANAL HOME ENTERTAINMENT – Blu-ray

Winter’s Bone (2010)

Der rasante Aufstieg Jennifer Lawrence’ (The Hunger Games 1– 4, Silver Linings) auf den Hollywood Hills begann mit diesem Sozialdrama von Regisseurin Debra Granik (Stray Dog, Leave No Trace), die mit Winter’s Bone den gleichnamigen Roman von Daniel Woodrell eindrucksvoll verfilmte. Der Filmfestival-Liebling ist düster, ernüchternd und spannend. In diesem rauen Umfeld zeigt Jennifer Lawrence, dass sie ihre erste Hauptrolle mehr als verdient hat.

Verzweifelt sucht die siebzehnjährige Ree (Jennifer Lawrence) ihren Vater, der untergetaucht ist und das Haus der Familie samt Grundstück verpfändet hat. Wenn sie ihn nicht auftreiben kann, wird sie mit ihren kleinen Geschwistern Sonny (Isaiah Stone) und Ashlee (Ashlee Thompson) sowie der kranken Mutter auf der Straße stehen. Der Film spielt in den Wäldern der Ozark Mountains, im südlichen Missouri. In einer Welt, die aus der Welt gefallen zu sein scheint. In heruntergekommenen Blockhäusern haben sich die Menschen notdürftig eingerichtet und leben quasi von der Hand in den Mund. Bei ihren Nachbarn findet Ree bei der Suche nach ihrem Vater keine Unterstützung, überall stößt sie auf eine eiserne Wand des Schweigens und muss sich teilweise sogar anfeinden lassen. Aber warum? Die verantwortungsvolle junge Frau bleibt hartnäckig …

Heute ist Jennifer Lawrence eine Berühmtheit, spätestens seit ihrer ikonischen Hauptrolle in den vier ungemein erfolgreichen „Hunger Games“-Filmen – die übrigens auf USB-Sticks an Heliumballons heimlich nach Nordkorea geschleust wurden, um dort den revolutionären Geist der Kinohits zu beleben – ist sie eine feste Größe in Hollywood. Ihr Weg zu mehreren Oscar-Nominierungen und einer Auszeichnung war seit Winter’s Bone bemerkenswert kurz. Alle wollten und wollen nach wie vor die talentierte Schauspielerin für sich gewinnen, die längst gezeigt hat, wie wandlungsfähig sie ist. In dieser eindrucksvollen Milieu- und Charakterstudie überzeugte sie auf Anhieb. Im Alleingang trägt sie den Film, der sich absolut nicht hinter dem Lawrence-Hype des letzten Jahrzehnts verstecken muss. Regisseurin Debra Granik filmt wertfrei und authentisch, ohne mit vielen Mitteln zu dramatisieren. Dafür ist die Story allein zu gut, die Dialoge sind nuanciert und die Figuren glaubhaft. Nicht wenige von ihnen sind Laiendarsteller, die tatsächlich in dieser verlassenen Gegend leben. Winter’s Bone ist eine der wenigen Independent-Produktionen, die es zu Weltruhm gebraucht haben – verdientermaßen, wie ich finde!

Bilder: © ASCOT ELITE ENTERTAINMENT

Der Rausch (2020)

Markieren Sie sich den 22. Juli 2021 im Kalender! Dann startet in hiesigen Kinos der just als bester ausländischer Film mit dem Oscar ausgezeichnete Streifen. Nach zuvor bereits reichlich gesammelten Preisen hat das neue Werk des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg (Das Fest, Die Jagd) auch Hollywood überzeugt – und mich genauso! So wie der Regisseur erreicht auch Hauptdarsteller Mads Mikkelsen (James Bond 007: Casino Royal, Hannibal [Die Serie]) mit „Der Rausch“ seinen bisherigen Karrierehöhepunkt. Eines vorweg: Dieser Film ist zum Glück nicht die zu erwartende Moralpredigt.

Früher war Martin Lehrer aus Leidenschaft – heute sind nicht nur die Schüler von seinem fehlenden Enthusiasmus gelangweilt, auch in Martins Ehe ist die Luft raus. Seinen drei Freunden (Thomas Bo Larsen, Magnus Millang, Lars Ranthe), die am selben Gymnasium unterrichten, geht es nicht viel besser. Bei einer angeheiterten Geburtstagsrunde diskutieren sie die Theorie eines norwegischen Philosophen, nach der ein Mensch nur mit einem erhöhten Alkoholgehalt im Blut zu Bestleistungen fähig ist. Solch eine gewagte These muss überprüft werden. Die vier beschließen, den Selbsttest zu machen und während der Arbeit einen konstanten Alkoholpegel zu halten. Soll nicht sogar Churchill den Zweiten Weltkrieg im Alkoholrausch gewonnen haben? Mit neuem Antrieb stürzen sie sich in ihr geheimes Experiment. Die Wirkung lässt nicht lange auf sich warten …

Mit diesem Film wolle man die befreiende Wirkung untersuchen, die Alkohol auf Menschen haben könne, und sich davor verneigen, erklärte Regisseur Vinterberg. Was wie eine Verharmlosung des Konsums einer im Grunde genommen giftigen Lösung klingt, sei vielmehr als Tribut an das Leben zu verstehen. „Der Rausch“ sei also weniger ein Film über Alkoholkonsum, sondern ein Drama über vier Männer in der Midlife-Crisis.

Es gibt zahlreiche Momente, in denen Vinterberg zunächst irritieren mag. Würde man in der einen Szene erwarten, dass nun der Supergau, der totale Absturz durch zu hohen Alkoholkonsum kommt, bezeugt der Zuschauer die sprichwörtliche Lösung eines hartnäckigen Problems. An anderer Stelle geschieht das Umgekehrte. Und so spielt der Regisseur ungeniert mit unseren Erwartungen, unseren Vorbehalten und unseren eigenen Neigungen und Erfahrungen. Seine Darsteller, allen voran der dänische Exportschlager Mads Mikkelsen, spielen in Höchstform. So entspinnt sich eine Geschichte wie aus dem wahren Leben. Vollkommen und wertfrei. Wir sehen die zerstörerischen Folgen von Alkoholmissbrauch ebenso wie dessen beflügelnde Wirkung. Im Kern der Handlung spielt der Flaschengeist aber eine Nebenrolle. Genau das macht diesen Film so sehenswert. Jeder von uns kann sich seine ganz eigene Meinung dazu bilden, ohne dass mit erhobenem Finger der „eigentliche“ Wert des Films betont und unser Einschätzungsvermögen herausgefordert wird. Das ist ein befreiendes Gefühl, geradezu berauschend!

Bilder: © Henrik Ohsten, © 2020 Zentropa
Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

(Bryan Kolarczyk)