Allmählich nimmt der Filmbetrieb wieder Fahrt auf. Es wird zwar in nächster Zeit – wenn überhaupt – nicht wieder so sein wie vor der Corona-Pandemie, doch wir werden trotzdem neue Geschichten sehen und davon erzählen. Auch wenn Disney mit seiner Realadaption von „Mulan“ den Tabubruch beging und die bildgewaltige Produktion hierzulande auf der eigenen Streaming-Plattform Disney+ veröffentlichte, werfen die Projektoren der Lichtspielhäuser andere Bilder wieder auf die gute alte Leinwand. Den berauschenden Auftakt macht Christopher Nolan, einer unserer absoluten Lieblingsregisseure, mit seinem lange unter Verschluss gehaltenen und sogar als „Inception“-Nachfolger gehandelten Film „Tenet“. Und zur Vorfreude auf den schon bald stattfindenden „Tod auf dem Nil“ legen wir Ihnen dessen Vorgänger „Mord im Orient-Express“ ans Herz, der eine gelungene Wiederbelebung von Agatha Christies Krimiklassiker ist …

Tenet (2020)

Dafür ist das Kino erschaffen worden. Christopher Nolan („The Dark Knight“-Trilogie, „Inception“) lädt uns in eine völlig neue Welt ein, die noch kein Mensch zuvor gesehen hat. Mit abermals atemberaubenden Bildern und einer anspruchsvollen Geschichte, die unbedingte Aufmerksamkeit verlangt, zeigt uns der Regisseur, wie man Blockbuster (fast) ohne Computereffekte macht.

Die Handlung ist ebenso simpel wie hochkomplex, und damit auch nichts vorweggenommen wird, halten wir uns kurz und eng an die offizielle Synopsis: Ein namenloser Geheimagent (John David Washington), bewaffnet mit nur einem Wort, „Tenet“, zieht in den Kampf, um das Überleben der gesamten Menschheit zu sichern. Auf seinen Reisen durch die zwielichtige Welt der Spionage deckt er etwas auf, das unsere Vorstellung von Zeit herausfordert.

Filmtipps Tenet
Filmtipps Tenet

Christopher Nolan ist einer der innovativsten Filmemacher unserer Zeit und stimuliert Hirn und Auge immer zugleich. Dafür benötigt er kaum Computereffekte, sondern eine klare Vision, eine echte Filmkamera (keine digitale!) und hingebungsvolle Schauspieler wie John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki und Kenneth Branagh. „Tenet“ ist 100 Prozent Christopher Nolan. Das bedeutet, der Fokus liegt auf der Handlung, die den Zugang zur Lösung eines Rätsels enthält, das mit allen klassischen filmischen Trickmitteln ergründet wird. Es ist eine ähnlich knifflige Jagd nach dem Schlüssel wie in seinem Film „Memento“ (2000), genauso packend wie seine Batman-Filme und so nachdenklich wie „Interstellar“ (2014). Und wie bereits in diesem und in „Dunkirk“ (2017) ist Zeit das beherrschende Thema. Ohne Zweifel wird „Tenet“ auch bei mehrmaligem Schauen noch Spaß machen. Der Titel als Palindrom ist jedenfalls Aushängeschild für die ganze Erzählstruktur, und die ist nicht unbedingt beim ersten Mal zu durchschauen. Es ist schon bezeichnend, dass selbst nach Corona-bedingt mehrfacher Verschiebung des Starttermins „Tenet“ auch mit reduzierter Anzahl an Sitzplätzen im Kinosaal am ersten Wochenende doppelt so viel einspielte wie erwartet – oder besser gesagt: befürchtet. Denn die Aussichten waren angesichts der Pandemie sehr düster gewesen und die Kalkulationen, wie man die 200-Millionen-Dollar-Produktion mit Profit auf die Leinwände der Welt projizieren könnte, waren ein frustrierendes Thema. Abgesehen von seinen drei Batman-Filmen mit Christian Bale sind Nolans Filme nicht gerade herausragende Kassenschlager. Dennoch hält es Cineasten nicht auf dem Sofa zu Hause. Denn sie wissen: Einen Christopher Nolan schaut man – zumindest beim ersten Mal – immer noch im Kino.

Fotos: © 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Mord im Orient-Express (2017)

Es gibt Filme, die man am liebsten wie ein gutes Buch am gemütlichen Kaminfeuer genießen möchte, um sich bis tief in die Nacht hinein an ihnen zu erfreuen. Kenneth Branaghs „Mord im Orient-Express“ ist einer dieser Filme. Mit der fünften Filmadaption des Krimiklassikers von Agatha Christie ist dem Regisseur ein durchweg unterhaltsamer und schöner Film gelungen, der das Rad nicht neu erfindet, dafür aber eigene Akzente setzt. Und mit diesen liegt Branagh goldrichtig.

Filmtipps Mord im Orient-Express
Filmtipps Mord im Orient-Express

Nach seinem letzten Fall in Jerusalem, den der Meisterdetektiv Hercule Poirot (Kenneth Branagh) eindrucksvoll gelöst hat, wird der charismatische Belgier mit Schnurrbart nach England beordert. Sein Freund Bouc (Tom Bateman) verschafft ihm im eigentlich vollbesetzten Orient-Express einen Platz. An Bord trifft er auf Passagiere aus aller Welt. Kurz nachdem ihn der zwielichtige Geschäftsmann Edward Ratchett (Johnny Depp) aus Angst vor einem Attentäter, darum bittet, auf ihn aufzupassen, wird dieser mit zahlreichen Messerstichen ermordet aufgefunden. Poirot, der sich eigentlich nach Ruhe sehnt, nimmt die Ermittlungen auf.

Sidney Lumets Version von 1974 mit Albert Finney, Ingrid Bergmann und Sean Connery gilt als beste Adaption und wurde sowohl mit sechs Oscar-Nominierungen und einer Auszeichnung geadelt, als auch mit Agatha Christies Zufriedenheit geehrt – ein schweres Erbe für Kenneth Branagh, der hier Regisseur und Hauptdarsteller zugleich ist. Doch kaum jemand anderes als der Shakespeare-Mime hätte diesem Stoff mit so viel Charme und Liebe einen modernen Anstrich verpassen können. Von der ersten Minute an breitet sich ein so wohliges Gefühl aus, das wir beispielsweise schon von seinem vergnügten Film „Viel Lärm um nichts“ von 1993 kennen. Das liegt nicht nur an der von ihm fantastisch gespielten Hauptfigur. „Mord im Orient-Express“ ist kein überflüssiges Remake. Branaghs schauspielerische Interpretation des vermutlich größten Detektivs der Welt ist für uns die beste auf ebendieser. Sie beschränkt sich natürlich nicht nur auf die gleichnamige Buchvorlage von 1934, die allein nicht genug für diese große Rolle hergibt. Kenneth Branagh zeigt uns, was sich dem Leser in zahlreichen Printwerken Seite für Seite erschließt. Die Kamera von Haris Zambarloukos fängt manche Szenen so elegant ein, dass man gar nicht genug davon bekommt. Da wäre zum Beispiel die langsame Fahrt durch das Abteil an den Verdächtigen vorbei. Mit Poirots Augen sehen wir jeden Fahrgast auf seine Ansprache reagieren. Nichts entgeht dem Zuschauer. Kenneth Branagh dirigiert in solchen Momenten exzellent und sein hochkarätiger Cast folgt hingebungsvoll. Alles, was im Werk von 1974 vielleicht nicht so ganz überzeugte, wurde 2017 ganz fantastisch realisiert. Das Set-Design ist top, der generelle Look eine Augenweide. Man geht nicht ins (Heim-)Kino, man steigt in den Orient-Express. Dieser Film macht Lust auf einen weiteren mit und gerne auch wieder von Kenneth Branagh. Das Ende dieses Werks war eine klare Ansage: Ab dem 22. Oktober 2020 ermittelt Poirot erneut mit Charme und Schnurrbart in hiesigen Kinos.

Fotos: © 2018 Twentieth Century Fox Home Entertainment

Lady Bird (2017)

Mit ihrem Regie- und Drehbuch-Debut holte sich Greta Gerwig aus dem Stehgreif Oscar-Nominierungen in allen prestigeträchtigen Kategorien, die Höchstauszeichnungen der Golden Globes und hielt für beachtlich lange Zeit den Kritikerrekord auf der Aggregator-Plattform „Rotten Tomatoes“ (100 Prozent positive Rezensionen!). Wir sind genauso begeistert von diesem Film, dessen Indie-Charme unser Herz im Nu erobert hat.

Der Alltag von Christine „Lady Bird“ McPherson (Saoirse Ronan) im kalifornischen Sacramento besteht aus High-School-Routine, Familientrouble und ersten ernüchternden Erfahrungen mit Jungs. Kein Wunder also, dass die 17-Jährige davon träumt, flügge zu werden. Im echten Leben rebelliert sie mit Leidenschaft und Dickköpfigkeit gegen die Enge in ihrem Elternhaus. Doch allzu leicht macht ihre Mutter (Laurie Metcalf) dem eigenwillig aufgeweckten Teenager die Abnabelung natürlich nicht, und so ziehen alle beide zwischen Trotz, Wut und Resignation immer wieder sämtliche Gefühlsregister.

Auf die Frage, wie Greta Gerwig dazu kam, einen Film zu drehen, antwortete die zu dem Zeitpunkt noch relativ junge 34-jährige Filmemacherin: „Einfach machen.“ Ganz so einfach war es natürlich nicht, aber „Lady Bird“ unterstreicht die jugendhafte und ungefilterte wie auch erstaunlich weise Herangehensweise. Ihr Erstlingswerk ist so erfrischend, dass man sich fragen könnte, warum nicht mehr solcher Filme durch das Dickicht der Filmindustrie zu uns Filmeliebhabern durchdringen. Dieser Streifen erzählt auf etwas unkonventionelle Art vom Erwachsenwerden, dem Mutter-Tochter-Verhältnis und nicht zuletzt davon, was Heimat bedeutet. Wir sehen hier weniger dramaturgische Hochkultur als vielmehr eine schonungslos schöne Bestandsaufnahme einer klugen Teenagerin mit all ihren Problemchen. Es gibt keine Sensationen und keine nennenswerten Ereignisse und doch schafft es Lady Bird, die weiß Gott keine einfache Persönlichkeit ist, uns verträumt an die Leinwand zu ziehen. So authentisch war noch keine Coming-of-Age-Story aus der amerikanischen Traumfabrik.

Besonders gut lässt sich das an den fantastischen Dialogen festmachen, die auch für den einen oder anderen lachenden Aufschrei sorgen. Vorgetragen von der großartigen Saoirse Ronan und der ebenso hervorragenden Laurie Metcalf – man kann sich hier wirklich kein anderes Duo vorstellen – ist es das wichtigste Indiz für einen Film, der aus dem Leben ist. Man muss anmerken, dass „Lady Bird“ handlungsarm ist, jedoch am Ende auch das bisschen Geschichte zu einem mehr als befriedigenden Abschluss bringt. Im Grunde genommen ist der Filmtitel beziehungsweise der selbsterwählte Name der Hauptfigur die beste Beschreibung ihres Charakters und auch des Films – hier passt einfach alles zusammen!

Fotos: © 2020 UNIVERSAL STUDIOS

(Bryan Kolarczyk)