Bei der letzten Oscarverleihung hatte das südkoreanische Meisterwerk Parasite von Bong Joon-ho, das wir in unserer Winterausgabe bereits wärmstens empfohlen haben, für eine Sensation gesorgt, als es weit mehr als die Trophäe für den besten fremdsprachigen Film 2019 gewann. Zusätzlich wurde der Kinostreifen für beste Regie, Originaldrehbuch und bester Film ausgezeichnet – eine Premiere! Mit unseren aktuellen Filmtipps legen wir Ihnen eine kleine, aber erlesene Auswahl an altehrwürdigen und neuen Filmen aus dem Fernen Osten ans Herz, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Denn Parasite ist längst nicht das einzige Werk, das hierzulande mehr Aufmerksamkeit verdient.

Onibaba – Die Töterinnen (1964)

Der japanische Filmemacher Kaneto Shindô (Kinder von Hiroshima, Die nackte Insel) wirkte an unzähligen Filmen mit, verfasste – je nach Quelle – bis zu 250 Drehbücher und inszenierte über 40 selbst, seinen letzten Film im stolzen Alter von 98 Jahren. Dieser preisgekrönte dramatische Horrorfilm gehört zu Shindôs besten Werken und ist im Grunde viel mehr als ein Genrefilm. Oft wird er als erster „richtiger“ japanischer Horrorfilm überhaupt bezeichnet.

Im vom Bürgerkrieg zerrütteten Japan des 14. Jahrhunderts kämpfen eine junge Frau (Jitsuko Yoshimura) und ihre Schwiegermutter (Nobuko Otowa) allein auf sich gestellt ums nackte Überleben. Sie leben in einem riesigen Chinaschilf-Sumpfgebiet und ermorden umherirrende Samurai, die sie bis aufs letzte Hemd ausrauben, töten und anschließend ihre Leichen in eine tiefe Grube werfen. Die erlangten Wertgegenstände werden bei einem zwielichtigen Händler für Reis verkauft. Das eingespielte Zusammen(über)leben der beiden Frauen und ihr intaktes Verhältnis zueinander werden auf die Probe gestellt, als ihr Nachbar Hachi (Kei Satô) überraschend aus dem Krieg zurückkehrt und vom Tod des Mannes beziehungsweise Sohnes berichtet. Kurz darauf macht sich Hachi an die Witwe heran und schon bald beginnen beide eine leidenschaftliche Affäre. Die Schwiegermutter fürchtet fortan um ihre Existenz, die sie alleine nicht sichern kann, und wird zudem neidisch auf das frische Liebesglück der anderen. Als ein maskierter Samurai auftaucht, hat die Schwiegermutter einen heimtückischen Plan …

Filmtipps Onibaba © 1964 – Toho Company
Filmtipps Onibaba © 1964 – Toho Company

Fotos: Onibaba
© 1964 – Toho Company

Allein das als Leitmotiv fungierende Schilf ist im Wind immerzu quicklebendig und verdeckt doch den Tod, den sich die Menschen in seinem Schutze bringen. Gleichzeitig gedeihen in dieser tückischen Natur Liebe und sexueller Trieb. Regisseur Shindô fängt die sprichwörtliche Lebenslust mit ruhiger und dichter Bildsprache souverän ein und macht sie zum tragischen Konflikt einer Beziehung. Die Natur ist Lebensraum und Gefängnis und genau das bringen die Schauspieler und die elegante Inszenierung, die sich klassischer Stilelemente des traditionsreichen Nô-Theaters bedienen, eindrucksvoll rüber. Aus heutiger Perspektive besonders beeindruckend ist die erstklassige Beleuchtung des Schwarz-Weiß-Films, die eine klare Fokussierung auf Emotion unterstreicht und im Zusammenklang mit der teils schrillen Musik eine oft erdrückende Atmosphäre schafft. Somit ist dem mittlerweile verstorbenen Shindô ein zeitloses Werk über das menschliche Wesen gelungen.

Übrigens dürfte der japanische Filmemacher hiesigen Zuschauern über zwei Ecken durch einen ganz anderen Film bekannt sein: Vielleicht kennen Sie Hachikô – Eine wunderbare Freundschaft von 2009 mit Richard Gere? Dieser Hollywoodfilm ist ein Remake von Shindôs Hachikô monogatari aus dem Jahre 1987.

Filmtipps Onibaba © 1964 – Toho Company
Filmtipps Onibaba © 1964 – Toho Company

Shadow (2018)

Spektakuläre Filme wie Hero oder House of Flying Daggers haben Zhang Yimou mittlerweile zur Legende in der Filmwelt gemacht. Seit letzterem Film von 2004 ist der chinesische Regisseur zwar lediglich durch den eher mittelmäßigen Film The Great Wall von 2016 auf die große Bühne getreten. Doch mit Shadow hat er wieder einen wunderschönen Film geschaffen, den man nicht mehr vergessen wird.

Filmtipps shadow

Zur Zeit der drei Königreiche in China versucht der junge König von Pei (Zheng Kai) einen brüchigen Frieden zu wahren. Sein oberster Befehlshaber Yu (Deng Chao) hält einen neuen Krieg für unausweichlich, denn die Schmach, eine strategisch wichtige Stadt gegen seinen alten Widersacher verloren zu haben, sitzt tief. Um sein Reich von dieser Schande zu befreien, schmiedet er einen eigenen Plan. Da er nach wie vor schwer verletzt ist, ist er auf die Hilfe eines Doppelgängers angewiesen (ebenfalls Deng Chao). Nur seine Frau (Li Sun) weiß vom sogenannten Schatten am königlichen Hofe …

Dieses Historiendrama überzeugt zuvorderst als durch und durch intrigante Tragödie mit mehr als einem Plot Twist. Doch wie typisch für Regisseur Yimou sind auch die Schauwerte dieses (nicht Schwarz-Weiß-)Films über jeden Zweifel erhaben. Das zumeist – aber längst nicht durchgehend – schwarzweiße und graue Produktions- und Kostümdesign fügt sich perfekt in das immanente Dualitätsthema, das in Form der Yin und Yang-Symbolik eindeutig über allem steht, was in der Handlung vor sich geht und wie es diese beeinflusst. Überhaupt ist der gesamte Film, der ein starkes visuelles Konzept hat, in sich stimmig und dosiert Action- und Dialogszenen angenehm ausgewogen. Was man nicht genug betonen kann, ist die ruhige Exposition und Vorbereitung auf die relativ spät einsetzende Gewalt im Film, die in dessen Vermarktung ziemlich im Vordergrund stand. Nur wenige Filme mit fantastischem Actionstil inszenieren diese auch so effektiv wie Yimou. Es geht freilich nicht darum, bodenständige Kampfkunst zu präsentieren, aber selbst dafür, dass sie in Shadow selten so wahrgenommen werden kann, lenkt sie überhaupt nicht von ihrer Symbolik ab. Im Gegenteil, der ergänzende weibliche Stil im entscheidenden Zweikampf ist der Schlüssel zu einem höheren Verständnis von Kampfkunst, der für die Geschichte von besonderer Bedeutung ist. Es ist mehr als eine überlegene Technik, die der Held zumeist in klassischen Martial-Arts-Filmen erlernen muss. Regisseur Yimous Herangehensweise ist selten und dafür können Filmfans nur dankbar sein.

Fotos: Shadow
© Constantin Film Verleih GmbH

Filmtipps shadow
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A Tale of Two Sisters (2003)

Das südkoreanische Kino ist berühmt für seine Horrorfilme und gerade weil Hollywood oft mehr als enttäuschende Adaptionen auf den westlichen Markt abwirft, verweisen wir mit dieser gruseligen Tragödie von Kim Jee-woon auf eine der kreativsten Kinolandschaften der Welt.

filmtipps A Tale O fTwo Sisters
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Nach ihrer Zeit in einer psychischen Klinik kehren die Geschwister Su-mi (Lim Soo-jung) und Su-yeon (Moon Geun-young) mit ihrem Vater (Kim Kap-soo) nach Hause zurück. Die Freude über die Heimkehr währt allerdings nur kurz, da ihr Vater mittlerweile mit einer neuen Frau zusammenwohnt, die den Mädchen nichts als Misstrauen und Abneigung entgegenbringt. Doch die psychotische Stiefmutter (Yum Jung-ah) ist nicht das einzige Problem für die Schwestern. Denn das Haus wird von seltsamen Geschehnissen heimgesucht, Alpträume plagen die Kinder und so droht die ohnehin angespannte Situation zu eskalieren …

Gruselig, verstörend und unerwartet. Nur allmählich lernt man die Gründe für das seltsame Verhalten der Protagonisten kennen, die allesamt wortkarg durch ihren trostlosen Alltag schleichen. Nach und nach offenbart sich deren traumatische Vorgeschichte, die schonungslos zeigt, was Menschen sich gegenseitig antun können. Auch wenn es viele klassische Horrorelemente gibt, die unübersehbar beim japanischen Genre-Klassiker Ringu anecken, entpuppt sich die Geschichte von Kim Jee-woon als familiäres Psychodrama. Um das Geheimnis der Familie zu lösen, erhält man als Zuschauer viele Hinweise, die sich erst ganz zum Schluss sicher deuten lassen. Es gibt viel zu entschlüsseln, und so muss man tapfer bei jeder Gruselszene genau hinsehen, mag sie auch noch so unangenehm sein. Ein mörderischer Knobelspaß! So entlarven sich auch kleine Details als konkrete Folgen eines traumatischen Ursprungs. Damit sind gewisse Schocker mit harten Schnitten in kürzester Zeit und mitreißender Perspektive mehr als das, sie sind Teil eines großen Ganzen und heben den Film auf ein beachtliches Niveau. A Tale of Two Sisters verhalf dem vielseitigen und experimentierfreudigen Regisseur und Drehbuchautor Kim Jee-woon zum endgültigen Durchbruch – zu Recht!

Fotos: A Tale of Two Sisters
© capelight pictures

filmtipps A Tale O fTwo Sisters
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Kingdom (2019)

In den vergangenen Ausgaben haben wir vor allem anspruchsvollere Animes und deren Realverfilmungen empfohlen. Mit Shinsuke Satos mehr oder (viel) weniger historischem Abenteuerfilm hat es ein unterhaltsamer und actiongeladener Film in unserer Liste geschafft, bei dem man seinen Kopf abschalten und in eine farbenprächtige Welt abtauchen kann.

Filmtipp Kingdom

Die Weisen Shin (Kento Yamazaki) und Hyou (Ryô Yoshizawa) wachsen als Sklaven auf einem Bauernhof auf und träumen davon, später die größten Generäle der Welt zu werden. Die einzige Möglichkeit, auch nur den Hauch einer Chance zur Erfüllung dieses Traums, sehen sie im Schwertkampf. Unermüdlich trainieren die beiden Jungs jahrelang, bis Hyou eines Tages von einem Gesandten des Königs entdeckt und als Double des Herrschers auserkoren wird. Als Shin seinen Freund das nächste Mal sieht, liegt er blutüberströmt im Sterben. Der Bruder des Königs hat den Thron an sich gerissen und Hyou ermorden lassen. Shin schwört Rache und begibt sich auf eine Reise, die größer ist, als er sich je hätte erträumen können …

Der japanische Film basiert auf einer erfolgreichen Mangareihe, ist selbst jedoch im chinesischen Wuxia-Genre verankert, das von Heldengeschichten mit fantastischen Elementen erzählt. Diese prägen hauptsächlich die Kampfkünste des Helden oder (nicht selten auch) der Heldin, die die Gesetze der Physik mühelos überwinden. Damit ist Wuxia klar vom realistischen Martial Arts zu unterscheiden. In Kingdom kommt man also in den Genuss top choreographierter Kampfszenen, die immer vor malerischer Kulisse stattfinden. Die Reise der charmanten Figuren ist eine simple, aber vergnügliche Erkundung einer fantastischen Welt, in der es viel zu sehen gibt. Insbesondere das Kostümdesign strotzt vor Kreativität. Mit schnippischem Witz wissen die Autoren Jung und Alt zu überzeugen, wobei die Gewalt nicht gerade zu kurz kommt. Kurzweilig und absolut sehenswert! (Bryan Kolarczyk)

Fotos: Kingdom
© capelight pictures

Filmtipp Kingdom
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