Es gibt bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Auch wenn man noch so viele Filme gesehen hat, schaffen es immer wieder vereinzelte Streifen zu überraschen. Tatsächlich passiert das jedes Jahr mindestens einmal und dann wünscht man diesen Werken ein größeres Publikum. Dabei reden wir nicht nur von Arthouse-Produktionen, sondern meinen auch kuriose Kassenschlager und Trophäensammler, deren Geschichte bereits so verbraucht ist, dass man stirnrunzelnd in die Hände klatscht, wenn man wider Erwarten von dem Geschehen auf der Leinwand verzaubert wurde. Wir haben drei außergewöhnliche Filme gefunden, die unterschiedlicher kaum sein könnten und uns gleichermaßen begeistert haben. Lassen auch Sie sich begeistern …!

Loving Vincent (2017)

Das ist der erste vollständig gemalte Spielfilm und eine einzigartige Erfahrung, die man sich längst nicht nur als Kunstliebhaber ansehen sollte. Die polnisch-britische Koproduktion hat etwas möglich gemacht, an das nicht alle glaubten, und so fasziniert der als Krimi aufgebaute Film von Dorota Kobiela (Little Postman) umso mehr. Über jeden Zweifel erhaben und in jeder Hinsicht einzigartig.

Frankreich, Sommer 1891: Ein Jahr nach dem Tod Vincent van Goghs taucht plötzlich ein Brief des Künstlers an dessen Bruder Theo auf. Der Postmann Joseph Raulin (Chris O’Dowd), der mit Vincent befreundet war, beauftragt seinen Sohn Armand (Douglas Booth), nach Paris zu fahren und den Brief persönlich zu übergeben. Der junge Armand ist alles andere als begeistert. Die Verbundenheit seines Vaters zu dem Mann, der sich selbst ein Ohr abgeschnitten haben soll und in die Nervenheilanstalt eingewiesen wurde, ist ihm peinlich. Zunächst widerwillig macht er sich auf den Weg, doch je mehr er über Vincent erfährt, desto faszinierender erscheint ihm der Maler, der zeit seines Lebens auf Unverständnis und Ablehnung stieß. War es am Ende gar kein Selbstmord? Entschlossen begibt sich Armand auf die Suche nach der Wahrheit.

Bilder: © 2017 Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.
Bilder: © 2017 Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.
Bilder: © 2017 Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

Ursprünglich sollte Loving Vincent ihr sechster Animations-Kurzfilm werden, den sie komplett selbst malen wollte. Doch Regisseurin und Drehbuchautorin Dorota Kobiela ließ die Geschichte zu einem abendfüllenden Spektakel evolvieren, für das sie 124 Maler anweisen musste und nur an wenigen Szenen selbst zum Pinsel griff. Am Anfang einer Produktion weiß man nie, wie das Endergebnis tatsächlich aussehen wird, viele Zahnräder müssen ineinandergreifen und adjustiert werden, damit es überhaupt zum Abschluss kommt. Hier ist ein absolut verblüffendes Werk entstanden, das van Goghs Werke lebendig werden lässt. Seine Motive bewegen, sprechen und inspirieren den Zuschauer. Um dies zu ermöglichen, wurden reale Filmaufnahmen aufwendig übermalt und anschließend animiert. Als Ergebnis sieht der Zuschauer 65.000 hochauflösende Fotografien von echten Ölgemälden. Insgesamt gibt es im Film 94 Gemälde von van Gogh, die in ihrer Form sehr nah am Original sind, und 31 weitere, die im Wesentlichen oder in Teilen mit den Originalen übereinstimmen. Die Strichtechnik ist in diesem Film nicht nur insofern authentisch, als sie dem Stil des legendären Malers aus den Niederlanden gerecht wird. Die einzelnen Pinselstriche sorgen für Bewegung im Bild. Um beispielsweise Lichteffekte zu imitieren, erscheinen zahlreiche Pinselstriche in passender Farbe und verschwinden wieder. So ergibt sich ein quicklebendiges Schauspiel. Damit es auf die Dauer von 95 Minuten für das Publikum nicht zu anstrengend wird, wurden die zahlreichen Rückblenden in seichtem Schwarzweiß gefilmt, was ein angenehmer Ausgleich ist. Die emotionale Suche nach der Wahrheit über van Goghs tragischen Tod spielt hier zwar eine untergeordnete Rolle, ist aber dennoch so gut, dass sie nachwirkt. Nicht nur der Stil des Films bringt uns dazu, ihn allen Filmeliebhabern ans Herz zu legen. Wer mit der historischen Person und dem Werk Vincent van Goghs vertraut ist, wird die vier Jahre lange Recherche für dieses Projekt zu schätzen wissen.

Bilder: © 2017 Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

Bilder: © 2017 Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.Bilder: © 2017 Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

5 Zimmer Küche Sarg (2014)

Die faszinierende Mockumentary zeigt erstmals und mit schonungsloser Offenheit den unspektakulären Alltag einer bisher kaum erforschten Spezies. Unter lebensgefährlichen Drehbedingungen, aber mit viel Sympathie für seine Protagonisten offenbart der Film sämtliche Facetten des Schattendaseins von entwürdigenden Diskussionen mit Türstehern bis hin zur Ergriffenheit beim Anblick eines Sonnenaufgangs auf YouTube.

Bilder: © Kane Skennar

Die Vampire Viago (Taika Waititi), Vladislav (Jemaine Clement), Deacon (Jonny Brugh) und Petyr (Ben Fransham) teilen sich eine Villa in Wellington. Abgesehen vom fehlenden Spiegelbild, einseitiger Ernährung und gelegentlichen Auseinandersetzungen mit Werwölfen unterscheidet sich ihr Alltag kaum von dem einer ganz normalen WG: Streitereien um den Abwasch und gemeinsame Partynächte stehen täglich auf dem Programm. Als der 8.000-jährige Petyr den coolen Mittzwanziger Nick (Cori Gonzales-Macuer) zum Vampir macht, müssen die anderen Verantwortung für den impulsiven Frischling übernehmen und ihm die Grundregeln des ewigen Lebens beibringen. Im Gegenzug erklärt ihnen Nick die technischen Errungenschaften der modernen Gesellschaft. Als er aber seinen menschlichen Freund Stu (Stu Rutherford) anschleppt, gerät das beschauliche Leben der Vampir-Veteranen völlig aus den Fugen.

Bilder: © Kane Skennar
Bilder: © Kane Skennar
Bilder: © Kane Skennar

„Das ist voll bescheuert!“, beschwert sich Vampir Deacon über den blutigen Geschirrabwasch, den er mehrere Jahre aufgeschoben hat und nun doch machen muss. So könnte man diesen Film auch beschreiben, aber im besten Sinne! In „5 Zimmer Küche Sarg“ haben die beiden Regisseure und Drehbuchautoren Taika Waititi („Thor 3“, „Jojo Rabbit“) und Jemaine Clement („Men in Black 3“) einen Haufen bemitleidenswerter Vampire in unzählige Alltagssituationen hineingesteckt, und mag es auch noch so „bescheuert“ wirken, es ist absolut nachvollziehbar, was diese untote Männer-WG durchmacht. Der Frust der Vampire, wenn sie aufgrund der ausbleibenden expliziten Einladung des Türstehers nicht in den angesagtesten Club der Stadt kommen, ist auch für Normalsterbliche nachvollziehbar. Dann gibt es da noch die Sehnsucht nach einem schönen Sonnenaufgang, den man nur auf Video beobachten kann, oder das problematische Ankleiden ohne Spiegelbild – echte Vampirprobleme eben, wer kennt sie nicht? Für Empathie ist also gesorgt, auch wenn der ein oder andere Mensch zum Abendbrot umgebracht wird. Wesentlich für die gelungene Illusion dieser skurrilen Realität ist der Dokumentarstil. Streng genommen handelt es sich hierbei um eine Mockumentary. Der Begriff setzt sich aus den beiden englischen Worten „to mock“ für „vortäuschen“ und „documentary“ für Dokumentarfilm zusammen und bezeichnet einen fiktionalen Dokumentarfilm, in dem scheinbar reale Vorgänge in dokumentarischer Form inszeniert werden. Dass der Film stocknüchtern dokumentiert, dementsprechend wenig Story bietet und etwas pointenarm daherkommt, ist angesichts der aberwitzigen Situationskomik und der authentischen Darbietung leicht zu verschmerzen. Dieses Füllhorn an Kreativität ist unwiderstehlich gut!

Bilder: © Kane Skennar

Bilder: © Kane Skennar
Bilder: © Kane Skennar

Shape of Water: Das Flüstern des Wassers (2017)

Guillermo del Toro („Pans Labyrinth“, „Hellboy 2 – Die Goldene Armee“) war mit „Shape of Water“ auf dem Zenit seiner Karriere angelangt. Seit der Verleihung des Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig war das Retro-Märchen auf einem Siegeszug durch alle möglichen Preisverleihungen und räumte letztlich auch bei der Oscar-Verleihung ab. Und zwar zu Recht.

Es war einmal im Kalten Krieg Anfang der 1960er, als noch alles „great“ war. Da verliebte sich die stumme Putzangestellte eines US-Militärforschungslabors Elisa (Sally Hawkins) in eine dort eingesperrte und der Folter ausgesetzte amphibische Kreatur (Doug Jones), die halb Mensch, halb Fisch ist. Als Elisa herausfindet, dass das Wasserwesen getötet werden soll, will sie es mit ihrem Nachbarn Giles (Richard Jenkins) befreien. Doch der sadistische Sicherheitschef der Anlage Strickland (Michael Shannon) will das unter keinen Umständen zulassen.

Bilder: © 2017 Twentieth Century Fox. „SHAPE OF WATER : Das Flüstern des Wassers – auf DVD/Blu-ray erhältlich“
Bilder: © 2017 Twentieth Century Fox. „SHAPE OF WATER : Das Flüstern des Wassers – auf DVD/Blu-ray erhältlich“

„Je fremdartiger oder alberner die Prämisse ist, umso mehr fühle ich mich hingezogen, Kunst daraus zu machen. Und ich schraube nicht an der Prämisse herum. Ich versuche sie und die Genre-Merkmale lächerlich zu belassen und arbeite drum herum.“ Wo viele sich verbiegen, geht der Regisseur und Co-Drehbuchautor 123 Minuten lang seinen eigentümlichen Weg, bis auch der letzte Augenroller einsehen muss, dass hier nicht Hollywood, sondern das Kino gefeiert wird. Natürlich ist „Shape of Water“ vorhersehbar und naiv, es ist ja auch ein Kunstmärchen, durch und durch. Die scheinbare Schwäche ist jedoch die eigentliche Stärke dieses Films. Die Prämisse ist so fantastisch und ein so offensichtlicher Aufruf zu mehr Toleranz, dass man gar nicht anders konnte, als eine gehörige Portion Humor einfließen zu lassen. Und das gelingt grandios. Schamlos, aber mit viel Charme und Respekt wird das Geschehen eingefangen. Viele Szenen wirken fast schon grotesk, so plakativ sind sie, werden aber immer mit einem Augenzwinkern präsentiert. Handlungsabläufe sind weniger offensichtlich, als vielmehr angriffslustig. Der ein oder andere kritisiert es korrekterweise als Kitsch, aber so guten Kitsch hat man noch nicht gesehen. Del Toro bedient keine Klischees, er bedient sich dieser und dreht den Spieß ganz einfach um.

Bilder: © 2017 Twentieth Century Fox. „SHAPE OF WATER : Das Flüstern des Wassers – auf DVD/Blu-ray erhältlich“
Bilder: © 2017 Twentieth Century Fox.
„SHAPE OF WATER : Das Flüstern des Wassers – auf DVD/Blu-ray erhältlich“

Das ist intelligent, macht ungeheuer Spaß und sieht fabelhaft aus. Apropos, die Machart erinnert nicht zuletzt aufgrund der tollen Musik von Alexandre Desplat an Jean-Pierre Jeunets „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Darauf angesprochen, sagt del Toro, dass eher Terry Gilliam („Die Abenteuer des Baron Münchhausen“, „12 Monkeys“) ein erkennbarer Einfluss sei. Dem können wir im besten Sinne beipflichten! Wie eh und je, ist der Look des Films typisch für einen Del-Toro-Film. Farbenfrohe und große, detailverliebte Bühnenbilder, wenig CGI-Effekte, sondern echtes Material. Ein theatralischer Stil alter Schule, der ganz offen zeigt, dass es sich um ein Schauspiel handelt. Trotz altbekannter Schwächen war del Toro nie so stark. „Shape of Water“ ist gesellschaftspolitisch relevant, historisch eingebettet und mit durchgreifender Selbstreferenz. Der Film ist eine ideenreiche Liebeserklärung ans Kino mit einem wasserdichten Konzept und unvergesslichen Szenen. Mehr davon! (Bryan Kolarczyk)