Die Lufthansa-Maschine „Landshut“ wurde zu einem Symbol des „Deutschen Herbstes“. 2017 wurde sie aus Brasilien nach Deutschland rücküberführt. Seither wird nach einem geeigneten Ausstellungsort gesucht. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hans Wallow meint: In Frage kommt nur Bonn.
Die „Landshut“ im Jahr 1975 in Manchester, Foto © Ken Fielding
Die „Landshut“ im Jahr 1975 in Manchester, Foto © Ken Fielding

„Die ‚Landshut‘ muss nach Bonn“, sagt Hans Wallow dezidiert. „Wer sich mit der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland befasst und den ‚Deutschen Herbst‘ erlebt hat, kann für keinen anderen Standort plädieren.“

Landshut? Deutscher Herbst? Mancher muss heute, fast ein halbes Jahrhundert später, wohl schon überlegen, wovon der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Gründer des Global Club e.V. Bonn spricht. Tatsächlich aber handelt es sich um eine Schlüsselepisode aus der Geschichte der noch jungen Bundesrepublik Deutschland.

Rückblende: Die Flugsicherung in Marseille bemerkte es zuerst. Am 13. Oktober 1977 gegen 14:30 Uhr wich Lufthansa-Flug LH 181 von Mallorca nach Frankfurt vom vorgesehenen Kurs ab. Statt die Reise in nordöstlicher Richtung fortzusetzen, schwenkte die Boeing 737 „Landshut“ über dem Mittelmeer Richtung Südosten. Damit begann für die 86 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder der Maschine ein Albtraum, der erst fünf Tage später im somalischen Mogadischu enden sollte. Und für die Bonner Politik eine Krise größten Ausmaßes. Der später sogenannte „Deutsche Herbst“ strebte seinem düsteren Höhepunkt zu.

Wenige Minuten nach dem Start brachten vier Mitglieder der Volksfront zur Befreiung Palästinas (Popular Front for the Liberation of Palestine, PFLP) die Lufthansa-Maschine in ihre Gewalt. Das Terrorkommando, angeführt vom 23-jährigen Zohair Youssif Akache, alias Kapitän Märtyrer Mahmud, nannte sich „Kommando Märtyrerin Halimeh“. Was nach einer rein arabischen Angelegenheit klang, stand tatsächlich in engem Zusammenhang mit der deutschen Rote-Armee-Fraktion (RAF). Deren Angehörige hatten wenige Wochen zuvor den Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Hanns Martin Schleyer, entführt, um elf inhaftierte Gesinnungsgenossen und -genossinnen freizupressen. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt ließ sich jedoch auf die Forderung nicht ein.

Die RAF beschloss daher eine weitere Eskalation und griff auf die Unterstützung der PFLP zurück, mit der sie bereits seit längerem kooperierte. Auf diese Zusammenarbeit verwiesen auch der Deckname Zohairs und der Name des von ihm angeführten Terrorkommandos. „Märtyrer Mahmud“ war der Kampfname von Wilfried Böse, Märtyrerin Halima derjenige von Brigitte Kuhlmann. Die beiden Deutschen waren 1976 gemeinsam mit Angehörigen der PFLP an der Entführung eines Airbus der Air France ins ugandische Kampala beteiligt gewesen und bei der Befreiung der Geiseln durch israelische Spezialkräfte ums Leben gekommen. Dementsprechend deckten sich die Forderungen der Landshut-Entführer auch mit denen der RAF: Freilassung der elf inhaftierten RAF-Mitglieder, Entlassung zweier weiterer Terroristen aus türkischer Haft sowie 15 Millionen US-Dollar.

Die Palästinenser lenkten die Maschine, mit Zwischenlandung in Rom zur Treibstoffaufnahme, nach Larnaka auf Zypern um. Dort verkündeten sie ihre Forderungen. Doch auch diesmal blockte die Bundesregierung ab. In die Entscheidungsfindung in Bonn war dabei auch die CDU, mit ihrem Oppositionsführer Helmut Kohl, eingebunden.

Die Maschine setzte ihren Irrflug fort. Mehrere arabische Flughäfen wurden für ihre Landung gesperrt, doch schließlich konnte sie in den Morgenstunden des 14. Oktober 1977 in Dubai landen. Inzwischen folgte der „Landshut“ ein Flugzeug mit Angehörigen der GSG 9. Die auf Terrorbekämpfung ausgerichtete Spezialeinheit des damaligen Bundesgrenzschutzes (heute Bundespolizei) war 1972 nach der Geiselnahme von München gegründet worden, bei der palästinensische Terroristen elf israelische Athleten ermordet hatten. Zu einem Zugriff der GSG 9 kam es in Dubai jedoch nicht. Der Kapitän der Maschine, Jürgen Schumann, wurde vielmehr gezwungen, nach Aden im damaligen Südjemen weiterzufliegen.

Hans Wallow
Hans Wallow, Gründer des Global Club e.V. Bonn, Foto: © Benjamin Westhoff
„Im Bonner Bundeskanzleramt befand sich damals das Lagezentrum, in dem in jenen dramatischen Tagen die Lichter nicht ausgingen.“

Auch dort war die Landebahn gesperrt, doch wegen Treibstoffmangels unternahm Schumann eine Notlandung auf einem daneben gelegenen Sandstreifen. Die Geiselnehmer gestatteten ihm, die Maschine zu verlassen, um das Fahrwerk zu inspizieren. Aber als der Pilot erst nach einer Stunde zurückkehrte, wurde er von Zohair vor den Augen der anderen Geiseln mit einem Kopfschuss getötet. Am 17. Oktober flog der Kopilot, Jürgen Vietor, die Maschine weiter nach Mogadischu, wo sie schließlich von der GSG 9 in der sogenannten „Operation Feuerzauber“ erstürmt wurde. Drei der vier Geiselnehmer wurden getötet, ein GSG-Beamter sowie die Flugbegleiterin Gabriele Dillmann (heute Gabriele von Lutzau), die sich mit ihrer ruhigen und besonnenen Art sehr um die Fluggäste verdient gemacht hatte, wurden verwundet. Sämtliche Passagiere überlebten unverletzt. In den frühen Morgenstunden des 18. Oktober 1977 meldete der damalige Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski, der die GSG 9 nach Mogadischu begleitet hatte, nach Bonn: „Die Arbeit ist getan.“

Der „Deutsche Herbst“ jedoch war damit nicht beendet. Noch in derselben Nacht nahmen sich die RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Andreas Baader in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim das Leben, Irmgard Möller überlebte ihren Suizidversuch schwerverletzt. Am 19. Oktober gab die Terrororganisation die Ermordung Schleyers bekannt, dessen Leiche im Kofferraum eines im Elsass abgestellten Fahrzeugs gefunden wurde.

Das Flugzeug aber, dessen Name auf ewig mit dieser dramatischen Episode aus der Geschichte der „Bonner Republik“ verbunden ist, beschäftigt die deutsche Politik noch immer. Oder wieder. Die Boeing 737 flog zunächst weiter für die Lufthansa, bevor sie 1985 verkauft wurde und fortan in Frankreich, Indonesien und Lateinamerika als Passagier- und Frachtmaschine diente, zuletzt im Dienst der brasilianischen TAF Linhas Aéreas. Erst 2008 wurde sie außer Dienst gestellt und dämmerte seither auf einem Flugzeugfriedhof im brasilianischen Fortaleza vor sich hin.

Jürgen Vietor und Gabriele von Lutzau aber ließ „ihre“ Maschine nicht los. Zusammen mit dem Journalisten Martin Rupps setzten sie sich für die Rückführung der Maschine nach Deutschland ein. Tatkräftige Unterstützung erhielten sie dabei vom damaligen Außenminister Sigmar Gabriel. Und so traf das Wrack, arg lädiert, im September 2017, vierzig Jahre nach der Entführung, an Bord zweier russischer Transportmaschinen auf dem Flughafen Friedrichshafen ein. Im dortigen Dornier-Museum nämlich sollte die Maschine nach Gabriels Vorstellung ihre endgültige Heimat finden. Der Minister sorgte sogar dafür, dass die Bereitstellung von Mitteln für die „Landshut“ 2018 in den Koalitionsvertrag der Großen Koalition aufgenommen wurde. Doch noch immer lagert die Maschine in einem Hangar in der Industriestadt am Bodensee, die als Standort allerdings inzwischen vom Tisch ist, da das Dornier-Museum ausgestiegen ist. Eine angedachte Unterbringung der Maschine in der Außenstelle des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Berlin-Gatow ist mittlerweile ebenfalls Makulatur. Das Bundesverteidigungsministerium hat bereits abgewunken.

„Wenn sie noch lebten, würden auch Helmut Schmidt und Helmut Kohl sich für diesen Standort aussprechen.“
Das ehemalige Bundeskanzleramt in Bonn. Die Aufnahme stammt vom 3. Oktober 2016. Foto: © Axel Kirch, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Das ehemalige Bundeskanzleramt in Bonn. Die Aufnahme stammt vom 3. Oktober 2016.
Foto: © Axel Kirch, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

„Beide Standorte wären aber auch völlig ungeeignet“, meint Hans Wallow. Der in Bonn lebende Politiker, der 1977 als Leiter der Arbeitsgruppe „Politische Analyse“ im Bundeskanzleramt im unmittelbaren Umfeld von Bundeskanzler Helmut Schmidt arbeitete, liefert auch gleich die Erklärung dazu: „Weder Friedrichshafen noch Berlin stehen in irgendeinem Bezug zu dieser Geschichte. Sie ist unlösbar verknüpft mit Bonn, das damals Zentrum der bundesdeutschen Politik war. Im Bonner Bundeskanzleramt befand sich damals das Lagezentrum, in dem in jenen dramatischen Tagen die Lichter nicht ausgingen. Dort wurden die Entscheidungen getroffen, die den Fortgang der Ereignisse bestimmten.“

Deshalb plädiert Wallow dafür, die „Landshut“ im Bonner Bundesviertel anzusiedeln. Eingebettet in ein Ausstellungskonzept, das RAF-Terror und den „Deutschen Herbst“ insgesamt dokumentiert und an seine Opfer erinnert. Aber auch an die Politiker, die diese Krise meistern mussten. Und Wallow bewegt sich bei seiner Initiative nicht im Ungefähren. Ihm schwebt bereits ein konkreter Standort vor: unterhalb der Deutschen Welle, neben dem Bonner UN-Campus und damit auch fußläufig zum ehemaligen Bundeskanzleramt – heute Sitz des Entwicklungshilfeministeriums – und zum Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. So wäre die „Landshut“ auch eingebunden in den dortigen „Weg der Demokratie“. Wallow hat außerdem bereits zu renommierten deutschen und internationalen Architekten Kontakt aufgenommen, um der Gedenkstätte auch einen angemessenen baulichen Rahmen zu verschaffen.

Der ehemalige Abgeordnete findet für seine Idee namhafte Unterstützer. So hält etwa auch der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, die Bundesstadt als Ort der damaligen Entscheidungen für einen geeigneten Standort. Wallow ist sich zudem sicher: „Wenn sie noch lebten, würden auch Helmut Schmidt und Helmut Kohl sich für diesen Standort aussprechen.“

Womit sich schließlich die Frage nach der Finanzierung des Projekts stellt. Die aber scheint gesichert, nachdem der Bundestag am 27. November 2020 beschlossen hat, 15 Millionen Euro zur Umsetzung eines Ausstellungskonzepts bereitzustellen.

„Das sollte nun aber auch zeitnah geschehen“, so Wallow, „und zwar hier im Bonner Bundes- und UN-Viertel.“
(Rüdiger Strempel)