Die Entscheidung ist getroffen: Beethoven soll in der Bundesstadt Bonn mit einem eigenen Festspielhaus gewürdigt werden. In direkter Nachbarschaft zur Beethovenhalle wird in den nächsten Jahren eine architektonische Stadtmarke entstehen – ein neues Wahrzeichen für Bonn mit besonderem Klang. Nicht nur im Namen, sondern auch in der Architektur.

Es sind drei renommierte Architektenbüros, die vom Wettbewerbsgremium um das Beethoven-Festspielhaus nun für die nächste Runde ausgewählt wurden. Ende Oktober empfahl die Jury die Entwürfe der Architektenbüros Chipperfield aus London, kadawittfeldarchitektur aus Aachen und Valentiny mit Sitz im luxemburgischen Remerschen für die nächste Stufe. Dabei sollen nun in den kommenden Monaten die Entwürfe der drei Büros weiter konkretisiert werden hinsichtlich ihrer Gestaltung, Funktionalität und Kosten. Im Frühjahr kommenden Jahres wird dann entschieden, welcher der drei Entwürfe realisiert wird. Chipperfield führt verschiedene quaderförmige Baukörper aus weißem Beton zu einem vierstöckigen Entwurf zusammen. Die Baukörper übernehmen verschiedene Funktionen, überwinden den Höhenunterschied zwischen Rhein und Beethovenhalle und bieten Platz für eine Außenspielstätte. Herzstück ist der Musiksaal, dessen Interieur mit gemasertem Nussbaumfurnier ausgekleidet werden wird. Mit seiner von Arkaden geprägten Fassade fügt er sich in das städtebauliche Umfeld ein. kadawittfeldarchitektur greifen ebenfalls den Höhenunterschied zwischen Fluss und „Beethovenplateau“ auf, kehren diesen um und überführen ihn gestalterisch in ein sich schichtförmig erhebendes Gebäude. Innen geht es in die Gegenrichtung: Der Konzertraum positioniert sich in Anlehnung an ein Amphitheater in das Gelände und wurde in der Weinberg-Variante geplant. In der Form greift der Entwurf von kadawittfeldarchitektur die Formensprache der Beethovenhalle auf und fügt sich ohne Ecken und Kanten ins Umfeld. Bereits beim ersten Wettbewerb gab das Architektenbüro Valentiny einen Entwurf ab, der nun für die zweite Auflage überarbeitet wurde. Markant und dominant sind dabei die wellenförmige Gestaltung des Hauses. Die wellenkammförmige Aufteilung des Dachs wird in der landschaftsarchitektonischen Gestaltung fortgeführt und korrespondiert mit der großen stadt- wie rheinseitigen Glasfront, die Offenheit, Klarheit und Transparenz symbolisiert. Der Entwurf schafft eine Stadtkrone mit Anspruch an das städtebauliche Umfeld in Bonns Altstadt.

Alle drei Architekturbüros haben bereits wegweisende Entwürfe realisiert, die für ihre Formensprache, ihre Kreativität und ihren architektonischen Anspruch stehen. So erlauben sie einen Ausblick auf das Festspielhaus, in dem zu Beethovens 250. Geburtstag im Jahr 2020 zum ersten Mal aufgespielt werden soll.

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Chipperfield: Die Fassade wird unter anderem durch weiße Schleuderbetonstützen und Glaselemente bestimmt.

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kadawittfeldarchitektur: Die Natursteine Blaustein, Granit, Kalkstein, Sandstein und Terrazzo werden für die Fassade verwendet.

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Valentiny: Dominierende Elemente sind Metallpaneele mit bronzener Oberfläche und Glas.

 

David Chipperfield Architects

Das Literaturmuseum der Moderne in der Schiller-Stadt Marbach am Neckar liefert ein anschauliches Bild davon, wie sich das britische Architektenbüro David Chipperfield das Bonner Festspielhaus denkt. Deutlich erkennbar sind auch hier die Motive klassischer Architektur wie die Arkadensilhouette. Sie erinnert an einen Peripteros, einen Tempel aus der Antike mit Säulengang. Die Referenz zur Moderne liefern die verwandten Materialien wie Holz, Muschelkalk, Sichtbeton und Werkstein. Der Bau wurde von 2002 bis 2006 realisiert und im Jahr 2007 mit dem Riba Stirling Prize des Royal Institute of British Architects sowie dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichnet. Gemeinsam mit dem Schiller-Nationalmuseum bildet das Literaturmuseum der Moderne das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Größte Herausforderung war es, einen Ausstellungsraum zu schaffen, der lichtempfindliche Exponate aufnehmen kann, die die Entwicklung der deutschsprachigen Literatur der letzten 100 Jahre in der ständigen wie wechselnden Schauen nachzeichnen.

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Bürogebäude sind Herausforderungen für Architekten, denn sie entwickeln sich oft zu innerstädtischen Arealen, die außerhalb der Geschäftszeiten veröden und selten attraktiv für die Öffentlichkeit sind. Den Architekten von kadawittfeldarchitektur gelang beim Erweiterungsbau der Zentrale der AachenMünchener Versicherungen sowohl vorhandene Bausubstanz zu berücksichtigen, als auch das Gebäude städtebaulich zu integrieren. Dies wurde über Fußverbindungen, Plätze und Zonen im direkten Bezug zum Umfeld realisiert, die das Bürohaus in die Aachener Innenstadt einbinden. Der Erweiterungsbau greift die historische Flächennutzung auf und besetzt zwei Blöcke der gründerzeitlichen Stadtstruktur. Alt- und Neubau werden über einen inneren Boulevard miteinander verbunden, der eine transparente Ebene schafft, auf dem Konferenzräume, Kantine und Kommunikationszone eingerichtet wurden. Er spiegelt die äußeren Elemente von Plätzen und Wegen, schafft so die Verbindung zwischen Gärten im Innern und öffnet sich am Haupteingang repräsentativ zur Straße.

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Es gibt das berühmte Opernhaus in der Amazonasmetropole Manaus, aber auch das Konzerthaus in Trancoso, einem Stadtteil Porto Seguros im brasilianischen Bundesstaat Bahia. Es zeigt die Symbiose von Landschaft und Architektur. In direkter Nähe zum Strand greift das Gebäude die Wellen des Atlantischen Ozeans auf, gießt diese in Sichtbeton und lässt daraus ein Musikpalast werden. Dessen Besonderheit liegt darin, aus zwei verschiedenen Sälen zu bestehen – einer oberen Open-Air-Arena und darunter einem witterungsfesten Saal. Beide bieten Platz für 1.100 Zuhörer. Die sanfte Wellenführung der äußeren, massiven Fassade wird von dreieckigen Öffnungen durchbrochen, die als weiteres grundlegendes Muster für das Gebäude stehen. Diese Formensprache wird von den Nebengebäuden fortgeführt. Die Offenheit des Gebäudes senkt die Schwelle für Besucher und Zuhörer, lädt ein und gibt dem Raum so Öffentlichkeit. Gleichzeitig schafft das Konzerthaus ein architektonisches Ausrufezeichen in der Küstenstadt. Geschaffen wurde es vom luxemburgischen Architektenbüro Valentiny, das auch schon für das Kleine Festspielhaus in Salzburg verantwortlich zeichnete.

Zu Beethovens Geburtstag

Noch in diesem Jahr erfolgt die vertiefende Bearbeitung und Ausarbeitung der prämierten Entwürfe. Im ersten Quartal kommenden Jahres sollen dann marktbasierte Kostenschätzungen vorliegen. Basierend auf diesen soll die Entscheidung getroffen werden, welcher der drei Vorschläge realisiert werden wird. Der Baubeginn könnte im zweiten Quartal 2016 erfolgen, so dass drei Jahre später – etwa zur Jahresmitte 2019 – das Beethoven-Festspielhaus eröffnet werden würde, damit zur Feier des 250. Geburtstags Ludwig van Beethovens im neuen Festspielhaus aufgespielt werden kann. Doch das Konzerthaus soll nicht nur zu Ehren der Musik Beethovens dienen. Das Festspielhaus soll vielmehr ein Haus der Musik werden, das viele Sparten – von Klassik über Crossover bis Pop – vereint und ein Anziehungspunkt für alle Generationen sein wird.

Hohe Anforderungen gelten dem eigentlichen Konzertsaal. In seiner architektonischen Ausführung unterscheidet man zwischen rechteckiger Schuhschachtel (shoebox), wie sie Chipperfield für das Bonner Haus realisieren möchte, und terrassenförmigem Weinberg (vineyard), den kadawittfeldarchitektur und Valentiny in ihren Entwürfen haben. Die Schuhschachtel ist dabei die klassische Variante. Beispiele sind das Konzerthaus in Berlin, der Wiener Musikverein und die Stadthalle Wuppertal. Sie bieten einen dynamischeren Klang als die Säle im Weinberg-Design. Bekannte Vineyard-Häuser sind die Berliner und die Kölner Philharmonie sowie der Beethovensaal in Stuttgart. Die Forscher begründen den Klangvorteil der Schuhkarton-Säle damit, dass deren Seitenwände die Schallwellen des Orchesters reflektieren. Finnische Forscher fanden heraus, dass die Säle selbst dem direkten Orchesterklang etwas Eigenes hinzufügen. Dies seien Schallwellen, die innerhalb von 100 Millisekunden von den Wänden reflektiert würden. So werde der dynamische Umfang des symphonischen Klangs vergrößert. In den sogenannten Weinberg-Sälen dagegen fehlen diese Seitenwände. Das Klangbild erscheine klarer. Doch dies sei auch ein persönliches Empfinden, wie Akkustik-Forscher Jukka Pätynen sagt: „Manche Leute mögen einen sehr klaren, trennscharfen Sound, während andere eine eher kräftige, einhüllende Musik bevorzugen.“ Deshalb betrachte er mit seiner Studie die Qualität von Konzertsälen auch nicht im Sinne von „gut“ oder „schlecht“.

Unbestritten ist jedoch, dass Konzerthäuser architektonische Landmarken werden. Längst gehören beispielsweise die Berliner Philharmonie, die Elbphilharmonie in Hamburg oder das Opernhaus in Sydney zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, wenn nicht sogar zu den Wahrzeichen ihrer Stadt. Alle drei Bauwerke haben weitere Gemeinsamkeiten: Sie waren zunächst bei der heimischen Bevölkerung wenig beliebt und wurden ob ihrer Baukosten heftig kritisiert.

Fotos: © Sebastian+Hamm/iStock/thinkstock, Juliane+Jacobs/iStock/thinkstock, Beethoven Festspielhaus (3)