Architektur

Es grünt so grün …

Ein Stückchen Urwald mitten in der Stadt. Saftiges Grün statt grauem Stein. Fassaden, an denen Sonnenröschen, Wacholder, Fetthenne oder auch Koniferen wachsen. Weltweit gibt es repräsentative Gebäude und zum Teil auch private Wohnhäuser, die von vertikalen Gärten überzogen sind, denn immer mehr Architekten beschreiten bei der Gestaltung von Außenfassaden grüne Wege.

 

Begrünte Hauswände sind keine neue Erfindung. Bereits die Architekten der Antike setzten sie als natürliche Gestaltungselemente ein. Neu ist allerdings, dass zum Teil riesige Flächen senkrecht begrünt werden. Seit einiger Zeit rücken vertikale Gärten wieder verstärkt ins Bewusstsein. Hierfür sind nicht nur architektonische Finessen ausschlaggebend, sondern Studien, die der Begrünung von Wänden in den Innenstädten eine – stärker als bislang angenommen – umweltfreundliche Komponente zuschreiben. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass durch die Begrünung die Luftverschmutzung deutlich reduziert werden kann und schlagen daher vor, begrünte Wände in Straßen und an Hausmauern aufzustellen.

Botaniker und Gartenkünstler Patrick Blanc

Botaniker und Gartenkünstler Patrick Blanc

Der Botaniker und Gartenkünstler Patrick Blanc gilt als der Vater der vertikalen Gärten. Der Franzose mit den auffällig grünen Haaren verleiht Mauern, Hinterhöfen und modernen Bauten von Stararchitekten auf der ganzen Welt ein ebenfalls grünes Kleid und vereint damit Architektur und Botanik. Internationalen Ruhm erlangte der Botaniker 1998, als er die Außenseite des Pariser Kunstmuseum Fondation Cartier mit einem vertikalen Garten schmückte. Es folgten die Fassade des Musée du quai Branly in Paris, der Innenhof des Hotels „Pershing Hall“, die Mur Végétal an der Fassade der Galeries Lafayette in Berlin und die 600 Quadratmeter große Wand am CaixaForum in Madrid. Der vertikale Garten des Musée du quai Branly ist mittlerweile zum Markenzeichen des nationalen französischen Museums für außereuropäische Kunst geworden. Auf der 800 Quadratmeter großen Fläche wachsen rund 15.000 Pflanzen in 150 verschiedenen Arten. Die Wand im CaixaForum wird von 250 verschiedenen Arten begrünt.

Blanc hat bereits als 19-Jähriger während eines Thailandurlaubes entdeckt, dass Pflanzen ganz ohne Erde auskommen können. Licht und Wasser reichen zum Leben. So ist es ihnen möglich, selbst an ungewöhnlichen Orten wie Häuserfronten zu wachsen. Der Botaniker fing an, zu experimentieren und fand dann die Lösung. Als Grundlage für den vertikalen Anbau von Pflanzen nahm er ein grobmaschiges Gitter über drei Millimeter dickem, offenporigem Acryfilz. Diese Konstruktion wird an einer Wand mit integrierten Bewässerungsrohren befestigt. Die Wände werden je nach Jahreszeit etwa fünf Mal am Tag für jeweils drei Minuten von oben bewässert. Die Pflanzen nehmen nur so viel Wasser auf, wie sie gerade brauchen.

 

Vertikalgarten: Pont Max Juvénal, Aix-en-Provence, Frankreich (oben links) // CaixaForum, Madrid (oben rechts) // Musée du quai Branly, Paris (unten)

Pont Max Juvénal, Aix-en-Provence, Frankreich (oben links) // CaixaForum, Madrid (oben rechts) // Musée du quai Branly, Paris (unten)

 

Vertikale Gärten. Die Natur in der Stadt. Patrick Blanc, 192 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-8001-5910-9, Ulmer Verlag, 59,90 Euro

Vertikale Gärten. Die Natur in der Stadt. Patrick Blanc, 192 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-8001-5910-9, Ulmer Verlag, 59,90 Euro

Metropolen auf der ganzen Welt machen mittlerweile im Hinblick auf grüne Wandbekleidungen von sich reden. Mit seinem Mailänder Wohnkomplex Bosco Verticale, vertikaler Wald, gewann der Architekt Stefano Boeri den Internationalen Hochhauspreis. 800 Bäume und 20.000 Sträucher wachsen auf knapp 9.000 Quadratmetern Terrassenfläche – rund ein Hektar Grünfläche mitten Mailand.

Den bislang größten vertikalen Garten der Welt gibt es in Singapur. Tree House heißt das Gebäude mit der 24.600 Quadratmeter massiven grünen Wand, die das Bauwerk isoliert, die Luft filtert und Regenwasser sammelt. Der Garten bedeckt das Wohnhaus über 24 Stockwerke. Die Natur hat sich dort ein Stück Singapur zurückgeholt.

Patrick Blanc und Kollegen haben mit ihren vertikalen Gärten den Nerv der Zeit getroffen. Nicht nur, dass sie dem gesteigerten Bedürfnis der Menschen, Natur auch im gestressten Großstadtalltag zu erleben, entgegenkommen, sondern sie unterstützen damit den Ruf, mit Pflanzen den Effekt des Klimawandels zu dämpfen. Mittlerweile empfiehlt der Deutsche Städtetag sogar ausdrücklich die innerstädtische Begrünung von Dächern und Fassaden. 

 

Titelbild: Gardens by the Bay ist ein 101 Hektar großes Parkgelände im Zentrum von Singapur. www.gardensbythebay.com
Fotos: Patrick Blanc  (3), Shiny Things/Flickr, Christophe Grébert/Wikimedia Commons, Ulmer Verlag

    

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