Architektur

Die ganze Welt in Bonn

Nach dem Umzug von Parlament und Regierung an die Spree wurde die einstige Bundeshauptstadt Bonn zur Bundesstadt – und zu einem zunehmend beachteten Zentrum der Vereinten Nationen. Chronik und Perspektiven einer Erfolgsgeschichte.

(Von Rüdiger Strempel)

Das schnörkellose Gebäude der Vereinten Nationen ist das Werk eines Stararchitekten. Gemächlich strömt der Fluss zu Füßen des Hochhauses vorbei, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Teilen der Erde daran arbeiten, die Welt ein wenig besser zu machen. Was nach New York und dem East River klingt, liegt in Wahrheit vor unserer Haustür: Der UN-Campus am Bonner Rheinufer mit seinem Wahrzeichen, dem Langen Eugen. Nicht Le Corbusier hat ihn gezeichnet, sondern Egon Eiermann. Alles ist einige Nummern kleiner als in New York. Und dennoch eine Erfolgsgeschichte, wie der Berater der Stadt Bonn für die Vereinten Nationen, Botschafter a. D. Harald Ganns, anmerkt. „Vor dem Umzug nach Berlin gab es in Bonn einige Dutzend UN-Mitarbeiter. Heute sind es um die 1.000. Die Zahlen sprechen für sich“, so Ganns, der seit 1995 mit Fragen der Ansiedlung internationaler Organisationen in Bonn befasst ist und sich mit dem Thema auskennt wie kein Zweiter.

Tatsächlich beginnt die Geschichte der Vereinten Nationen in Bonn lange vor dem 1991 gefassten Beschluss, Parlament und Teile der Regierung von Bonn nach Berlin zu verlegen. 1951 richtete das Amt des Hochkommissars der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) ein Verbindungsbüro in der noch jungen Bundeshauptstadt ein. Zwei Jahre später folgte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Doch diese Büros, deren Gründerzeitvillen im Bad Godesberger Villenviertel seit dem Regierungsumzug längst andere Nutzer gefunden haben, waren klein und lediglich Repräsentanzen ihrer jeweiligen Organisationen bei der Bundesregierung, so wie sie in anderen Hauptstädten weltweit auch zu finden sind.

1984 aber siedelten die Vereinten Nationen eine Dienststelle anderer Art am Rhein an: Das Sekretariat des Übereinkommens zur Erhaltung der wandernden wild lebenden Tierarten. Das Übereinkommen, nach seiner englischen Bezeichnung Convention on Migratory Species, abgekürzt CMS, ist eine der ersten Umweltkonventionen, die im Gefolge des 1972 in Stockholm abgehaltenen ersten UNO-Umweltgipfels ausgehandelt wurden – und zwar in Bonn. 1979 wurde der Vertrag auf der Godesburg unterzeichnet und ist daher auch als Bonner Konvention bekannt.  Das Sekretariat nahm 1984 mit einer Handvoll Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seine Tätigkeit in Bonn auf. Winzig, noch kleiner als die Büros des UNHCR und der ILO, aber doch etwas ganz anderes. Denn es war so etwas wie das Hauptquartier der Konvention. Auch wenn es kaum jemand bemerkt hatte: Bonn war damit UN-Stadt geworden.

Was dann geschah? Im Hinblick auf die UN-Präsenz in Bonn zunächst nichts. Ansonsten aber sehr viel. Innerhalb weniger Jahre vollzog sich eine weitgehend friedliche Revolution, die das politische Gefüge der Nachkriegszeit mit seinem Blockdenken, seinem Kalten Krieg, seinem geteilten Europa in den Keller der Geschichte verbannte. Auch die Teilung Deutschlands fand damit ihr Ende. Und die Zeit Bonns als Hauptstadt.

Fünf Säulen für die Zukunft

Als Basis des Strukturwandels wurde ein Konzept erarbeitet, demzufolge die Zukunft Bonns auf fünf Säulen ruhen sollte: Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, die Rolle als zweites politisches Zentrum in Deutschland und Internationales. Das Fünf-Säulen-Konzept war in sich schlüssig und sinnvoll und die Umsetzung lief rasch an. Während sich aber vier der Säulen relativ gut von Deutschland aus bauen ließen, lagen die Dinge im Bereich Internationales, der aus Bonn ein Zentrum internationaler Zusammenarbeit machen sollte, etwas komplizierter. Hierzu bedurfte es der Ansiedlung internationaler Organisationen, die nicht per Gesetz zu einem Umzug an den Rhein verpflichtet werden konnten und hierfür erst gewonnen werden mussten. Es gibt jedoch auf internationaler Ebene ein Gentlemen’s Agreement, wonach kein Staat die in einem anderen Land beheimateten internationalen Institutionen gezielt abwirbt. Als Kandidaten für Bonn kamen also nur solche Organisationen in Betracht, die entweder neu gegründet wurden und auf der Suche nach einem Standort waren, oder die sich ohnehin mit Umzugsplänen trugen. Dabei stand und steht Bonn jedoch in Konkurrenz mit etablierten internationalen Zentren wie Brüssel, Genf, Wien oder New York, sowie zahlreichen anderen Städten, die ebenfalls ihr internationales Profil zu schärfen versuchen. Und wie sollte die Bundesregierung internationalen Organisationen einen Standort schmackhaft machen, dem sie selber gerade den Rücken kehrte?

un2Es gelang denn auch nicht alles. 1994 zerschlug sich beispielsweise die Hoffnung auf Ansiedlung der – nicht zum UN-System gehörenden – Weltzollorganisation.  Auf dem Grundstück gegenüber dem Haupteingang zur Rheinaue, das man hierfür vorgesehen hatte, baute später die VR-Bank Bonn ihren Geschäftssitz. Auch das Sekretariat des Übereinkommens zur Erhaltung der Artenvielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD), einer der beim Umweltgipfel in Rio 1992 aus der Taufe gehobenen drei sogenannten „Rio-Konventionen“, dessen Umsiedlung nach Bonn in den Neunzigerjahren wiederholt kolportiert wurde, blieb im kanadischen Montreal. Es dauerte aber letztlich doch nicht allzu lange, bis zwei größere UN-Dienststellen für Bonn gewonnen werden konnten: das Sekretariat der Klimarahmenkonvention (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) und das zum UN-Entwicklungsprogramm gehörende Freiwilligenprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Volunteers, UNV), die aus Genf nach Bonn zogen. Mit UNFCCC – ebenfalls eine der Rio-Konventionen und das Flaggschiff der UN-Umweltübereinkommen – war dabei ein besonders großer Fang gelungen.

Ein Faible für Plittersdorf

1996 wurde der erste Bonner UN-Gebäudekomplex, das Haus Carstanjen in Plittersdorf, eingeweiht. Das Anwesen blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, war einst Wohnsitz der Familie Schaaffhausen, dann der Bankiersfamilie von Carstanjen, die dort das markante historistische Schlösschen errichten ließ. Nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten beschlagnahmt, diente es ab 1949 als Bundesministerium für Angelegenheiten des Marshallplanes, von 1969 bis 1996 wurde es vom Bundesfinanzministerium genutzt. In den späten Sechzigerjahren entstand der zweckmäßig-moderne Anbau, bei dessen Entwurf auch der Architekt des Kanzlerbungalows und anderer Bundesbauten der frühen Bonner Republik, Sep Ruf, mitwirkte. Im Bundesfinanzministerium war man nicht erbaut über die Notwendigkeit, die dort untergebrachten Abteilungen aus der idyllisch in einem Park am Rheinufer gelegenen Anlage umzusiedeln. Doch es heißt, die damalige Leiterin des UNV, Brenda Gael Mc Sweeney, die zur Besichtigung der benachbarten amerikanischen (heute internationalen) Schule in Plittersdorf war, soll von der Idee, das Haus Carstanjen zum UN-Sitz zu machen, nicht mehr abzubringen gewesen sein. Am 20. Juni 1996 war es dann soweit: Der Komplex wurde in Anwesenheit des damaligen UN-Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali und der zuständigen deutschen Minister für Auswärtige Angelegenheiten, Umwelt sowie wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung  eingeweiht. Von den auf dem bekannten Foto der Einweihungszeremonie zu erkennenden Personen sind heute lediglich noch zwei in Amt und Würden: Die inzwischen karrieremäßig avancierte Angela Merkel und der die Flagge hissende UN-Polizist, der noch heute bei den Vereinten Nationen in Bonn Dienst tut. Neben den beiden aus Genf übersiedelten UN-Organisationen kohabitierten ab 1996 auch das Bonner Informationszentrum der Vereinten Nationen  (UNIC) und das Sekretariat der Bonner Konvention  in Plittersdorf.

Die nächsten Schritte gab es 1998. Zunächst folgten die Sekretariate der unter der Schirmherrschaft von CMS entstandenen Abkommen zur Erhaltung der Kleinwale in der Nord- und Ostsee, des Nordostatlantiks und der Irischen See (ASCOBANS) und zur Erhaltung der europäischen Fledermauspopulationen (UNEP/EUROBATS) ihrer Mutterorganisation an den Rhein. Die mit jeweils zwei Stellen ausgestatteten Sekretariate mit den putzig klingenden Namen lösten bundesweit in der Presse Heiterkeit aus. Fledermäuse und Kleinwale passten besser als UNFCCC ins Bild der ohnehin nie sehr Bonn-freundlichen überregionalen Presse, die, geblendet vom eher fahlen Glanz Berlins, keine Gelegenheit ausließ, um Bonn herunterzuschreiben.

Allerdings brach der Ansiedlungsreigen nicht ab. 1999 folgte mit dem Sekretariat des Übereinkommens  der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung eine weitere Rio-Konvention. Bis 2003 hatten bereits elf UN-Einrichtungen in Bonn eine neue Heimat gefunden. Hinzugekommen waren das Sekretariat des Abkommens zur Erhaltung afrikanisch-eurasischer Wasservögel (AEWA – am Namen unschwer erkennbar als ein weiterer CMS-Ableger), das Europäische Zentrum für Umwelt und Gesundheit des Regionalbüros der Weltgesundheitsorganisation für Europa (WHO-ECEH), das Internationale Zentrum für Berufsbildung der UNESCO (UNESCO-UNEVOC) und das Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS). Mit letzterem wurde der Grundstein zu einer rasch wachsenden Präsenz der UN-Universität am Rhein gelegt, die heute mit dem Vizerektorat für Europa (UNU-ViE) und weiteren Instituten und 73 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Rhein vertreten ist.

Vom Märchenschloss zum Hochhaus

Mit der wachsenden Zahl der UN-Organisationen stellte sich jedoch ein Problem: Der ursprüngliche UN-Komplex Haus Carstanjen, ausgelegt auf etwa 300 Personen, erwies sich rasch als zu klein. Die daraufhin einsetzende Verteilung der nachfolgenden Einrichtungen der Weltorganisation auf diverse Liegenschaften im Bonner Stadtgebiet und schließlich sogar die Aufsplittung einzelner Organisationen auf mehrere Gebäude konnte allenfalls als Notlösung dienen. Dies war die Geburtsstunde des Projekts ‚UN-Campus Bonn‘, dessen Aufbau aufgrund eines Beschlusses der Bundesregierung vom 28. Mai 2003 in Angriff genommen wurde. Die vom damaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin vorangetriebene Idee sah vor, die Bonner UN-Büros im früheren Bundeshauskomplex rund um den Langen Eugen zu gruppieren. Sowohl der Lange Eugen selber als auch das sogenannte Alte Abgeordnetenhochhaus sollten komplett den Vereinten Nationen zugänglich gemacht werden.

In Bonn ist man daran gewöhnt, dass Bauprojekte nur schleppend vorangehen. Auch der UN-Campus nahm relativ langsam Gestalt an. Nach aufwendiger, dem Denkmalschutz Rechnung tragender Renovierung wurde der Lange Eugen am 11. Juli 2006 unter anderem in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel und des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan (sowie des bereits zuvor erwähnten UN-Polizisten) an die Vereinten Nationen übergeben. Geplant war, dass das Klimasekretariat das Alte Hochhaus im folgenden Jahr beziehen sollte. Dieser Zeitplan wurde nicht gehalten. Die Vereinten Nationen aber hatten fortan in Bonn ein Wahrzeichen, das mit seinem weithin sichtbaren UN-Logo auf dem Dach den Status als Stadt der Vereinten Nationen symbolisiert. Die Zahl der UN-Dienststellen und die Zahl ihrer Mitarbeiter in der Stadt waren zudem nochmals gewachsen. Ebenso wie das Gewicht des Standorts unter den UN-Städten weltweit. Bei der Eröffnungszeremonie im inzwischen zum World Conference Center Bonn gehörenden ehemaligen Plenarsaal des Bundestages sagte Generalsekretär Annan: „In Bonn koordinieren die Vereinten Nationen die weiteren Anstrengungen, um Auswirkungen des Klimawandels abzuschwächen und entsprechende Maßnahmen umzusetzen. In Bonn setzen wir uns für den weltweiten Schutz der wandernden Tiere und bedrohten Arten ein. Von hier aus versuchen wir eine Milliarde Menschen vor den Folgen der Landdegradierung zu schützen. Hier konzentrieren wir uns darauf, die Frühwarnung vor Naturkatastrophen zu verbessern. Und von Bonn aus koordinieren wir die Entsendung von Tausenden internationalen Freiwilligen, die weltweit einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung leisten. All dies ist nur ein Ausschnitt unserer Arbeit hier.“

Ein etwas anders gearteter Ausschnitt aus der Arbeit der Vereinten Nationen in Bonn bestand darin, dass es weitere sechs Jahre dauern sollte, bis der zweite Abschnitt des UN-Campus, das Alte Abgeordnetenhochhaus, an die Vertreter der Vereinten Nationen übergeben werden konnte. Nachdem die Mitarbeiter des UNFCCC-Sekretariates jahrelang gehört hatten, dass sie „in drei Jahren“ oder „in Kürze“ ihren neuen Dienstsitz würden beziehen können, erfolgte die Schlüsselübergabe am 31. Oktober 2012, der tatsächliche Einzug in das Gebäude ein knappes Jahr später.

Im Prinzip ließe sich sagen, die Wartezeit hat sich gelohnt. Das nach neuesten energetischen und ökologischen Standards umgebaute, mit reichlich Kunst am Bau ausgestattete historische Gebäude ist ein Schmuckstück und bildet ein repräsentatives Entree zum UN-Campus. Ein Wermutstropfen bleibt dennoch: Der Personalbestand des Klimasekretariats hat sich seit der Planungsphase auf über 600 erhöht, das Alte Hochhaus bietet jedoch nur 300 Personen Raum. Da zugleich zwischenzeitlich die UN-Familie in Bonn auf über 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewachsen ist, besteht auch keine Möglichkeit, die restlichen UNFCCC-Bediensteten komplett im Langen Eugen unterzubringen. Sie verbleiben daher bis auf Weiteres im Haus Carstanjen. Bis auf Weiteres. Denn der UN-Campus bleibt ein „work in progress“. Ein dritter Bauabschnitt ist in Planung. Vorgesehen ist ein Neubau auf dem Bundeshaus-Komplex sowie die Eingliederung des sogenannten Wasserwerks – in dessen Übergangsplenarsaal 1991 die Entscheidung fiel, Berlin zur gesamtdeutschen Bundeshauptstadt zu erheben – und einiger weiterer Bauten in den Campus. Ein Architektenwettbewerb für den Neubau wurde inzwischen abgeschlossen, vorgesehen ist ein sich in die Umgebung einfügendes 17-stöckiges Hochhaus, das weitere 330 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klimasekretariats aufnehmen soll. Diese werden dort nicht nur arbeiten, sondern sich unter anderem auch in 2-stöckigen, mit lebenden Bäumen ausgestatteten Wintergärten von den Anstrengungen des Klimaschutzes erholen können. Der Bund wird dann rund 200 Millionen Euro in den Ausbau des UN-Campus investiert haben. Ob damit das Raumproblem gelöst sein wird, darf allerdings bezweifelt werden. Die Zahl der UN-Bediensteten in Bonn läuft den Planern immer wieder davon, ein Problem, auf das die Leiter der in der Bundesstadt beheimateten UN-Organisationen in Gesprächen immer wieder hinweisen. So meint Shyamal Majumdar, Leiter von UNESCO-UNEVOC: „Wir brauchen mehr Raum. Immer mehr internationale Institutionen möchten nach Bonn kommen.“  Ebenso sieht es der Exekutivsekretär der Bonner Konvention, Dr. Bradnee Chambers. Der kanadische Völkerrechtler, der auf eine langjährige UN-Karriere bei der UNCTAD in Genf, der Universität der Vereinten Nationen in Tokio und dem UN-Umweltprogramm (UNEP) in Nairobi zurückblickt, meint: „Wenn sich die Vorteile herumsprechen, die Bonn bietet, bin ich sicher, dass weitere UN-Dienststellen nach Bonn übersiedeln werden. Ich denke, es ist realistisch davon auszugehen, dass die Zahl der UN-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bonn in den nächsten fünf Jahren deutlich wachsen wird.“

Licht und Schatten

Das wirft die Frage auf, worin diese Vorteile bestehen. Immerhin gilt Bonn nicht gerade als quirlige Metropole oder brodelnde Weltstadt. Doch was insbesondere jüngere UN-Mitarbeiter teils als Manko empfinden, sehen andere durchaus als Vorteil: die Ruhe und auch die Überschaubarkeit der Stadt. Bradnee Chambers, der bereits in den späten Neunzigerjahren als Teilnehmer der UN-Klimaverhandlungen mehrmals jährlich in Bonn auf Dienstreise war, erinnert sich: „Was mir damals besonders ins Auge stach, war, wie unglaublich grün die Stadt ist.“ Überhaupt lässt er das Argument, Bonn sei eine urbane Gähnnummer, nicht gelten: „Das finde ich nicht. Es ist eine schöne Stadt, mit viel Kultur, Oper, Theaterveranstaltungen. Und in der Altstadt ist jedes Wochenende etwas los. Die Stadt bietet gute Dienstleistungen und Infrastruktur, guten öffentlichen Personennahverkehr. Ich liebe die alte Architektur und die wunderschönen Kirchen. Ich finde es toll, dass ich mit dem Rad ins Büro fahren kann und dass das Leben in Bonn, anders als etwa in Genf oder Paris, bezahlbar ist. Man kann es sich leisten, die Stadt zu genießen. Und sie ist durch die vielen internationalen Organisationen und global operierenden Unternehmen sehr international. Mir fallen nicht viele Orte ein, die die Vorteile städtischen Lebens mit denen des Wohnens in einer kleineren Kommune in dieser Art verbinden.“

Auch Shyamal Majumdar hebt die Atmosphäre der Stadt als positiven Faktor hervor: „Bonn ist grün, ruhig, friedlich und harmonisch. Es hat eine einzigartige Identität“, so der aus Kalkutta stammende Bildungsexperte. „Außerdem wird die Stadt immer internationaler. Dies ist auch wichtig, denn in dieser Hinsicht hapert es noch ein wenig. Wir brauchen in Bonn mehr englischsprachige Information.“

Dass die Internationalität Bonns noch ausbaufähig ist, räumen auch andere UN-Obere ein. Chambers könnte sich eine etwas internationalere Restaurantszene vorstellen.  Auch der Exekutivkoordinator des UN-Freiwilligenprogramms, Richard Dictus, merkt an: „Was in Bonn ein wenig fehlt, ist die Mehrsprachigkeit.“ Ein unter UN-Kollegen – die teils nur für relativ kurze Zeit am Rhein auf Posten sind und nicht die Zeit finden, Deutsch zu lernen – häufig geäußerter Kritikpunkt. Nicht verschwiegen werden soll auch, dass es immer wieder Fälle von unverhohlener Ausländerfeindlichkeit auch gegenüber Mitarbeitern der Vereinten Nationen und ihren Angehörigen gibt. In einer Stadt wie Bonn, die über sechs Jahrzehnte Erfahrung mit Diplomaten und anderem internationalen Personal hat, ist dies ebenso unverständlich wie inakzeptabel.

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Gaststaatgesetz

Abgesehen von Fragen der Lebensqualität – über die die Meinungen zwangsläufig auseinandergehen – bietet Bonn den Vereinten Nationen aber auch praktische, die Arbeitsbedingungen betreffende Vorteile. Majumdar hebt das herausragende Potenzial hervor, das sich aus der Gruppierung von 18 UN-Einrichtungen mit verwandten, teils überlappenden Arbeitsbereichen an einem Ort ergibt. Zudem unterstreicht er die von deutscher Seite (Bund, Land und Stadt) gewährte Unterstützung der Arbeit der Vereinten Nationen in Bonn und die Bedeutung der fortdauernden  Präsenz des Bundes am Rhein. „Die Regierungseinrichtungen in Bonn sind für unsere Arbeit ein großer Pluspunkt. Das betrifft nicht nur die Ministerien, die allerdings sehr wichtig sind, sondern auch andere Organisationen und Institutionen wie das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die Universität Bonn.  Außerdem sitzen hier viele einschlägige Nichtregierungsorganisationen. Das alles macht Bonn zu einem fantastischen Ort, um die Agenda der Nachhaltigen Entwicklung voranzubringen. Selbst der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, war beeindruckt.“  Majumdar fügt allerdings auch an: „Wir müssen aber enger zusammenarbeiten, um diese Chancen in Handeln umzusetzen.“ Hierzu hat er auch konkrete Vorstellungen und regt etwa einen all zwei Jahre stattfindenden, von den UN in Bonn in Kooperation mit der deutschen Seite ausgerichteten Multi-Stakeholder-Dialog zur Entwicklungspolitik an.

Dass die Bundesregierung in zunehmendem Maße Arbeitsplätze und gerade auch ministerielle Funktionen von Bonn nach Berlin verlagert, wird bei den Vereinten Nationen aufmerksam und durchaus kritisch registriert. Chambers, wie andere Leiter von UN-Organisationen, betont dennoch die gute Zusammenarbeit mit der deutschen Seite und die hohe Qualität der Unterbringung:  „Bonn hat den UN-Organisationen viel zu bieten“, meint der heutige Leiter des CMS-Sekretariats. „Deutschland bietet eines der besten Gastgeberstaatenpakete weltweit. Die Zweigstelle des Auswärtigen Amtes in Bonn ist sehr hilfreich und leistet hervorragende Arbeit. Die Stadt Bonn empfängt uns ebenfalls mit offenen Armen und unterstützt uns sehr. Und man stellt uns diese hervorragende Unterbringung im UN-Campus fast zum Nulltarif zur Verfügung. Der Campus ist auf dem neuesten technischen Stand und sehr modern.“ Was Chambers bedauert: „Die Stadt sollte durch mehr entsprechende Beschilderung und Ähnliches besser auf den Campus hinweisen. Überhaupt sollte durch Zeichen und Symbole mehr auf Bonns Eigenschaft als UN-Stadt hingewiesen werden. „Denken Sie nur an die UN-Beflaggung auf dem Pont du Mont Blanc in Genf!“ 

Einig sind sich die meisten führenden UN-Mitarbeiter auch, dass die Konferenzmöglichkeiten in Bonn gut sind – und dennoch verbesserungsbedürftig. Die Nachfrage nach Konferenzräumlichkeiten – von denen der UN-Campus selber etliche bietet – ist groß und bei Tagungen mit mehreren Tausend Teilnehmern ist rasch das Limit erreicht. Da war doch was? Richtig, das World Conference Center Bonn (WCCB)! Bonns seit 2009 brachliegende, seit Anfang dieses Jahres aber wieder im Bau befindliche Antwort auf den Flughafen BER oder die Elbphilharmonie in Hamburg soll kommendes Jahr – mit einer UN-Konferenz – eröffnet werden und dann Meetings mit bis zu 5.000 Teilnehmern ermöglichen. Eine Entwicklung, die insbesondere die größeren UN-Organisationen in Bonn sehnsüchtig erwarten. Dem Vernehmen nach sind bereits Ansiedlungen weiterer Organisationen zumindest auch an den Verzögerungen bei der Inbetriebnahme des Konferenzzentrums gescheitert. Es bleibt also zu hoffen, dass der anvisierte Eröffnungstermin für das WCCB diesmal gehalten wird. Immerhin tragen die UN in Bonn in erheblichem Maße zum internationalen Tagungskalender der Stadt bei. Zumal sich alle hier angesiedelten UN-Dienststellen darauf geeinigt haben, möglichst viele der von ihnen ausgerichteten Tagungen am Rhein durchzuführen. Auch, aber nicht nur im Zusammenhang mit der Ausrichtung internationaler Meetings problematisch, ist für viele UN-Angehörige und auch für die Organisationen selber die Ferne der weitgehend nach Berlin abgewanderten diplomatischen und konsularischen Vertretungen. Es löst wenig Begeisterung aus, für jedes Visum nach Berlin zu müssen.

Ein weiterer, langjähriger Kritikpunkt der UN in Bonn könnte in absehbarer Zeit ausgeräumt werden. Anders als andere UN-Gastgeberstaaten wie Österreich oder die Schweiz verfügt Deutschland bisher nicht über ein sogenanntes Gaststaatgesetz. Ein solches Gesetz, das die Vorrechte, Immunitäten und Erleichterungen regelt, die den im Land ansässigen internationalen Organisationen gewährt werden, wird seit Langem angemahnt und ist nunmehr auf Regierungsebene in der informellen Abstimmung. Sein Inkrafttreten könnte die Ansiedlung weiterer internationaler Organisationen in Bonn, wie in Deutschland überhaupt, erleichtern. Das wiederum käme auch der hiesigen Wirtschaft sehr zugute, wie Ganns betont: „Die UN schaffen eine erhebliche Umweltrentabilität. Die letzte, bereits Jahre zurückliegende Schätzung, die Jahreswirtschaftsberichte der Stadt Bonn und der Vergleich mit anderen UN-Standorten lassen erkennen, dass die internationalen Organisationen, die Bediensteten der Organisationen und ihre Familien sowie die Teilnehmer der internationalen Konferenzen in Bonn jährlich etwa 100 Millionen Euro in Bonn lassen.“

Wie lautet also das Fazit nach zwanzig Jahren Ausbau Bonns zum Standort internationaler Beziehungen? Zunächst ist festzuhalten, dass Bund, Land und Stadt in dieser Hinsicht an einem Strang gezogen und dadurch beträchtliche Erfolge erzielt haben. Mit derzeit 18 UN-Organisationen sowie weiteren, nicht der UN angehörenden internationalen Einrichtungen wie dem 2013 von Rom nach Bonn verlegten Sekretariat des Globalen Treuhandfonds für Nutzpflanzenvielfalt (Global Crop Diversity Trust) oder dem Umweltrechtszentrum der Weltnaturschutzunion (IUCN-ELC) und rund 150 Nichtregierungsorganisationen mit etwa 4.000 Beschäftigten hat sich Bonn in der Tat zu einer „Drehscheibe beim Thema Umwelt, Klima und nachhaltige Entwicklung“ gemausert, wie die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Maria Böhmer, kürzlich in einem Interview des Bonner General-Anzeiger formulierte. Kenner der Szene attestieren dem Standort zudem Potenzial für weiteres Wachstum. Richtig ist aber auch: Bonn als UN-Stadt und Zentrum internationaler Zusammenarbeit ist kein Selbstläufer. Das noch immer bestehende Image der Stadt als beschauliches Provinznest (selbst innerhalb Deutschlands ist die neue Rolle Bonns im internationalen Bereich weithin unbekannt), die im Vergleich zu anderen internationalen Städten wie New York, Brüssel oder Genf bestehende, sprachlich bedingte relative Unzugänglichkeit der Kultur, das Debakel des WCCB und einige andere Faktoren erschweren die ohnehin nicht einfache Ansiedlung weiterer internationaler Institutionen. Für die künftige Entwicklung Bonns als internationales Zentrum werden daher fortdauernde Bemühungen aller Beteiligten unerlässlich sein. Das seit Jahren bestehende Raumproblem, das die Unterbringung internationaler Organisationen erschwert und deren Ansiedlung verhindern kann, muss eine langfristige Lösung finden. Zudem wird es einer weiteren starken Präsenz des Bundes am Rhein – auch und gerade auf ministerieller Ebene – bedürfen. Bonn und die Bonner selber sollten sich in sprachlicher Hinsicht weiter öffnen und ihren internationalen Gästen – Mitarbeitern internationaler Organisationen ebenso wie Konferenzteilnehmern – ein wenig mehr Englisch im Alltag und bisweilen auch mehr Toleranz bieten. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt werden, könnten der gemeinsamen Erfolgsgeschichte Bonns und der Vereinten Nationen noch viele Kapitel hinzugefügt werden.

    

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