Freizeit

Eisschrank mit fünf Sternen

Geteiltes Leid ist halbes Leid – sagt man. Ich habe, wie sehr viele andere Menschen auch, chronische Rückenschmerzen, doch sie tun mir nicht weniger weh, nur weil ich damit nicht alleine bin. Ich mache Sport, dehne mich, achte auf meine Haltung, gehe zur Massage …, aber nichts hilft dauerhaft. Von den Besuchen bei diversen Orthopäden ganz zu schweigen. Jetzt bin ich auf dem Weg, um etwas Neues auszuprobieren. Das Zauberwort lautet: Ganzkörperkältetherapie. Mit minus 160 Grad Celsius will ich den Schmerz bekämpfen.

Von Peter Rothe

 

Ich klingele an der Tür eines wunderbar anheimelnd aussehenden Backsteinhauses in Bonn-Pützchen. Stephanie Theuerzeit öffnet mir. Sie ist Heilpraktikerin mit langjähriger Erfahrung in der Behandlung von Beschwerden und Schmerzen des aktiven und inaktiven Bewegungsapparates. Neben Massage und Akupunktur ist die Ganzkörperkältetherapie in der Kryosauna eine wichtige Säule ihres Behandlungsspektrums – weit entfernt von gemütlich und anheimelnd. Da ich mich im Vorfeld schon über die Therapie informiert habe, ist die Eiskabine für mich keine große Überraschung. Sie sieht wie eine Duschkammer aus, nur dass sie innen nicht gefliest, sondern mit blauen Plastikpolstern ausgestattet ist.

Die extreme Kälte wird durch Stickstoff erzeugt und soll schmerzlindernd und entzündungshemmend wirken. Maximal drei Minuten muss man es in der Eiskabine aushalten. Das müsste ich schaffen, mache ich mir Mut. „Durch den kräftigen, kurzen Kältereiz auf nahezu die gesamte Körperoberfläche werden unter anderem die Reflexbahnen beeinflusst und Einwirkungen auf zentrale Steuerungsfunktionen sowie das Hormon- und Immunsystem ausgelöst. Dies erklärt die schmerzlindernde Wirkung“, erklärt mir Stephanie Theuerzeit. „Weitere Effekte sind ein über die Endorphinausschüttung ausgelöster positiver Stimmungsumschwung sowie strafferes Gewebe.“ Das klingt gut und habe ich auch schon einmal gelesen. Die Ganzkörperkältetherapie wird außerdem im Sport zur Verkürzung der Regenerationszeit eingesetzt. Stars wie Franck Ribéry nutzen die heilsame Wirkung der Kälte, um schneller wieder fit zu werden.

Vor der Behandlung führe ich mit Stephanie Theuerzeit noch ein ausführliches Beratungsgespräch. „Es gibt Erkrankungen, die eine Kältetherapie ausschließen“, erläutert sie mir. Da ich keinen Bluthochdruck habe, nicht an akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen leide und weder einen Herzschrittmacher, arterielle Durchblutungsstörungen noch Kälteasthma habe, kann es losgehen. Anstatt mich warm anzuziehen, ziehe ich mich bis auf eine Badehose aus. Strümpfe müssen bleiben und ich bekomme sogar noch ein paar Filzpantoffeln zum Hineinschlüpfen. Stopp: Beinahe hätte ich die Handschuhe vergessen. „Es ist wichtig, die äußeren Extremitäten zu schützen, denn sie reagieren besonders sensibel auf Kälte“, betont Theuerzeit.

Als ich vor der Kältekabine stehe, wird mir doch etwas mulmig. Da soll ich rein? Was ist, wenn ich plötzlich panisch werde oder die Kälte nicht vertrage? Stephanie Theuerzeit versucht mich zu beruhigen: „Ihr Kopf schaut oben heraus und ich halte die ganze Zeit Blickkontakt zu Ihnen. Außerdem ist die Kälte sehr trocken, daher wird sie für gewöhnlich gar nicht so unangenehm empfunden.“ Nicht „so“ unangenehm? Was heißt „so“? Es könnte also doch unangenehm werden? Ein unwillkürliches Zurückzucken und ich spüre meinen Rücken. Ach ja, da war ja noch etwas!

 

Eissauna, Kältetherapie

 

Bevor ich es mir anders überlege, betrete ich die Kabine. Die Tür schließt sich und schon füllt sich die Kryosauna mit Stickstoff. Ich bade im Nebel und komme mir vor wie in einem Science-Fiction-Film. Während ich, wie mich Theuerzeit instruiert hat, kräftig auf der Stelle trete, spüre ich langsam die Kälte. Eine Minute ist vorbei. Noch zwei. Es wird noch kälter. Ich hebe meine Hände aus dem eisigen Dunst und lege sie auf den Kabinenrand. Sofort spüre ich eine Erleichterung. „Sie sind gleich fertig“, ermuntert mich Theuerzeit. „Noch 30 Sekunden.“ Der Nebel wabert um mich herum. Er ist trocken und nicht feucht, das macht es in der Tat gar nicht so unangenehm.

„Sie können herauskommen, die drei Minuten sind vorbei“, fordert mich Theuerzeit auf. Geschafft! Meine Haut wärmt sich schnell wieder auf. Ich fühle mich gut: fit und frisch. Aber was ist mit meinem Rücken? „Sie werden wahrscheinlich in den nächsten Stunden weniger oder auch gar keine Schmerzen spüren. Es gibt einige Patienten, da tritt eine Besserung erst nach mehreren Anwendungen ein, dafür bleibt der lindernde Effekt bei wiederholter Anwendung meist länger. Die durch die Ganzkörperkältetherapie erwirkte Zeit der Schmerzfreiheit kann man sehr gut für medizinisches Bewegungstraining und eine gezielte Massage nutzen, um den Bewegungsradius einzelner Gelenke wieder zu verbessern. Je nachdem, wie Sie auf die Kälte ansprechen, stimmen wir die individuelle Anwendungsdauer ab“, erklärt mir Stephanie Theuerzeit.

Mein Resümee: Ich bin begeistert, weil ich mich richtig gut fühle. Der stimmungsaufhellende Effekt scheint bereits eingetreten zu sein. Ich werde auf jeden Fall weitere Termine in der Eiskabine wahrnehmen und bei minus 160 Grad lächelnd für einen möglichst schmerzfreien Rücken frieren. Und dann wäre da ja noch die Sache mit dem strafferen Gewebe …

www.kaeltetherapie-bonn.de

Der Einfluss von Kälte auf das Nervensystem hat nicht nur eine schmerzlindernde Wirkung, sondern ist auch für den muskelentspannenden Effekt verantwortlich. Die tonische Aktivität der Muskulatur wird gesenkt – die Muskulatur wird weicher – und der Reflexbogen, der zwischen Schmerz und erhöhter Muskelspannung besteht, kann so unterbrochen und wieder in normale Bahnen gelenkt werden. Das Ergebnis: Der Muskeltonus wird reguliert, Verspannungen lösen sich und damit mindern sich auch die Schmerzen.

Fotos: Susanne Rothe (4)

    

Comments are closed.