Fliegen begeistert und fasziniert schon seit Tausenden von Jahren. Dem Mythos nach versuchten es bereits Ikarus und Dädalus mit selbst gebastelten Flügeln. Der Flug endete, wie man weiß, mit dem Absturz des Ikarus. Dies wäre der erste Unfall der Fliegerei – und für mich war das für viele Jahre die Bestätigung, dass Menschen nicht fliegen sollten. Doch dann habe ich im Internet Flugangst.de gefunden. Ein Klick, ein Telefonat und ich bin dabei – beim Seminar für entspanntes Fliegen.

Von Peter Rothe

Samstagmorgen, Flughafen Köln/Bonn: Dort findet im Flughafen-Hotel das zweitägige Seminar statt, dessen Höhepunkt ein Hin- und Rückflug nach München ist. Ich darf noch gar nicht daran denken. Ich habe Angst vor der Konfrontation mit der Angst und beruhige mich damit, dass es vorher erst noch jede Menge Theorie gibt.

Ich öffne die Tür und siehe da, wie passend: ein Stuhlkreis, ein Flipchart und ein Notebook. Das kenne ich, die typische Seminarumgebung vermittelt mir Vertrautes. Freundlich werde ich von Franziska Elberg begrüßt. Die Diplom-Psychologin leitet das Seminar. Unterstützt wird sie von Michael Gless, Flugkapitän der Lufthansa. Ich bin früh dran und noch sind viele Stühle leer. Mal schauen, wer noch zu meinen Leidensgenossen gehört. Kurz nach neun Uhr sind alle da.

Eine bunte Gruppe. Erstaunlich, wer unter Flugangst leidet. Ich fühle mich mit dem Problem nicht mehr so alleine. Auch, wenn man eigentlich weiß, dass es für viele Menschen sehr belastend ist, zu fliegen, glaubt man es doch erst, wenn man es sieht und hört. Nach repräsentativen Bevölkerungsumfragen fühlt sich ein Drittel bis die Hälfte aller Flugpassagiere im Flugzeug unwohl oder leidet sogar unter starken Angstzuständen. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung sind aufgrund ihrer Flugangst noch nie geflogen. Flugangst ist in allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten zu beobachten. Männer sind gleichermaßen wie Frauen betroffen.

Im Seminar neben mir sitzt ein Prozessmanager, dann sind da noch eine Unternehmerin, eine Hausfrau und Mutter, ein IT-Spezialist, ein Polizist, ein Lehrer, ein Krankenpfleger sowie eine Designerin.

So verschieden wie die Menschen sind auch die Gründe für den Besuch des Seminars. Der eine erzählt, er möchte stressfrei in den Urlaub fliegen. Für den anderen ist es eine berufliche Notwendigkeit. Lange hat er sich gedrückt, jetzt macht der Chef Druck. Zwei andere möchten einfach nicht alleine zu Hause zurückbleiben, wenn Familie und Freunde sich mit dem Flieger auf und davon machen. Die Diplom-Psychologin lässt uns erzählen, fragt nach Auslösern und wovor wir am meisten Angst haben. Vor der Höhe, vor der Enge, vor einem Terroranschlag … Meine Angst kommt daher, dass ich mir immer eingeredet habe, dass es eigentlich unmöglich sein müsste, dass diese riesigen Maschinen sich in der Luft halten.

Franziska Elberg gibt uns Taktiken an die Hand, mit denen wir lernen sollen, unsere Ängste in Griff zu bekommen. Sie macht uns aber auch klar: Nach dem Seminar verschwindet die Angst nicht wie ein Kondensstreifen am Himmel, sondern es handelt sich um einen Prozess, den man aktiv gestalten muss. Ablenkung nützt nur vorübergehend. Ich habe es – erfolglos – mit Lesen oder Musik versucht. Die Angst kommt in Wellen immer wieder. Sobald die Musik oder der Artikel zu Ende sind. Angst, so die Fachfrau, müsse man zulassen. Sie erreiche einen Höhepunkt und werde dann kleiner. Leicht gesagt, wenn man keine Flugangst hat! Doch es gibt Unterstützung in Form von Atem- und Entspannungsübungen. Auch progressive Muskelentspannung ist hilfreich. Franziska Elberg zeigt uns, wie es geht und macht Mut: „Die Erfolgsquote des Seminars liegt bei 98 Prozent.“

Flugkapitän Michael Gless, Chef eines Airbusses 320, übernimmt dann den technischen Part des Seminars. Jetzt verstehe ich endlich, warum ein Flugzeug fliegen kann. Ob mir das morgen auf dem Weg nach München hilft? Wir erfahren auch, woher diese Geräusche im Flugzeug kommen, vor denen ich mich immer so erschrecke. Hoffentlich ist das jetzt Vergangenheit – ich denke wieder mit Bauchgrummeln an morgen. Weiter geht es mit dem Thema „Thermik und Turbulenzen“. Das Fazit: Thermik hat mit der Erwärmung der Erdoberfläche zu tun und so entstehen Turbulenzen, die „vollkommen normal sind und einem Flugzeug nichts ausmachen“. Sehr gut! Hilfreich ist für mich das Bild vom Auto, das über Kopfsteinpflaster fährt. So ähnlich müsse man sich die Turbulenzen vorstellen, erklärt der Flugkapitän. Ein Flugzeug würde sich nur wenige Zentimeter nach oben und unten bewegen, bei starken Turbulenzen seien es maximal 20 bis 30 Zentimeter.

Den letzten Teil des ersten Seminartages verbringen wir in einem Airbus 320. Wir dürfen ihn besichtigen und sogar das Cockpit betreten. Beeindruckend. Mit einem letzten Blick auf die Keramikbremsen ist der Samstag wie im Flug vergangen. Und morgen geht’s nach München!!

Peter Rothe Am Flughafen KölnBonn

Unterwegs. Peter Rothe auf dem Flughafen Köln/Bonn. Gleich geht es nach München.

Die Nacht habe ich nicht gut geschlafen. Jetzt ist der Tag der Entscheidung da. Wir haben alle den Flug gebucht. Zur Einstimmung gibt es einen sogenannten Hörflug. Wir sollen uns an die Geräusche eines echten Fluges gewöhnen. Dann ist es soweit. Platz 16D steht auf meiner Bordkarte. Mit mulmigem Gefühl gehe ich zum Gate. Meine Aufregung steigt. Zum Glück beginnt sofort das Boarding. Ich setze mich. Die Maschine ist voll. Viele möchten auf´s Oktoberfest. Da wäre ich jetzt auch lieber als im Flieger. Es geht los. Die Geräusche sind tatsächlich so, wie man sie uns erklärt hat. Das Flugzeug rollt und hebt ab. Ich verkrampfe mich. Meinen Leidenskollegen geht es nicht besser. Auf einen spricht Franziska Elberg beruhigend ein. Ich versuche, die Angst auf mich zukommen zu lassen und sage mir immer wieder, dass alles so ist, wie es sein muss. Pling, das Anschnallzeichen geht aus. Ich beruhige mich und merke, dass irgendwas anders war als sonst. Ich glaube, es war einfacher, mit der Angst umzugehen. Eine halbe Stunde später landen wir in München. Kein Problem für mich. Wir haben einen kurzen Aufenthalt im Flughafen und schon geht es wieder zurück nach Köln. Diesmal habe ich Platz 15D. Die Flugvorbereitungen sind schnell vorbei und schon starten wir. Ich bin entspannt, fast vergnügt. Zurück in Köln fühle ich mich toll. Ich habe es geschafft. Ich bin geflogen. Um mich herum sehe ich nur strahlende Gesichter. Zur Belohnung gibt es ein Glas Sekt für die Helden. Jetzt dürfen wir. Vor dem Flug hatte man uns gebeten, nicht zu versuchen, die Flugangst mit Alkohol zu betäuben. Es funktioniert nur kurzzeitig, dann wird die Angst schlimmer. Umso schöner ist es jetzt. Wir stoßen an und jeder erzählt von seinen Erfahrungen.

Für mich steht fest, ich habe die Flüge in der Gruppe genossen. Die kurz aufeinander folgenden positiven Flugereignisse haben all das Negative, was ich immer mit Fliegen in Verbindung gebracht habe, verdrängt. Eine Teilnahme an einem Flugseminar mit Flug kann ich nur jedem empfehlen, der etwas gegen seine Flugangst tun möchte. Für mich heißt es jetzt, schnell wieder fliegen, damit sich alles festigt. Den nächsten Flug habe ich bereits gebucht. Zürich, ich komme!

Übrigens: Die Schlagzeile für diesen Artikel ist einem Song von Reinhard May entnommen. Der Liedtext geht mir seit dem Seminar nicht mehr aus dem Kopf: „Wind Nord/Ost, Startbahn null-drei, bis hier hör‘ ich die Motoren, wie ein Pfeil zieht sie vorbei und es dröhnt in meinen Ohren und der nasse Asphalt bebt, wie ein Schleier staubt der Regen, bis sie abhebt und sie schwebt, der Sonne entgegen, über den Wolken …“

 

Fotos: P. M. J. Rothe, Deutsche Lufthansa AG