Architektur

En unserem Veedel

Jeder Jeck ist anders. Doch alle vereint der Wunsch nach einem Wohnort, der zu seinem Leben passt. Mitten in Köln Nippes laufen die Bagger und Baukräne daher auf Hochtouren: Mit dem Ausbau des Clouth-Quartiers entsteht eine einzigartige Fusion aus Industriearchitektur und modernem Wohnen in einem vielfältigen, durchmischten Quartier. Nur einen Katzensprung von City, Park und zahlreichen Freizeitangeboten entfernt …

 

Franz Clouth war ein Visionär und Kölner Urgestein. In seinem Betrieb, der Rheinischen Gummiwarenfabrik Franz Clouth, produzierten er und seine Nachfolger über viele Jahrzehnte erfolgreich Gummierzeugnisse für verschiedenste Bereiche. Nach rund 140 Jahren Industriegeschichte wurde die Produktion 2005 stillgelegt und auf dem 14,5 Hektar großen Gelände mitten in Nippes wurde es mucksmäuschenstill. Doch das soll sich jetzt ändern. Die ersten Spatenstiche sind längst getan und die Errichtung eines neuen Stückes Stadt ist in vollem Gange: Das Clouth-Quartier soll zur neuen Heimat von rund 3.000 Menschen werden.

Auf dem ehemaligen Industrieareal zwischen Niehler Straße und Johannes-Giesberts-Park entstehen bis voraussichtlich Ende 2021 moderne Wohnungen und Arbeitsplätze sowohl in Neubauten als auch in alter Industriearchitektur. Das Ziel des neuen Clouth-Quartiers ist es, eine vielfältige Mischung von Nutzungen und Wohnangeboten für alle Bevölkerungs- und Einkommensgruppen zu schaffen. Ateliers und Büros für kreative Berufe finden sich mit Gastronomie unter einem Dach, verteilt auf Neubauten und ehemalige Industrieanlagen. Eine Kindertagesstätte, eine Jugendfilmschule und ein Mobilitätshub mit Leihfahrrädern sollen das Angebot vervollständigen. Im neuen Clouth-Quartier entstehen Eigentumswohnungen, frei finanzierte Mietwohnungen und rund 30 Prozent öffentlich geförderte Mietwohnungen. Etwa zehn Prozent der frei finanzierten Mietwohnungen werden zudem als preisgedämpfter Mietwohnungsbau errichtet. Außerdem schaffen 53 Baugruppenfamilien in Eigenregie Wohnungen in einem gemeinsamen Planungs- und Bauprozess. Das Grundstück ist bereits vollständig saniert und erschlossen, knapp 75 Prozent der Baugrundstücke sind vermarktet, die ersten 220 Wohnungen sind fertiggestellt und die ersten 450 Menschen eingezogen!

 

Die Herausforderung

Nachdem die Stadt Köln 2003 das Gelände der Clouth-Gummiwerke erworben hatte, wurde zunächst ein städtebaulicher Ideenwettbewerb durchgeführt. Schließlich entschied sich die Stadt Köln, die das Gelände gemeinsam mit der Stadtentwicklungsgesellschaft moderne stadt entwickelt, den zweitplatzierten Entwurf von scheuvens + wachten mit Gerber Architekten zur Basis für den seit 2009 rechtskräftigen Bebauungsplan zu machen. Ausschlaggebend hierfür war, dass der Entwurf es ermöglicht, historische Teile der ehemaligen Clouth-Werke in die Entwicklung zu integrieren und das 14,5 Hektar große Grundstück fest in den vorhandenen Kontext von Nippes einzubinden. „Die besondere Herausforderung bestand darin, ein neues vielfältiges Quartier im urbanen Kontext des Stadtraumes zu entwickeln, das Zukunftsaufgaben wahrnehmen kann, ohne dabei die Wahrung der historischen Identität des Geländes und seines Umfeldes aus dem Blick geraten zu lassen“, erklärt Andreas Röhrig, Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft moderne stadt. Die denkmalgeschützten Hallen, Einfassungsmauern und Torgebäude der einstigen Clouth-Werke verschmelzen gemeinsam mit verschiedenen Wohnformen, Künstlerateliers, Gastronomie und attraktiven Freiflächen. Die historischen Eingangstore mit ihren denkmalgeschützten Portierhäusern werden aufgegriffen und zu attraktiven Entrees des neuen Quartiers uminterpretiert. „Der Erhalt stadtbildprägender Substanz, die Neuinterpretation des ursprünglichen Wegenetzes sowie die Entwicklung neuer Übergänge zum angrenzenden Park zählen zu den Voraussetzungen dafür, dass sich das Areal mit den umgebenden Stadträumen verweben kann“, so Röhrig weiter. Dabei wird auch viel Wert auf das Nebeneinander von verschiedenen Konzepten und alltäglichen Details gelegt. Einen der großen Vorzüge bietet die direkte Nachbarschaft zum Johannes-Giesberts-Park, zu dem sich das Quartier öffnet.

 

clouth_quartier_WA14_clouth 1 und 2

WA 14 (links): Das Baufeld WA 14 der Wohnungsgesellschaft der Stadtwerke Köln bietet 60 Wohnungen. Die Bebauung orientiert sich am industriell vorgeprägten Charakter der alten Gebäude. // Clouth 1 und 2 (rechts): Mit Clouth 1 und 2 wird ein Traum vieler Einwohner wahr: Städtisches Wohnen mit Blick ins Grüne.

 

Clouth 1 und 2:

Am östlichen Rand des Clouth-Quartiers, direkt am Johannes-Giesberts-Park gelegen, liegen die beiden Baufelder Clouth 1 und 2 direkt gegenüber voneinander. Dort, wo Fabrik und Park von einer hohen Mauer getrennt über Jahrzehnte „Rücken an Rücken“ standen, stehen nun acht viergeschossige Baukörper, die mit ihren orange-roten Ziegelfassaden sehr schön den historischen Industriecharakter des Quartiers aufgreifen und so angeordnet wurden, dass auch die Bauten in zweiter und dritter Reihe von der schönen Lage am Park profitieren. Sowohl bei Clouth 1 als 
auch bei Clouth 2 bilden jeweils drei oder vier Häuser einen Hof aus, der sich zur Josefine-Clouth-Straße öffnet. Zwischen den beiden Baufeldern liegt die fußläufige Wegeverbindung aus Nippes durch das Quartier in den Park. Auf den 5.800 Quadratmetern stehen den Bewohnern nun insgesamt 72 Wohnungen in den Größen von 55 bis 110 Quadratmetern zur Verfügung. Alle Wohnungen verfügen über Tageslichtbäder sowie einen Balkon oder privaten Garten mit Terrasse. Unterschiede gibt es nur in der Ausrichtung, sodass die Eigentümer sich für den Blick in den Park, auf das Quartier oder in den Hof entscheiden konnten. Alle Einheiten sind seit 2016 fertiggestellt und vollständig bewohnt.

 

Clouth 104: Raum für Kreativität

Mit Clouth 104 werden auf gleich drei neuen Baufeldern gemischt genutzte Gebäudekomplexe für Büros, Gewerbe und Wohnnutzung ausgebaut. Unter Berücksichtigung der denkmalgeschützten Fassade entstehen in dem Gebäuderiegel und dem südlichen Gebäudekomplex entlang der Niehler Straße neue Büros und kleinere Gewerbeeinheiten, in denen auch Künstler und Kreative ihre Ateliers unterbringen. Die Decken werden teils 5,80 Meter hoch sein und bieten damit einen eindrucksvollen Loft-Charakter. Als weitere Besonderheit stehen den zukünftigen Mietern neben einem Laubengang auch ein Dachgarten sowie ein begrünter Innenhof zur Verfügung. Wohnungen sind in den oberen Geschossen des Gebäudekomplexes, der sich zur zentralen Quartiersmitte ausrichtet, vorgesehen. Dort entstehen rund 120 öffentlich geförderte und freifinanzierte Wohnungen. Das Projekt soll im zweiten Halbjahr 2018 fertig gestellt werden.

 

clouth quartier koelnJosefine Clouth: Die Einfamilienhausalternative

Die EinfamilienhausalternativeJosefine Clouth nennt sich das Bauvorhaben zu Ehren der Ehefrau von Franz Clouth. Sie hatte sich auch nach seinem Tod noch mit viel Hingabe für Arbeiterfamilien und deren Wohl eingesetzt. Mit 17 verschiedenen Wohneinheiten unterteilt sich Josefine Clouth in drei Baukörper, die auf einer gemeinsamen Tiefgarage erbaut sind. Die Gebäude orientieren sich an modernen Standards und werden als KfW-Effizienzhäuser errichtet. Mit einer Wohnfläche zwischen 116 und 127 Quadratmetern auf zwei Etagen und ihrer vertikalen Organisation stehen die mit hellgrauen Klinkerriemchen verkleideten Baukörper den Qualitäten von Einfamilienhäusern in nichts nach. Einzelheiten der Raumkonzeption wurden individuell mit den Käufern geplant. Jede Einheit verfügt über mindestens einen eigenen Pkw-Stellplatz, der direkt unter dem Wohnbereich liegt oder über den Keller zu erreichen ist. Die Wohnungen wurden dieses Jahr im März bezugsfertig übergeben.

 

clouth quartier koeln

Josefine: Die 17 außergewöhnlichen Stadthauswohnungen Josefine Clouth liegen im Süden des Clouth-Quartiers an der Seekabelstraße. Ihnen gegenüber befinden sich ehemalige Arbeiterhäuser, deren Backsteinfassaden und spitze Giebel noch heute von der Geschichte des Ortes erzählen.

Halle 17: Das Herzstück

Der Stadtplatz, der zusammen mit der denkmalgeschützten Halle 17 zum sozialen und kulturellen Zentrum des Quartiers werden soll, ist das Herzstück des Projekts. Die Halle 17 aus dem Jahr 1928 umfasst 8.000 Quadratmeter und wird schon bald eine Mischung aus Wohnen und Arbeiten beinhalten. Im Inneren der großen Halle sind Maisonette-Wohnungen, Stadthäuser und Penthouse-Wohnungen als Eigentums- und Mietwohnungen angedacht. Auch kleinere Gewerbeeinheiten und ein Kinderkulturhaus sind geplant. Im Nordwesten des Gebäudes erwartet die Besucher ein Café mit Außengastronomie auf dem zentralen Quartiersplatz. Vor der Halle wird auf dem 7.000 Quadratmeter großen sogenannten Luftschiffplatz eine Grün- und Freifläche entstehen. Der Platz wird vorwiegend als Aufenthalts- und Spiellandschaft dienen.

 

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Clouth 3 (links): Die schön gestalteten 28 Eigentumswohnungen von Clouth 3 bilden ein weiteres Puzzleteil im neuen Quartier. // Halle 17 (rechts): Ein gemischtes Angebot an Wohnen, Gastronomie und Freiflächen soll die denkmalgeschützte Halle 17 zum Ort der Begegnung machen.

 

Innovation und Nachhaltigkeit

So verschieden die einzelnen Projekte im neuen Clouth-Quartier sind, nachhaltige Energieversorgung spielt allgemein eine wichtige Rolle. Die Stadtwerke bietet als Gesellschafterin viele Vorteile in den Bereichen Energieversorgung, öffentlicher Personennahverkehr und Abfallentsorgung. So werden die Gebäude im Clouth-Quartier mit Fernwärme der Stadtwerketochter RheinEnergie geheizt. „Die Zuleitung konnte kostengünstig durch den Park vom benachbarten Kinderkrankenhaus der Städtischen Kliniken herangeführt werden. Der Primärenergiefaktor liegt bei null“, erklärt Andreas Röhrig. Entsprechend ist eine nachhaltige Energieversorgung gesichert. Der Telekommunikationsdienstleister NetCologne verlegte Leitungen für Telefonie und einen schnellen Internetzugang. Und die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) planen auf dem Gelände moderne Mobilitätskonzepte. So soll es Stationen für KVB-Mieträder geben sowie extra Parkplätze für Carsharing-Angebote.

Die Stadt Köln als zweiter Gesellschafter sorgte für die Einbindung von Politik und Verwaltung, vor allem beim Planungs- und Umsetzungsprozess. Das neue Quartier konnte dadurch besser an den Öffentlichen Personennahverkehr und den angrenzenden Johannes-Giesberts-Parks angebunden werden. „Der Abriss der ehemaligen Fabrikmauer, neue Rad- und Fußwege ermöglichen seit einigen Monaten, dass die Bewohner des Clouth-Quartiers durch die Grünflächen zu der ÖPNV-Haltestelle Zoo/Flora in der Amsterdamer Straße gelangen“, so Röhrig. Das gilt auch für eine Wegeverlegung im Westen des Quartiers, die nun eine neue und schönere Aussicht ermöglicht. Die Straßen im Quartier werden durchgängig im Separationsprinzip mit breiten Gehwegen und schmalen Fahrbahnen ausgebaut. „Der größte Teil wird als Tempo-30-Zone eingerichtet. Der zentrale Bereich rund um die Halle 17 wird als Mischverkehrsfläche ausgebaut und verkehrsberuhigt“, erklärt Röhrig.

 

Ein Ausblick

Die ersten Häuser stehen und die ersten Bewohner haben ihre neue Heimat bezogen. „Erst kürzlich wurde auf dem Grundstück im Südwesten des Areals eine Kindertagesstätte eröffnet, die Platz für etwa 120 Kinder bietet“, so Röhrig. Und die Entwicklung geht rasant weiter. Die denkmalgeschützte Halle 18 an der Xantener Straße beispielsweise wird zu einem Gebäude mit 30 Wohnungen und 1.500 Quadratmetern Gewerbefläche umgebaut: „Dort werden neben den Wohnungen und Büros auch eine Gastronomie und eine soziale Einrichtung der Stadt Köln einziehen.“ Im Zentrum des Quartiers baut Entwickler Pandion 74 Eigentumswohnungen, die im Herbst fertiggestellt werden. Die BPD Immobilienentwicklung baut seit Frühjahr vergangenen Jahres das Projekt „Eins & Meins“ mit insgesamt 44 Eigentumswohnungen. Die Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH errichtet weitere 52 Eigentumswohnungen. Die Wohnungsbaugenossenschaft GWG zu Köln, die ihren Wohnungsbestand überwiegend im Stadtbezirk Nippes hat, baut 36 geförderte Mietwohnungen für ihre Genossenschaftsmitglieder. Und auch Bauherr moderne stadt steckt mitten in der Umsetzung. Für die Wohnungsgesellschaft der Stadtwerke Köln mbH realisiert sie 60 Wohnungen als preisgedämpfte Mietwohnungen: „Hier wird die Quadratmetermiete in den ersten zehn Jahren nicht über 10 Euro liegen!“, betont Röhrig. So soll städtisches Wohnen bei gleichzeitig preisgünstiger Miete ermöglicht werden.

Ein vielfältiges und buntes Clouth-Quartier als einen Ort der Begegnung zu schaffen – daran beteiligen sich bis zur Fertigstellung Ende 2021 mehr als 30 Bauherrschaften mit ganz unterschiedlichen Konzepten. Mit einem klaren Städtebau, mit der Erhaltung und Umnutzung historischer Industriebauten, mit der Öffnung zum Johannes-Giesberts-Park und mit vielen kreativen Ideen haben die Stadt Köln und ihre Stadtentwicklungsgesellschaft moderne stadt die Voraussetzungen für einen Ort geschaffen, der zur neuen Heimat vieler Menschen wird.

 

Titelfoto: Baustelle: Auf dem 14,5 Hektar großen Gelände, auf dem einst die Clouth Gummiwerke AG ihre Produktionsstätte hatte, drehen sich die Kräne. Mitten im gefragten Nippes entsteht eine spannende Mischung aus Wohnungen und Gewerbe.

Fotos: Bernhard Fischer, moderne stadt GmbH (7)

    

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